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| 19:07 Uhr

Gaststudent in Schönewalde
„Die Menschen essen Gras und Müll“

 Ahmed Al Aghbari hat auch die Apotheke von Andrea Brockfeld in Schönewalde besucht. Die Apothekerin hat ihm Einblicke in die Arbeit ihres Teams gewährt.
Ahmed Al Aghbari hat auch die Apotheke von Andrea Brockfeld in Schönewalde besucht. Die Apothekerin hat ihm Einblicke in die Arbeit ihres Teams gewährt. FOTO: LR / Rudow
Schönewalde. Gaststudent aus dem Jemen hält Freitag in Schönewalde einen Vortrag zu seinem Heimatland. Von Birgit Rudow

Am Freitagabend sind die Schönewalder und alle anderen Interessierten zu einem besonderen Vortrag in die Aula der Grundschule eingeladen. Ahmed Al Aghbari berichtet in Wort und Bild über sein Heimatland Jemen, über die ältesten Städte des Landes, seine Kultur und die derzeitige politische Lage im Jemen, wo ein fürchterlicher Bürgerkrieg tobt.

Ahmed Al Aghbari ist für zwei Wochen zu Gast in Schönewalde, besser gesagt bei Sylvia und Thilo Schreier. Die Familie arbeitet mit dem Verein Experiment e.V. Bonn zusammen und ist Gastgeber für junge Menschen aus anderen Ländern. Nach Gastschülern aus Russland und einem Mädchen aus Südkorea weilt derzeit Ahmed bei den Schreiers. Der 28-Jährige hat im Jemen fünf Jahre Pharmazie studiert und wollte seinen Masterabschluss und sein Doktorat im Ausland machen, erzählt er. Favorisiert hat er die USA oder Großbritannien, weil er in einer Privatschule Englisch gelernt und auch sein Pharmaziestudium in englischer Sprache absolviert hat. „Aber dort zu studieren, war zu teuer. Da habe ich mich für Deutschland entschieden und mich an der Universität Freiburg beworben, auch, weil mein Bruder schon seit drei Jahren in Stuttgart an einer Klinik als Anästhesist arbeitet“, erzählt er.

Ahmed ist im Herbst 2017 nicht als Flüchtling nach Deutschland gekommen, sondern mit einem Visum eingereist. Beantragen konnte er es aber nicht im Jemen, weil es dort keine deutsche Botschaft gibt. „Ich musste das Visum im Oman beantragen. Fliegen kann man im Jemen nicht mehr. Also war ich drei Tage mit dem Bus in den Oman unterwegs. Diese Reise war gefährlich“, berichtet er.

In Freiburg hat Ahmed sehr schnell und gut deutsch sprechen gelernt. Das war auch die Bedingung, das Masterstudium an der Universität aufnehmen zu dürfen. „Er kann noch nicht alles korrekt ausdrücken, aber er versteht alles“, lobt Thilo Schreier seinen Schützling auf Zeit.

Wenn Ahmed über die Zustände in seinem vom Bürgerkrieg geplagten Land spricht, merkt man ihm die Aufregung und Verzweiflung sofort an. Auch er hatte 2011 große Hoffnungen in den Arabischen Frühling im Jemen gesetzt, sagt er. Auch er wollte Veränderungen nach der 33-jährigen Herrschaft des Präsidenten Ali Abdullah Salih. Doch das Land fiel ins Chaos. Seit drei Jahren, so Ahmed, herrscht ein blutiger Krieg zwischen den vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen und der von Saudi-Arabien gelenkten Regierung. „Ihnen allen geht es nicht um die Menschen, es geht nur um Geld und Macht“, sagt der 28-Jährige.

Besonders trifft es die jeminitische Bevölkerung. „Es herrschen viele Krankheiten. Cholera grassiert. Die Menschen essen Gras und Müll. Es sind schon so viele gestorben. Beamte und Angestellte erhalten seit zwei Jahren kein Geld mehr und die Rebellen werden reicher und reicher“, erzählt Ahmed.

Er hat noch einen weiteren Bruder, der in Japan als Ingenieur arbeitet, und eine 18-jährige Schwester, die seit acht Monaten in Deutschland ist. „Wir sind alle traurig, nicht im Jemen und bei den Eltern sein zu können. Aber sie haben uns geraten, das Land zu verlassen, damit wir in Sicherheit sind“, so Ahmed.

In Deutschland sei alles ganz anders als im Jemen, sagt er. Die Möglichkeit, zwei Wochen in einer deutschen Familie zu verbringen und ihren Alltag zu erleben, sei für ihn eine tolle Erfahrung. Thilo Schreier bemüht sich, Ahmed so viele Erlebnisse und Eindrücke wie möglich zu verschaffen. Er hat ihm Schönewalde gezeigt, wo er dank einer zufälligen Begegnung sogar mal in einem Häcksler übers Feld fahren durfte. Dem Studium entsprechend hat Thilo Schreier ein Gespräch mit einem Pharmavertreter vor Ort organisiert und den Besuch in der Apotheke von Andrea Brockfeld am Markt. Die Apothekerin hat Ahmed erklärt, wie das Apothekenwesen in Deutschland aufgebaut ist und wie die Ausbildung im pharmazeutischen Bereich hier funktioniert. In Jüterbog hat Ahmed die Grundschule besucht, an der Sylvia Schreier stellvertretende Schulleiterin ist. Besonders begeistert haben den Gast aus dem Jemen die Offenheit und die Kreativität der Kinder. Thilo Schreier war mit Ahmed auf Berlin-Eroberung und in dieser Woche wollen sie noch den Bundestag und Wittenberg besuchen. Am Wochenende hat sich der 25-jährige Sohn der Familie Schreier Zeit für den Gast genommen und ihn mitgenommen zu gleichaltrigen Freunden. „Ich habe hier wirklich schon viel erlebt. Thilo kennt einfach jeden“, so Ahmed.

Mit seiner Präsentation am Freitag in der Aula möchte auch er etwas zu seinem Aufenthalt in Schönewalde beitragen. Helfen wird ihm Rafuida aus Berlin. Sie ist ebenfalls eine Studentin aus dem Jemen. „Wir hoffen, dass viele Zuhörer kommen. Solch einen Vortrag aus erster Hand haben wir nicht so oft in der Stadt“, sagt Thilo Schreier.

In wenigen Tagen ist der Aufenthalt von Ahmed in Schönewalde zu Ende. Doch der Student hat noch viel vor. Dem Masterabschluss in Pharmazie will er einen weiteren Master und ein Doktorat auf dem Fachgebiet Global Urban Health anschließen und sich interdisziplinär mit gesunden Lebensbedingungen beschäftigen. Denn er möchte so schnell wie möglich in den Jemen zurück und helfen, sein Land wieder aufzubauen. „Ich hoffe, dass es in fünf, sechs Jahren soweit sein wird. Dann kann ich mit der Global-Urban-Health-Ausbildung besser helfen, als mit einem Doktor auf dem Fachgebiet Pharmazie“, ist er überzeugt. Doch erstmal möchte er noch viel mehr Schönewalder kennenlernen.

Vortrag über Jemen; Freitag, 17. Mai; 19 Uhr; Aula Grundschule Schönewalde