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| 02:41 Uhr

Für Biehla ist es mehr als "nur" der Wasserturm

Der Wasserturm – für die Biehlaer ist er ein Stück Heimat.
Der Wasserturm – für die Biehlaer ist er ein Stück Heimat. FOTO: Presse
Elsterwerda. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl? Man kommt aus dem Urlaub oder nach längerer Zeit wieder nach Hause. Wann fühlt man sich wieder in der Heimat? Wenn eine bekannte Silhouette grüßt. Oft ist es der Kirchturm. Aber für die Elsterwerdaer garantiert auch der Wasserturm auf dem Winterberg in Biehla. Doch dem geht es nicht gut. "Betreten verboten", heißt es mittlerweile. Frank Claus

Baudenkmale wie der in diesem Jahr einhundert Jahre alt gewordene Wasserturm sind oft auch identitätsstiftend. Sie sind einem ans Herz gewachsen. Aber sie sind eben auch Denkmal, weil sie alt sind - und nicht selten knabbert das Alter auch an ihrer Substanz. Traurig liest sich das, was Elsterwerdas Stadtarchivare auf die letzte Seite einer kleinen Informationsschrift zu ihrem lieb gewordenen Turm geschrieben haben:

"Inzwischen scheinen die Tage des Biehlaer Wasserturms gezählt zu sein. Aufgrund seines Alters sind aufwendige Rekonstruktionsmaßnahmen erforderlich, die viel Geld verschlingen. Es bleibt zu hoffen, dass das kulturhistorisch und architektonisch wertvolle Baudenkmal in Elsterwerda-Biehla nicht das gleiche Schicksal der Sprengung erleidet wie der Wasserturm in Bad Liebenwerda."

Zwischenschnitt: Biehlas Wasserturm wird nicht gesprengt! Im Gegenteil, in der Elsterwerdaer Stadtverwaltung sind intensive Bemühungen zum Erhalt des Baudenkmals angelaufen. "Wir haben in einem ersten Schritt eine Bausubstanzprüfung anfertigen lassen, die Mängel in Schrift- und Bildform schon sehr detailliert aufzeigt", berichtet Bürgermeister Dieter Herrchen.

Die LAUSITZER RUNDSCHAU hat sich mit Elsterwerdas Bauamtsleiter Uwe Schaefer auf den Weg begeben, um sich selbst ein Bild zu machen. Es benötigt nicht viel Fachkenntnis, um schon von außen zu sehen, dass der Turm verwundet ist. An zahlreichen Stellen platzt Beton ab. Rostiger Bewehrungsstahl schimmert durch. Die Beton-Dachschrägen sehen mürbe aus, der halbrunde Brunnen unterhalb der Treppe an der Eingangstür ist vom Mauerwerk abgerissen. In den fast zwei Zentimeter breiten Spalt bohrt sich an einigen Stellen der Finger mühelos dazwischen.

Die Eingangstür wirkt da noch fast modern. Hinauf geht es auf knapp ein Meter breiten Stufen, immer um den dicken, 90 Kubikmeter Wasser fassenden Kessel aus Beton herum. Jetzt stehen wir auf den zwei Kammern, wie die schweren Eisendeckel verdeutlichen. Einer lässt sich öffnen. Zu sehen ist nicht viel beim Blick in die gähnende Tiefe. Abgeplatzte Wandbeschichtungen, die auf dem Boden liegen, und die angerosteten Stufen der Leiter. Das war's.

Da ist der Blick in die Höhe, in die fast mittig die Wendeltreppe nach oben führt, imposanter. "Hier könnten Märchenfilme gedreht werden", schießt es mir durch den Kopf und Erinnerungen an alte Defa-Streifen werden wach. Doch schnell zeigt Uwe Schaefer wieder auf die rauere Realität. Der feuchte Boden auf dem Behälter beweist, Wasser dringt über die Betonkuppel ein und sucht sich seinen Weg bis auf die Mittelebene. Die Treppenstufen hinauf sind wenig ausgetreten. Die Pfosten des Geländers wirken nicht mehr ganz vertrauenswürdig. Dann wackelt der Bauamtsleiter plötzlich an einer Stütze, die eigentlich die Plattform stabil halten soll. "Die hält nichts mehr", sagt er. Nun ist der Aussichtsbereich erreicht. Wenn nicht, wie an diesem Tag gerade, Nebel herrscht, bietet sich ein reizvoller Blick ins Elsterland bis weit nach Sachsen hinüber.

Doch auch hier bleibt wenig Zeit zu schwärmen. Die Betonkuppel ist gerissen. Eis, Stürme und Regen haben tiefe Wunden im Betonmantel hinterlassen. "Ob wir das noch erhalten können?" - Uwe Schaefer ist skeptisch. Und dennoch hat er zum Termin zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und gleich einen Zimmermann mit nach oben genommen. Er soll ein Kostenangebot für einen provisorischen Schutz erstellen. Die Kuppel des Turms soll mit einem Wetterhäuschen aus Holz eingehaust werden, die Dachschrägen eine Bitumenschweißbahn erhalten, damit nicht noch mehr Wasser eintritt. Die Stadt Elsterwerda hat den festen Willen, das Bauwerk zu erhalten, ist sich der Unterstützung der Denkmalbehörde des Kreises gewiss und weiß den Heimatverein Biehla hinter sich.

Die Strategie ist fest umrissen: Wenn der städtische Haushalt es zulässt und die Abgeordneten dem Erhalt ebenfalls den nötigen Stellenwert einräumen, soll 2014 ein Sanierungskonzept in Auftrag gegeben werden. Kosten etwa 13 500 Euro. In dessen Ergebnis sollen erste belastbare Zahlen vorgelegt werden. Pi mal Daumen rechnet Schaefer mit einer Summe um die 200 000 Euro, aber bei historischer Substanz wisse man nie, was einen erwartet. Nach der Kostenanalyse hätten die Abgeordneten dann über den Sanierungsbeschluss zu entscheiden. Ziel sei eine Sanierung mit dem Zweck, das Einzeldenkmal zu erhalten und es als Aussichtsplattform zu festgelegten Ereignissen zu nutzen. Eine Daueröffnung ist nicht möglich, die Turmbesteigung kann auch nach der Sanierung nur unter Aufsicht gewährleistet werden.

Aus der Geschichte: Gebaut wurde der Wasserturm im Jahr 1913, außer Dienst ging er im Jahr 2003. Die Bauweise und der Schriftzug "Wasserturm der Gemeinde Biehla, erbaut im 100. Jahr nach der Befreiung Deutschlands vom corsischen Joche" belegen die Beziehung zum Sieg über Napoleon und zur Völkerschlacht bei Leipzig. Nicht umsonst ist die Silhouette des Biehlaer Turmes dem Völkerschlachtdenkmal nachempfunden.

Nach Ansicht der Geschichtsforscher ist das Baujahr bewusst gewählt worden. Der Turm sollte an das Massaker von 1813 erinnern und zugleich stand 1913 den Deutschen ein neuer Krieg ins Haus, an dem die Franzosen wieder mit beteiligt waren.

Nicht mehr zu sehen ist am Gemäuer das Biehlaer Wappen, das ein Pferd in sich trägt. Einer Sage nach soll es ein Schimmel gewesen sein, der im benachbarten Sumpf- und Dickichtgebiet vor plündernden Truppen versteckt worden war und so als einziges Pferd übrig geblieben sein soll. Über die Geschichte des halbrunden Brunnens mit seinem Fabelwesen in der Mitte ist den Heimatforschern zufolge nichts bekannt.