ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:44 Uhr

Kleingärtner
Frohes Schaffen in „Frohes Schaffen“

Bernd Gebauer ist Kleingartenprofi. Seit 37 Jahren hat er seinen Garten in der Sparte „Frohes Schaffen“. Für ihn ist er das „eigentliche Zuhause“.
Bernd Gebauer ist Kleingartenprofi. Seit 37 Jahren hat er seinen Garten in der Sparte „Frohes Schaffen“. Für ihn ist er das „eigentliche Zuhause“. FOTO: LR / Rudow
Herzberg. Die Kleingartensparten in der Region Herzberg sind grüne Oasen. Sie kämpfen aber auch mit vielen Problemen wie Leerstand, alten Stromleitungen oder zu wenig Gärtnernachwuchs. In den Kommunen fordern sie mehr Beachtung. Von Birgit Rudow

Zwölf Kleingärtnervereine mit 787 Mitgliedern sind im Regionalverband der Gartenfreunde Herzberg und Umgebung organisiert – fünf in Herzberg, vier in Falkenberg und je einer in Uebigau, Schlieben und Brandis. Sie bewirtschaften insgesamt 1100 Parzellen.

Die Kleingärtner möchten und brauchen mehr Beachtung in ihren Kommunen. Das sieht nicht nur der Regionalvorsitzende Rolf-Jürgen Herrmann so. Auch wenn er seine Funktion in der Region Herzberg demnächst auf- und an Peter Müller abgibt, arbeitet er bis zum Schluss dafür. „Die bisher gültige Förderkulisse war vor allem auf die Innenstädte fokussiert. Die Kleingartensparten liegen aber zumeist in den Außenbereichen. Sie sind Bestandteil des städtischen Grüns. Die Sparten kann jeder begehen. Wir hoffen, in den integrierten Stadtentwicklungskonzepten (Insek), die die kommunalen Flächen insgesamt betrachten, künftig eine stärkere Rolle zu spielen“, sagt er.

Deshalb gab es vor einigen Tagen auch ein Gespräch der Herzberger Vereine mit Bürgermeister Karsten Eule-Prütz. Die Schwierigkeiten, mit denen die Sparten kämpfen, sind überall die gleichen: Der Altersdurchschnitt der Kleingärtner ist sehr hoch. Überall stehen Parzellen leer. Junge Leute haben oft eine andere Vorstellung von Garten und Erholung in der Sparte als ältere. Die Integration von Flüchtlingsfamilien gestaltet sich, anders als bei den Russlanddeutschen vor Jahren, als schwierig.

Klassisches Beispiel für alle (vorrangig) positiven wie (auch) negativen Seiten des Spartenlebens ist die Anlage „Frohes Schaffen“ in Herzberg. Am 1. August 1956 gegründet, hat sie heute 169 Parzellen, die zwischen 180 bis 557 Quadratmeter groß sind. Chef des Kleingartenvereins ist seit März Sven Baumgart. Die Mitglieder sind zufrieden mit ihm. „Er redet mit den Leuten und fragt auch mal nach den Sorgen“, sagt Anita Naujokat. Sie und ihr Mann Günter haben einen großen Doppelgarten. Da sie auch Rassekaninchenzüchter sind, wird nicht nur „Futter“ für den menschlichen, sondern auch tierischen Bedarf angebaut. Naujokats pflegen gute Nachbarschaft, so zu Elli und Fritz Bette. Familie Bette ist ein Urgestein der Anlage, hat ihren Garten hier schon seit 1975. Sie hätten schon immer zusammengehalten, sich unterstützt und in den Jahren so manche „kleine Gießparty“ gefeiert, erzählen die Nachbarn.

Die meisten Kleingärtner fühlen sich hier richtig wohl. Auch Bernd Gebauer. Seit 37 Jahren ist er Kleingärtner. In seinem großen Doppelgarten, den er mit dem Sohn bewirtschaftet, wächst alles, was die Familie zum Eigenbedarf braucht. Bernd Gebauer ist Profi. So gedeihen zum Beispiel auf neun kleinen Apfelbäumen 20 Apfelsorten. Der Garten, so sagt er, sei sein eigentliches Zuhause. Mit der Mietwohnung im Neubau könne er nicht viel anfangen. In der Woche arbeitet er im Westen und hat nur am Wochenende Zeit für die Parzelle. Bald aber geht er in den Ruhestand. Er freut sich schon jetzt, noch mehr Zeit für den Garten zu haben.

Auf die langjährigen Gärtner kann sich Sven Baumgart verlassen. Und davon gibt es viele in der Sparte. 34 der 142 Vereinsmitglieder sind über 70, 30 über 60 und 55 über 50 Jahre alt. Im Alter unter 40 Jahren sind es nur 23. Junge Leute in die Sparte zu bekommen, sei schwer, sagt Sven Baumgart. Elf Pächter haben 2017 gekündigt, nur fünf sind dazu gekommen. Kürzlich habe sich eine syrische Familie einen Garten angesehen, ihn dann aber doch nicht genommen, so der Vereinschef. Bei Flüchtlingsfamilien sei es auch rechtlich schwierig, wirft Rolf-Jürgen Herrmann ein. Wenn sie nur einen zeitweisen Schutz genießen, könnten eigentlich mit ihnen keine Pachtverträge geschlossen werden.

Insgesamt 27 Parzellen stehen im „Frohen Schaffen“ leer. Damit sie nicht zu sehr verwildern, arbeitet der Vorstand mit Pflegeverträgen. Die Nachbarn kümmern sich, mähen oder pflanzen Kartoffeln an. Damit hat die Sparte gute Erfahrungen gemacht. Was Sven Baumgart noch unter den Nägeln brennt, sind die Stromleitungen. Die sind alt und marode und liegen zum Teil nur 25 Zentimeter unter der Erde. Im hinteren Bereich der Sparte haben die Gärtner jetzt begonnen, Erdkabel zu verlegen. Der Aufwand ist groß. Und das kostet Geld. Die Gärtner mussten eine Umlage zahlen. „Es haben aber viele Mitglieder bei der Arbeit geholfen“, freut sich der Vorsitzende. Die Gemeinschaft funktioniert. Deshalb plant Sven Baumgart für den 11. und 12. August auch ein Gartenfest mit Rockband, Kinderüberraschungen und Lampionumzug. Er muss nur noch genügend Geld dafür zusammenbekommen.

Vor allem unter den älteren Kleingärtnern wird der Zusammenhalt in der Sparte „Frohes Schaffen“ groß geschrieben. Hier die Familien Naujokat und Bette mit Rolf-Jürgen Herrmann beim zweiten Frühstück.
Vor allem unter den älteren Kleingärtnern wird der Zusammenhalt in der Sparte „Frohes Schaffen“ groß geschrieben. Hier die Familien Naujokat und Bette mit Rolf-Jürgen Herrmann beim zweiten Frühstück. FOTO: LR / Rudow
Sven Baumgart (l.)  ist seit März neuer Vereinschef in der Kleingartenanlage „Frohes Schaffen“. Im Chef des Regionalverbandes Rolf-Jürgen Herrmann hat er einen guten Partner.
Sven Baumgart (l.) ist seit März neuer Vereinschef in der Kleingartenanlage „Frohes Schaffen“. Im Chef des Regionalverbandes Rolf-Jürgen Herrmann hat er einen guten Partner. FOTO: LR / Rudow