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| 16:20 Uhr

Falkenberg
Der Arztkittel wird an den Nagel gehängt

 Dr. Gabriele Heinemann (vorn im Bild) verabschiedet sich in den Ruhestand. Die Falkenberger Allgemeinmedizinerin geht, wie sie selbst sagt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Gern wird sie an die Zeit in der Praxis zurückdenken, in der ihr die beiden Arzthelferinnen Ines Hilbrich (l.) und Sonja Thiere mit fachkundiger Arbeit und umsichtigen Agieren den Rücken freigehalten haben. „Wir waren ein gutes Team“, sagt die Neu-Ruheständlerin über die gemeinsame Zeit.
Dr. Gabriele Heinemann (vorn im Bild) verabschiedet sich in den Ruhestand. Die Falkenberger Allgemeinmedizinerin geht, wie sie selbst sagt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Gern wird sie an die Zeit in der Praxis zurückdenken, in der ihr die beiden Arzthelferinnen Ines Hilbrich (l.) und Sonja Thiere mit fachkundiger Arbeit und umsichtigen Agieren den Rücken freigehalten haben. „Wir waren ein gutes Team“, sagt die Neu-Ruheständlerin über die gemeinsame Zeit. FOTO: Olaf Heinemann
Falkenberg. Die Falkenberger Allgemeinmedizinerin Dr. Gabriele Heinemann geht in den wohlverdienten Ruhestand. Sie freut sich auf diese Zeit. Aber einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden, ist leider nicht gelungen. Von Sylvia Kunze

Nach 40 Berufsjahren ist für Dr. Gabriele Heinemann der Tag gekommen, ihre Hausarztpraxis in der Rothsteinslache in Falkenberg zu schließen und in den Ruhestand zu gehen. Der letzte Sprechstunden-Tag ist bereits absolviert. Jetzt heißt es noch, die letzten Papiere zu sortieren, Computer vom Netz zu nehmen und all die anderen vielen Dinge zu tun, die so ein Aufhören nach sich zieht.

So manche Träne gekullert

„Es ist beim Abschied von den Patienten so manche Träne gekullert“, blickt die Falkenberger Ärztin auf die zurückliegenden Wochen zurück. Kein Wunder. Immerhin hat sie ganze Familien über Jahre begleitet, hat gesehen, wie aus Kindern Erwachsene und aus fest im Leben stehenden Erwachsenen Greise wurden. Mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen. Vom lang ersehnten Familienzuwachs bis zur Lücke, die ein Verstorbener hinterließ. Die Herausforderung: Als Ärztin stand Gabriele Heinemann nicht selten mittendrin im Geschehen. Musste Freude und Leid (mit)teilen.

Wie sie damit über all die Jahre umgehen konnte? „Man sieht nach der Bürde immer wieder auch Sonnenschein“, sagt sie rückblickend. Sie habe ihre Arbeit immer gern gemacht, vor allem wohl auch deshalb, weil sie als Allgemeinmedizinerin immer den ganzen Menschen im Blick hatte, nicht wie ein Facharzt vielleicht nur einen gewissen Aspekt der gesundheitlichen Konstitution des Patienten.

Ihre „Untersuchung“ begann sozusagen bereits mit dem „Guten Tag“. „Bei dieser ersten Blickdiagnose sind mir dank der jahrelangen Erfahrung als Ärztin nicht selten schon Veränderungen an Patienten aufgefallen, noch ohne dass ein Gerät die Diagnose bestätigt hätte“, erzählt sie.

Im Falkenberger Landambulatorium angefangen

Als sie am 2. Januar vor 40 Jahren ihren ersten Arbeitstag antrat, war an die Kooperation mit vielen Fachärzten nicht zu denken. Die waren zu damaligen Zeiten noch rar. Das hat geschult. Auch die junge Ärztin, die erst im Falkenberger Landambulatorium anfing zu arbeiten und dann im medizinischen Dienst der Bahn tätig wurde. Dank sozialistischer Studienlenkung sowie guter Noten in der Schule und im Studium „bin ich mit einer guten Perspektive in meinen Beruf eingestiegen“, erinnert sich die Medizinerin.

Eine politische Wende war da nicht eingeplant. Dass sie kam, hat Gabriele Heinemann für ihren beruflichen Weg nicht als Drama empfunden. Sie habe sich schnell umorientiert, für die Selbstständigkeit entschieden und als Allgemeinmedizinerin niedergelassen, Bauland gesucht, das Haus, in dem sich die Praxis befindet, gebaut, und begonnen, als Hausärztin zu arbeiten.

Über Behandlungswege und -arten entscheiden zu können, ohne dass ihr dabei jemand reingeredet hätte, Arbeit selbst organisieren und gestalten zu können, wie und dass es passt, von keinem abhängig zu sein – all diese Umstände hätten ihr ein weitgehend frustfreies Arbeiten beschert.

Der zunehmende Papierkram hat genervt

„Ich habe immer gern gearbeitet“, betont die 65-Jährige. Lediglich der immer mehr wachsende Wust an Papierkram, hauptsächlich in den letzten drei Jahren ihrer Tätigkeit, der habe genervt. „Nach Praxisschluss benötigte ich noch bis zu zwei Stunden, um alle Vorgänge ordentlich abzuschließen“, benennt sie den Aspekt ihrer Arbeit, auf den sie gern verzichtet hätte.

Denn es sei ja nicht so, dass ein Hausarzt nur von 8 bis 12 Uhr arbeitet, wie seine Praxiszeit beispielsweise ausgewiesen ist. Da komme eben besagte Nacharbeit hinzu, und Hausbesuche seien ebenfalls noch zu fahren gewesen. Aber das werde oftmals nicht gesehen.

Abschied vom Team fällt schwer

Dass die viele Arbeit dennoch so viel Freude bereitet habe, betont Dr. Gabriele Heinemann ausdrücklich, sei neben der Freude am Arztberuf selbst unter anderem ganz klar auch der guten Zusammenarbeit mit ihren beiden, zum Teil sehr langjährigen  Arzthelferinnen Ines Hilbrich und Sonja Thiere zu verdanken gewesen.

Der Abschied „vom guten Team“ ist definitiv nicht leicht gefallen, obwohl man ja nicht aus der Welt ist. Denn auch wenn die Neu-Ruheständlerin sich jetzt intensiver um die Familie und Enkel kümmern und gemeinsam mit ihrem Mann die Welt bereisen will, wird sie noch ausreichend Zeit in ihrem Eigenheim in Falkenberg verbringen und das Zu-Hause-Sein genießen.

Für das Praxis-Haus hat sich bereits ein Nachnutzer gefunden. Ein Pflegedienst wird einziehen. Dr. Gabriele Heinemann und ihr Mann sind froh über diesen nahtlosen Übergang. Wenn auch eine Nachnutzung als Arztpraxis den Vorzug gehabt hätte. „Doch ich habe mich seit zehn Jahren darum bemüht, einen Nachfolger zu finden und mit einigen Interessenten Gespräche geführt. Hatte sogar junge Mediziner zur Ausbildung hier. Vergeblich. Es wollte von denen keiner Allgemeinmediziner werden. Es hat leider nicht funktioniert. Aber ich habe damit jetzt abgeschlossen“, sagt Dr. Gabriele Heinemann zur nicht gelungene Übernahme ihrer Praxis von einem anderen Allgemeinmediziner. Zum Schluss hatte sich das Klinikum Elbe-Elster mit eingeschaltet, aber die Stelle ebenfalls nicht personell untersetzen können.

Andere Ärzte übernehmen Patienten

Der Arztsitz ist damit weg. Falkenberg hat jetzt einen Hausarzt weniger. Was die Situation weiter verschärft. „Um so dankbarer bin ich, dass meine Kollegen Herr Studier hier in Falkenberg und Frau Grünewald in Uebigau meine Patienten mit übernehmen“, ist die scheidende Ärztin froh. Ihr durchschnittlicher Patientenstamm hat in den zurückliegenden Jahren bei einer Zahl um die 2000 gelegen. Eher darüber als darunter. Die versorgt zu wissen, hat ihr den Rückzug aus ihrem Arbeitsleben leichter gemacht.