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| 15:27 Uhr

Falkenberg thematisiert tausendfaches Leid
Besucher nehmen lange Anfahrt in Kauf

 Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (M.) besuchte zusammen mit Stadtarchivarin Ramona Heide (l.) und Falkenbergs Bürgermeister Herold Quick (r.) die Ausstellung „Völkerbewegung in den Jahren 1938 und 1945“.
Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (M.) besuchte zusammen mit Stadtarchivarin Ramona Heide (l.) und Falkenbergs Bürgermeister Herold Quick (r.) die Ausstellung „Völkerbewegung in den Jahren 1938 und 1945“. FOTO: Pressestelle / Thorsten Hoffgaard
Falkenberg. Die in Falkenberg aufgebaute Ausstellung zur „Völkerbewegung in den Jahren 1938 und 1945“ und zum Schicksal vieler Sudetendeutschen erfährt reges Interesse. Von Sylvia Kunze

Die Falkenberger Stadtarchivarin Ramona Heide war anfangs skeptisch. Eine Ausstellung zu Flucht und Vertreibung der Sudetendeutschen? Sie hat sich überzeugen lassen - und das Besucherinteresse bestätigt nun den Organisatoren der Präsentation, dass sie ein Thema öffentlich machen, das bisher nicht viel Öffentlichkeit erfahren hat. „Es ist erstaunlich, woher die Leute alles kommen, um sich die Ausstellung anzusehen“, konstatiert auch der Falkenberger Bürgermeister Herold Quick. Immer wieder schwinge Dankbarkeit in den Statements der Gäste mit, dass man ein Thema aufgegriffen habe, „bei dem andere sehr zurückhaltend sind“, sagt Quick. „Es war also die richtige Entscheidung, die Thematik anzugehen“, ist inzwischen auch er überzeugt.

Eine Vielzahl Betroffener

Immerhin ist es mehr als sieben Jahrzehnte her, dass 14 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder flohen, dass sie neu anfangen mussten: in Gegenden, die sie nicht kannten, unter Menschen, die eine andere Mundart sprachen, in einem Land, das nach einem verlorenen Krieg völlig zerstört war. Doch selbst nach sieben Jahrzehnten ist die Vergangenheit nicht gänzlich vergangen. Noch immer sind nicht alle Wunden geheilt. Noch immer ist nicht alles Unrecht eingestanden. Die aktuelle Sonderausstellung „Völkerbewegung in den Jahren 1938 und 1945“ am Sitz der Stadtverwaltung Falkenberg in der Heinrich-Zille-Straße 9a nimmt sich dieses Themas an und möchte die Ereignisse sowie das Leid und Unrecht, das den Menschen damals wiederfuhr, ins Bewusstsein der Gegenwart rücken.

Auch Landrat Christian Heinrich-Jaschinski hat die Schau unlängst  im Beisein von Bürgermeister Herold Quick angesehen und war tief beeindruckt: „Das Leid der Vertriebenen ist zuallererst persönliches Leid. Auch wenn Millionen gleichzeitig vertrieben werden - die Furcht und den Schmerz, die Trauer, das Heimweh leidet immer der einzelne Mensch, und er muss in seinem Leben mit den Verletzungen und Erinnerungen zurechtkommen. Das Leid jeder und jedes Einzelnen steht vor allen Bewertungen, vor allen Betrachtungen über Recht und Unrecht und Ursache und Folge. Sich diesem Leid zuzuwenden, mit denen zu fühlen, die es ertragen müssen, das ist ein Gebot der Menschlichkeit“, sagte er nach dem Blick auf die Schautafeln, die an die Geschichte erinnern.

Auf die Schicksale der Menschen aufmerksam machen

Bürgermeister Herold Quick berichtete, dass die Ausstellung seit der Eröffnung am 2. April dieses Jahres auf großes Interesse bei den Besuchern gestoßen ist. „Wichtig ist, dass unsere Gesellschaft diesen Menschen, die monate- und manchmal jahrelang als menschliche Reparationen missbraucht wurden, ein deutliches Signal gibt: Wir interessieren uns für Euer Schicksal! Wir wollen das Wissen über Eure Erlebnisse auch nachfolgenden Generationen vermitteln. Ich begrüße es daher außerordentlich, dass diese aktuelle Sonderausstellung hier in Falkenberg mithilft, das Schicksal dieser Menschen aus dem Erinnerungsschatten zu holen. Und ich danke allen, die sich dafür eingesetzt haben“, sagte der Landrat.

In einer Pressemitteilung des Landkreises heißt es dazu: Flucht und Vertreibung haben im 20. Jahrhundert massenhaft Bevölkerungsverschiebungen verursacht. Allein in Europa wurden im Zuge des Zweiten Weltkrieges 60 Millionen Menschen vertrieben, über zehn Prozent der Einwohner des Kontinents. Die Deutschen waren die größte Gruppe unter ihnen.

In den vergangenen über sieben Jahrzehnten haben diese deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen einen langen Weg zurückgelegt. Mit der Sonderausstellung in Falkenberg können Besucher diesen Weg noch einmal in Gedanken nachvollziehen: Er begann mit Verzweiflung, mit Trauer, oft auch mit Groll, führte später zur Öffnung gegenüber der neuen Heimat und schließlich – wohl auch unter dem Druck politischer Ereignisse – zur Aussöhnung mit dem Verlust der alten Heimat.