| 19:26 Uhr

Adventstürchen
Erinnerungen ans Gutenberghaus

Der Schriftzug an der Fassade ist noch original aus den 1950er-Jahren.
Der Schriftzug an der Fassade ist noch original aus den 1950er-Jahren. FOTO: Rudow / LR
Finsterwalde/Herzberg. Die Fleischerei Neumann wird heute in neunter Generation privat geführt. Von Birgit Rudow und Heike Lehmann

FINSTERWALDE Richard Espenhahn hat am 1. Oktober 1889 als gerade mal 28-jähriger junger Mann den „Niederlausitzer Anzeiger“ übernommen. Ein wesentlicher Schritt für das Unternehmen war 1910 der Umzug in das Gutenberghaus (Kirchhainer Straße 1). Das Grundstück wurde vorher anders genutzt und auch später. Momentan steht es leer.

Was wissen Sie über das Gutenberghaus? Welche Erinnerungen haben Sie? Rufen Sie am heutigen Dienstag zwischen 12 und 13 Uhr die 03531 717424 an oder schreiben Sie eine E-Mail an finsterwalde@lr-online.de.

HERZBERG Das Gebäude der Fleischerei Neumann in der Schliebener Straße 8 in Herzberg hat die RUNDSCHAU-Leser dazu bewegt, mal wieder in der Vergangenheit zu kramen. Ältere Herzberger scheinen viele schöne Erinnerungen an die Fleischerei zu haben.

Heute führen Kathrin und Karsten Jessulat das Geschäft. Frau Jessulat ist die Tochter von Otto Neumann, dessen Name groß an der Fassade prangt. „Wir sind wohl die neunte Generation in unserer Familie, die etwas mit Fleisch und Wurst zu tun hat“, sagt sie und fügt aber gleich an, dass das Geschäft heute keine Fleischerei mehr ist. „Wir handeln nur und bekommen unsere Ware von der Fleischerei Kalex aus Uebigau. Die hat uns, als wir nach der Wende wieder angefangen haben, einen guten Start verschafft. Wir haben auch noch einige andere gute Anbieter. Selbst machen wir nur noch Grillspezialitäten oder Hackepeter“, sagt sie.

Doch Fleisch und Wurst haben bei Neumanns Tradition und Kathrin Jessulat hat alles, was ihr Vater Otto an Chronikmaterial hinterlassen hat, gut aufgehoben. Das erste Mal tauchte der Name im Herzberger Fleischerhandwerk 1740 auf. Johann Gottfried Neumann hatte ein Geschäft in der Torgauer Straße 3. 1851 wollte Samuel Neumann unbedingt das Grundstück in der Schliebener Straße 8 haben. Nicht wegen des Fleischereigeschäftes, sondern wegen der Scheune am Plan und der vielen Ackerflächen, die verstreut in der Gegend dazugehörten. Viehwirtschaft und die Gastwirtschaft waren damals die Einnahmequelle.

1935 hat Paul Otto Neumann, der Großvater von Kathrin Jessulat, das Geschäft übernommen. Nachdem er früh verstarb, musste es seine Frau Minna weiterführen. Während des Krieges ging das ohne fremde Hilfe nicht. Als ihr Sohn Otto 1950 aus der Gefangenschaft kam, übernahm er 1951 die Fleischerei und die Gastwirtschaft bis 1976. Kathrin Jessulat erinnert sich, dass der Laden halb so groß war wie heute. Der Rest war Wirtsstube. „Die Gastwirtschaft spielte damals eine große Rolle. Hier gab es zum Frühstück Brühe, Ei, Hackepeter und Brötchen und abends das Feierabendbier. Viele Naundorfer kamen her, die Leute vom Amt oder Handwerker. Wenn der Vater abends die Schürze abgebunden hatte, ging er in die Gaststube. Dann wurde es gemütlich“, erzählt sie. Die Mutter Anneliese hatte als Hausmädchen bei Neumanns angefangen. So sind Otto und sie sich näher gekommen. Zwei Töchter wurden geboren.

1970 hat Otto Neumann die Wirtsstube geschlossen. Sechs Jahre später hat die HO den Laden übernommen. „Es ging nicht mehr. Zwei kleine Kinder, gesundheitlich stand es nicht zum Besten, die politische Situation war schlecht und Arbeitskräfte bekamen wir auch nicht“, erzählt die Tochter. Otto und Anneliese haben als Angestellte der HO gearbeitet. Ab 1984 wurde das Geschäft zum „Delikat“.

Nach der Wende haben Karsten und Kathrin Jessulat den Laden wieder in private Hand genommen. Den Einfall hatte der Vater. „Mein Mann hat sich als Quereinsteiger liebevoll der Sache angenommen“, sagt Kathrin Jessulat. Die Eltern haben sich zurückgezogen, aber Otto Neumann hat noch viel in das Anwesen investiert. „Ihm war es wichtig, dass wir alle zusammen sind“, sagt Kathrin Jessulat. Ihre Schwester wohnt ebenfalls im elterlichen Haus. Der Neuanfang wurde den Jessulats leicht gemacht. Sie spüren auch heute noch die Verbundenheit der Kunden zu dem kleinen Traditionsunternehmen. Mutti Anneliese kümmert sich trotz ihrer 82 Jahre noch um den Haushalt. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt die Tochter. Otto Neumann ist am 5. Dezember 2010 verstorben. Heute genau vor sieben Jahren. Sein Erbe wird weiter getragen. Enkelin Claudia ist ebenfalls Fleischerin und lebt mit ihrer Familie in Potsdam. Der kleine Urenkel heißt Paul Otto. Wenn das kein gutes Omen ist.

Der Name Otto Neumann steht noch heute an der Fassade. Der Schriftzug ist nie erneuert worden. Er ist immer noch das Original von Mitte der 1950er-Jahre. Gefertigt wurde er damals in einer Töpferei in Hohenleipisch. Er wurde noch nicht einmal neu gestrichen. Karsten Jessulat pflegt ihn – einmal im Jahr mit Babyöl.

Das Gutenberghaus in Finsterwalde.
Das Gutenberghaus in Finsterwalde. FOTO: Heike Lehmann