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| 18:31 Uhr

Die Zukunft heißt auch Wasserstoff
Elbe-Elster geht beim Wasserstoff voran

 Das Wasserstofftanken ist für den Nutzer nicht viel anders als bei Diesel und Benzin.
Das Wasserstofftanken ist für den Nutzer nicht viel anders als bei Diesel und Benzin. FOTO: Stephen Barnes/shutterstock.com
Elbe-Elster. Die reine Elektromobilität allein wird die Schadstoffwende nicht meistern. Was sie schon kann, ist am Mittwoch in der Kurstadt zu sehen. Von Manfred Feller

Während die Lausitz mit Blick auf den Braunkohleausstieg jetzt auf den langsam an Fahrt gewinnenden Wasserstoffzug aufspringt, ist dieses Thema schon länger eines in Elbe-Elster. Allein in diesem Jahr stand der Wasserstoff im Mittelpunkt einer Fachtagung in Herzberg. Anfang Juli fand in Domsdorf, am Uralt-Energiestandort, bereits die 10. Erneuerbare-EnergieSpar-Messe statt.

Am Mittwoch wird noch eins draufgesetzt. Innerhalb der Europäischen Mobilitätswoche lädt der Landkreis ganztags zum Elektromobilitätstag nach Bad Liebenwerda ein. Auf dem Markt wird vom E-Motorrad bis zum Wasserstoff­auto einiges gezeigt, was der heutige Stand der Technik zu bieten hat. Firmen und Verbände sind stark vertreten. Ganztags werden in der Orgelakademie Vorträge gehalten. Der Tag ist zwar mit „Elektromobilität“ überschrieben, setzt jedoch mit der jetzt auch in der Bundes- und Landespolitik klar an Raum gewinnenden Bedeutung der Wasserstofftechnologie ein Ausrufezeichen.

Klimawende: E-Mobilität allein reicht nicht aus

Aus der Sicht von Kurt Seidel, Klimamanager im Landkreis Elbe-Elster, und Klaus Oelschläger, Sachgebietsleiter Kreisentwicklung, wird es höchste Zeit für die stärkere öffentliche Wahrnehmung. Beide messen dem Wasserstoff eine große Bedeutung bei. Denn die reine E-Mobilität werde allein die Wende nicht schaffen. „Es macht doch keinen Sinn, in Bussen und Lastkraftwagen Tonnen von Batterien mitzuschleppen. Wir wollen Menschen und Waren transportieren“, bringt es Kurt Seidel auf den Punkt. Über den Wirtschaftsverkehr werde Wasserstoff dann zunehmend auch im Individualverkehr Einzug halten.

Der Landkreis Elbe-Elster sei deshalb an neuen Technologien interessiert, weil er als ländliche Region einen hohen Anteil individuellen Fahrzeugverkehrs (zum Beispiel pendelt etwa ein Drittel der rund 40 000 Beschäftigten täglich nach außerhalb des Landkreises zur Arbeit) und reichlich zu beheizenden Wohnraum für relativ wenig Menschen besitzt. Der Ausstoß an Kohlendioxid sei vergleichsweise hoch.

Von Windparks profitieren

Doch: Nur langsam sinkende Preise für alternative Technologien würden den Umstieg schwer und für den kleinen Geldbeutel unmöglich machen. Mehr Geld für die Forschung und Entwicklung und weniger Restriktionen könnten den Prozess in positiver Richtung deutlich beschleunigen. Davon sind Kurt Seidel und Klaus Oelschläger überzeugt.

Mit Blick auf die sinkende Akzeptanz insbesondere von Windrädern verweisen sie auf Berechnungen des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellenverbandes. Demnach werden binnen eines Jahres etwa fünf Prozent der gesamten Windenergieproduktion aufgrund der begrenzten Aufnahmefähigkeit der ohnehin schon überlasteten Netze abgeregelt. Dies entspreche etwa 5,8 Milliarden Kilowattstunden. Dafür würden die Windparkbetreiber mit rund 610 Millionen Euro entschädigt – bezahlt vom Endkunden. Würde nur diese verlorene Energie bei einem angenommenen Wirkungsgrad von 75 Prozent durch Elektrolyse in Wasserstoff umgewandelt und gespeichert werden, kämen 124 000 Tonnen zusammen. Ein Auto brauche je nach Fahrstrecke einige wenige Kilogramm Wasserstoff am Tag und ein Zug ungefähr 260 Kilogramm.

Keine Wasserstofftankstellen in der Lausitz

Ein Blick auf die Deutschlandkarte verrät, dass es erst etwa 70 öffentliche Wasserstofftankstellen gibt. 30 weitere sind geplant oder im Bau. Dagegen herrscht im Süden von Brandenburg und im Nordosten von Sachsen, also der Lausitz als einer von acht Wasserstoff-Starterregionen in Deutschland, noch gähnende Leere. Die nächsten Tankstellen befinden sich in Potsdam, Berlin, Halle, Leipzig und Dresden.

Dabei sind, so der Elbe-Elster-Klimamanager Kurt Seidel, die Voraussetzungen mit sehr vielen Windparks gegeben. Er verweist auf das Projekt „eFarm“ in Nordfriesland. Dort soll zum Jahresende an einer Windkraftanlage Wasserstoff erzeugt werden. Die Wärme aus dem Elektrolyseprozess soll genutzt werden. Der Wasserstoff werde im Container zu Tankstellen in Niebüll und Husum gebracht. „Drei ­Wasserstoffstationen in Elbe-Elster würden den Bedarf im Landkreis zunächst abdecken. Bei Strom und Erdgas waren es am Anfang auch ganz wenige Tankstellen“, glaubt Klaus Oelschläger trotz der hohen Startkosten an einen Erfolg.

Bis zu 5,4 Millionen Arbeitsplätze möglich

Der Deutsche Wasserstoff- und Brennstoffzellenverband sieht den Wasserstoff in einer „zentralen Rolle als Energieträger der Energiewende“. Er zitiert die Hydrogen Europe Roadmap, die von einem Umsatz der EU-Wasserstoffindustrie bis zum Jahr 2030 in Höhe von 130 Milliarden Euro ausgeht – mit gewaltigen Steigerungsraten. Den Umsatz als Basis genommen, könnten in diesem Industriezweig 2030 eine Million Menschen in der EU arbeiten, 2050 schon 5,4 Millionen.

Den Anfang in Elbe-Elster will das Unternehmen Enertrag mit seinem Projekt „Wasserstoff-Drehscheibe in Bahnsdorf“ machen. Dort sollen mithilfe von „grünem“ Strom jährlich mehr als 7000 Tonnen Wasserstoff hergestellt werden. Einsatzgebiete wären zum Beispiel Fahrzeuge sowie als Erdgasersatz die Industrie und Haushalte.