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| 01:05 Uhr

Eine lange Fahrt zu lieben Freunden

Herzberg.. Seit mehreren Jahren planen und organisieren die Mitglieder des Vereins „Tschernobyl“ aus Herzberg für ungefähr 30 Kinder aus der Ukraine sehr schöne und erholsame Tage in der Elbe-Elster-Region. Der Verein holt die Kinder sogar aus dem fernen Narowlja nach Herzberg. Hubert König aus Uebigau war in diesem Jahr auf der Fahrt in die Ukraine und nach Weißrussland mit dabei. Er schrieb folgenden Reisebericht.


„Die Vorbereitungsphase für die Reise war nicht einfach - finanzielle Probleme im Landkreis, aber auch in den Betrieben. Der Reisebus kam aus der Nähe von Hamburg. Platz war genug, um auch noch Pakete mit in die Ukraine nehmen zu können. Aus dem Landkreis Elbe-Elster fuhren zehn Reiseteilnehmer mit. Vor ihnen lag eine Strecke von ungefähr 1900 Kilometer. Nach Narowlja - im südlichen Teil von Weißrussland gelegen, keine 50 Kilometer vom ehemaligen Atomreaktor Tschernobyl entfernt - sollte die Reise gehen.
20. Mai 2003. Der Tag der Abfahrt in die Ukraine. Die Mitreisenden trafen sich um 7.30 Uhr auf dem Parkplatz am alten Krankenhaus in Herzberg. Wir staunten nicht schlecht, als wir sahen, dass der Bus mit Doppelachser-Hänger schon voll beladen war. Kein Platz mehr für unser Gepäck, doch wir wussten uns zu helfen. Auf die freien Sitzplätze wurden Koffer, Taschen und Rucksäcke verstaut. Sogar der Mittelgang war voll gestellt. Der Weg zur Toilette war ein Hindernislauf; wurde aber von allen gemeistert. Constanze Mailick und weitere Mitglieder des Vereins verabschiedeten uns und der Busfahrer startete den Motor.
Wir fuhren Richtung Potsdam, Raststätte Michendorf, wo unser zweiter Kraftfahrer, ein Weißrusse, zustieg. Um 13 Uhr passierten wir die Grenze bei Frankfurt an der Oder. Die Kontrolle verlief reibungslos und nach zwei Stunden passierten wir die Grenze nach Polen. Runter von der Autobahn, rauf auf Landstraßen. Gegen 21 Uhr erreichten wir die polnische Hauptstadt Warschau, gegen 2 Uhr die polnisch-weißrussische Grenze in Brest.
Nach zwei Stunden, so dachten wir, sei die Grenzkontrolle abgeschlossen. Ganze sieben Stunden mussten wir warten. Hier ein Stempel, da ein Stempel. Morgens um 8 Uhr durften wir dann endlich unsere Fahrt fortsetzen. Doch schon nach zwei Kilometern beim letzten Kontrollpunkt stellte der weißrussische Zoll fest, dass ein weiterer Stempel in unseren Reisepapieren fehlte. Noch einmal zurück zur Grenzkontrolle. Diesmal ging es schneller. Gegen 9 Uhr konnten wir weiter fahren. Die Busfahrer und alle Mitreisenden waren froh, die letzte Grenzkontrolle passiert zu haben. Darauf tranken wir Sekt. Im Gespräch mit den Fahrern erfuhren wir, dass im Bus und Hänger viele Medikamente für die Menschen in der Ukraine untergebracht waren.
Weiter ging unsere Reise auf den Straßen Weißrusslands. Keine Kurven. Immer nur geradeaus, und das für lange Zeit. Und dann passierte es doch. Zwangsstopp: eine Panne. Und auch das Sprichwort - Ein Schaden kommt niemals allein. - erfüllte sich. Über uns zog sich ein heftiges Gewitter mit starken Niederschlägen zusammen. Die Straße war in wenigen Minuten ein großer See. Der Erfahrung und der Geschicklichkeit des weißrussischen Fahrers war es zu verdanken, dass wir nach 30 Minuten weiter fahren konnten. Nach dem Auffüllen des Kühlwassers, das der Fahrer vom Straßenrand mit kleinen Behältern schöpfte, ging es weiter.
Nachmittags um 17 Uhr. Einfahrt in Narowlja. Nach 15 Minuten hatten wir die Schule Nummer 3, in der unsere Gastfamilien auf uns warteten, erreicht. Wie viele Stunden mögen sie da schon gestanden haben, in den heißen Temperaturen„ Niemand sprach darüber. Wir suchten unsere Quartiere auf. Alle Familienmitglieder, sogar die Großeltern, waren anwesend. Die Freundschaft stand immer im Mittelpunkt.
1955 wurde ich in Wiederau aus der Schule entlassen. Mein Russisch war eher mager. Da aber meine Frau in der ukrainischen Stadt Chorkow studiert hatte, wurde vor der Reise bei uns zu Hause sehr oft russisch gesprochen.
Tag 1 in Narowlja. Wir besuchten das Museum an der Schule Nummer 3. Viele Exponate wurden uns dort erklärt, beispielsweise ein deutscher und ein russischer Stahlhelm mit Durchschuss.
Geplant hatte ich für einen Abend, so weit wie möglich, an den Reaktor heranzufahren. Für fünf Dollar fand ich einen Polizisten mit einem Lada, der diese Fahrt mit mir machte. 15 Kilometer nach der Grenze Weißrusslands zur Ukraine war die Fahrt zu Ende. Schon 30 Kilometer von Tschernobyl entfernt waren die ewig läutenden Glocken zu hören.
Nach der Explosion im Reaktor im April 1986 und Wochen danach, so die Aussagen des Opas meiner Gastfamilie, kamen die Leichen wie Fische geschwommen. Durch die hohen Temperaturen des Reaktors waren die menschlichen Reste bis auf 60 bis 70 Zentimeter geschrumpft. In Weißrussland wurden 39 Dörfer und Städte nachts geräumt und danach abgebrannt. Im Nachbarland Ukraine sind zurzeit 60 000 Qudratkilometer Land nicht bewohnt. Ukraine, die Kornkammer Europas“ Im Vergleich: 60 000 Qudratkilometer, das ist die Hälfte der ehemaligen DDR. Unvorstellbar!
Der Aufenthalt in Narowlja verging wie im Flug. Jeder neue Termin zeigte uns weitere Sehenswürdigkeiten dieser Stadt. Nach den Besichtigungen wurden die Kontakte in der Gastfamilie weiter gefestigt und vertieft. Es war eine Fahrt der Erwartungen. Wir sind mit vielen guten Vorstellungen, aber auch Vorurteilen in Herzberg in den Bus gestiegen und wurden als Freunde empfangen und aufgenommen. So erlebten wir an einem Lagerfeuer einen unvergesslichen Grillabend. Mitten im Wald bei 35 Grad Celsius wurde Holz gestapelt und angebrannt. Die Frauen hatten für das leibliche Wohl gesorgt. Um 23 Uhr wurde das Feuer gelöscht und wir machten uns auf den Heimweg.
Am Abschiedsabend, an dem auch wieder die Nachbarn, Geschwister und auch die Eltern meiner Gastfamilie dabei waren, wurde es sehr spät. Vom Großvater, 84 Jahre alt, erfuhr ich, dass er Deutschland zu Fuß besucht hatte und mit dem weißrussischen Regiment bis Torgau gekommen war. An das genaue Datum konnte er sich nicht mehr erinnern. April 1945, das wusste er noch.
Am nächsten Morgen dann, ich traute meinen Augen kaum, es war 5.30 Uhr, da war der Großvater schon auf den Beinen und wollte seinen deutschen Gast mit einem Abschiedstrunk verabschieden. 26. Mai 2003. Der Tag des Abschieds war gekommen. Um 7 Uhr trafen wir uns auf dem Leninplatz. Der Bus wurde beladen. Wir und weitere 30 weißrussische Kinder und Erwachsene traten die Reise nach Herzberg an. Einen Tag später, am 27. Mai, - wir waren alle gesund und etwas müde - hielt der Reisebus auf dem Marktplatz in Herzberg.
Fast 14 Tage blieben unsere Gäste in Herzberg. Es wurde für alle ein wunderschönes Tagesprogramm organisiert. Dank allen Helfern und Sponsoren. Am zweiten Pfingstfeiertag war der Aufenthalt zu Ende und für die Kinder aus Narowlja startete der Bus mit einem voll beladenen Hänger zurück nach Hause, nach Narowlja in Weißrussland.“ (red/ts)