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| 13:07 Uhr

Ehrenamt
„Ein Stück Blech ist längst nicht genug“

Michael Schoch von der Firma Hertz (r.) übergab im Verlaufe der Versammlung den Schlüssel für das neue Fahrzeug der Wehr Gräfendorf an Bürgermeister Karsten Eule-Prütz (2.v.l.), der ihn wiederum an Ortswehrführerin Kirsten Winzer-Kircheis (l.) überreichte.
Michael Schoch von der Firma Hertz (r.) übergab im Verlaufe der Versammlung den Schlüssel für das neue Fahrzeug der Wehr Gräfendorf an Bürgermeister Karsten Eule-Prütz (2.v.l.), der ihn wiederum an Ortswehrführerin Kirsten Winzer-Kircheis (l.) überreichte. FOTO: Sven Gückel
Herzberg. Herzberger Feuerwehr blickt auf ein turbulentes Einsatzjahr zurück. 2018 verspricht ähnlich einsatzreich zu werden. Von Sven Gückel

Wenn Politiker über das Ehrenamt reden, dann nennen sie es gern die „Stütze der Gesellschaft“. Die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr ist da ausdrücklich eingeschlossen. Deren Dienst geht inzwischen aber weit über das Normale hinaus.

Statistiken werden oft und gern bemüht, um das Alltägliche miteinander zu vergleichen. Wenn dieser Tage sich die Feuerwehren der Region zu ihren Jahreshauptversammlungen treffen, so wie die Herzberger am Freitagabend, dann ziehen sie nicht selten Vergleiche zu den Vorjahren. „2017 sind die Wehren der Stadt Herzberg zu 173 Einsätzen ausgerückt. So viele, wie noch nie in ihrer Geschichte“, verdeutlichte Herzbergs Stadtbrandmeister Ralf Becker zu Beginn seiner Rede. Dabei bereite den Kameraden nicht nur die enorme Anzahl Sorge, sondern auch der stete Rückgang ihrer Mannschaftsstärke. Waren 2007 noch 321 Männer und Frauen in den Wehren der Stadt aktiv, so sind es heute nur 182. Dabei ist die Zahl zu 2016 noch einmal um 30 gesunken. Auch der Altersdurchschnitt wächst weiter, liegt gegenwärtig bei 43 Jahre.

Illusorisch wäre es zu glauben, dass 2017 ein Ausnahmejahr war und sich die Zustände bald wieder normalisieren. „Bereits zum Ende des ersten Monats 2018 liegen 56 Einsätze hinter uns. Diese Zahl hatten wir im Vorjahr erst im Juni erreicht“, ergänzt Beckers Stellvertreter Dirk Laurig. Vor allem die durch Unwetter bedingten Einsätze nehmen immer weiter zu. Im Vorjahr wurden die Wehren zu 128 technischen Hilfeleistungen gerufen, 91 davon waren den Stürmen im Juni und Oktober geschuldet. Zu Buche schlugen aber auch 26 Brände, unter anderem ein Großbrand in Grochwitz, für den 71 Einsatzkräfte mobilisiert wurden.

Um derartige Großschadenslagen überhaupt noch bewältigen zu können, bedarf es der Kooperation mit benachbarten Städten. „Wir müssen das Kirchturmdenken aus unseren Köpfen verschwinden lassen. Die Einsätze werden weiter zunehmen. Wenn wir das meistern wollen, bedarf es des Schulterschlusses. Zwischen Falkenberg und Herzberg funktioniert das bereits sehr gut. Wir sind Partner auf Augenhöhe, die einander unterstützen“, betonte Falkenbergs Stadtwehrleiter Sören Diecke in einer Grußbotschaft, die Laurig verlas. Diecke selbst musste sich krankheitsbedingt entschuldigen.

„Niemand verlangt, dass die Kameraden für ihr gesellschaftliches Engagement bezahlt werden. Aber das Mindeste wäre es, ihnen eine Anerkennung auf die Rente zu geben“, forderte Ralf Becker vehement. Ein „feuchter Händedruck und ein Stück Blech“ reichten längst nicht mehr aus, fügte er an und verwies dabei auf Sachsen-Anhalt, wo man das Problem erkannt und gut gelöst habe. 173 Einsätze, das bedeutet 1 745 Stunden Einsatzzeit. Stunden, die man von der Familie getrennt ist, seinen Arbeitsplatz verlassen muss oder andere Wünsche hinten anstellt. Immer häufiger passiert es zudem, dass Kameraden dabei ihr Leben lassen. Der Sturm „Friedericke“ hat dies eindringlich vor Augen geführt.

Unterstützung in ihrem Ansinnen erfuhren die Kameraden auch durch Kreisbrandmeister Steffen Ludewig. „Die Einsätze, aber auch die Herausforderungen werden weiter steigen“, mahnte auch er. Es sei deshalb höchste Zeit, eine ernsthafte Diskussion über die Personalstärken der Wehren zu führen und effektive Konzepte zu erstellen. Bürgermeister Karsten Eule-Prütz (parteilos) signalisierte den Kameraden Rückendeckung. Als ehemaliger Polizist kenne er die Nöte der Feuerwehren. „Die Feuerwehr bleibt ein wichtiger Bestandteil unserer Stadt. Das gilt auch für die Ortsteile, wo die Wehren oftmals noch den kulturellen Part abdecken“, betonte er. Sofern möglich, möchte er daher an der Praxis seines Amtsvorgängers festhalten und Neueinstellungen in der Stadt mit einer Mitgliedschaft in der Wehr verknüpfen.

Ausdrücklich bedankte sich Stadtbrandmeister Becker bei den Familien der Aktiven für deren Verständnis. Sein Dank galt aber auch den Sponsoren für ihre Unterstützung und den Arbeitgebern, die ihre Angestellten bei Alarmierungen problemlos für den Einsatz freistellen.

2017 sind die Wehren der Stadt Herzberg zu so vielen Einsätzen wie noch nie in ihrer Geschichte ausgerückt. Das Löschen zweier Lagerhallen in der Agrargenossenschaft Grochwitz Mitte Oktober gehörte dazu.
2017 sind die Wehren der Stadt Herzberg zu so vielen Einsätzen wie noch nie in ihrer Geschichte ausgerückt. Das Löschen zweier Lagerhallen in der Agrargenossenschaft Grochwitz Mitte Oktober gehörte dazu. FOTO: Müller Dieter