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| 18:52 Uhr

Viele offene Fragen nach Windpark-Unfall in Elbe-Elster
Ein Rotorblatt stürzt ab – und es herrscht Schweigen im Walde

 Im Windpark Oelsig-Buchhain ist bei Wartungsarbeiten ein Flügel von einer Windkraftanlage gefallen. Zum Glück wurde niemand verletzt. In der vergangenen Woche lag der Flügel noch im Wald.
Im Windpark Oelsig-Buchhain ist bei Wartungsarbeiten ein Flügel von einer Windkraftanlage gefallen. Zum Glück wurde niemand verletzt. In der vergangenen Woche lag der Flügel noch im Wald. FOTO: Dieter Müller
Buchhain. Im Windpark Buchhain stürzt ein Rotorblatt ab und beschädigt einen Baucontainer. Es stellen sich Fragen nach Sicherheit und Arbeitsschutz und nach den Sorgen der Buchhainer. Von Birgit Rudow und Heike Lehmann

In der Nähe von Uelzen ist vor einigen Tagen bei stürmischem Wetter ein 30 Meter langes Rotorblatt von einem Windrad abgebrochen. Das ging durch alle Gazetten. Ähnliches ist kürzlich auch im Elbe-Elster-Kreis passiert. Nur, dass davon kaum jemand etwas mitbekommen hat. Dabei war dieser Vorfall offensichtlich dramatischer. Eine offizielle Information der Öffentlichkeit von Seiten der Behörden oder des Windparkbetreibers hat es nach Wissen der RUNDSCHAU nicht gegeben.

. NachZeugen haben berichtet, dass der Baucontainer eingedrückt und das daneben stehende Toilettenhäuschen sehr stark beschädigt war. Zum Glück hätten sich gerade keine Personen darin befunden.

Die Pressestelle der Polizei in Cottbus hat den Vorfall bestätigt. Es habe aber kein Verdacht auf eine Straftat vorgelegen, so Sprecher Torsten Wendt. Das Landesamt für Arbeitsschutz sei vor Ort gewesen. Alarmiert wurde etwa zwei Stunden nach dem Vorfall auch die Buchhainer Feuerwehr. „So haben wir überhaupt erst davon erfahren“, so Buchhains Ortsvorsteherin Birgit Springer. Die Feuerwehr hätte allerdings nicht mehr machen können, als die Unfallstelle abzusichern, sagte sie.

Von den Buchhainern erfuhr später auch die Schliebener Landtagsabgeordnete Iris Schülzke von dem Unfall. Sie richtete im Januar eine Kleine Anfrage an die Landesregierung. „Diese Anlagen sind erst zwei, drei Jahre in Betrieb. Da stellt sich doch die Frage, warum überhaupt Flügel ausgetauscht werden mussten und wie sicher diese Anlagen sind“, sagte sie.

Aus der Antwort des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie auf die Kleine Anfrage von Iris Schülzke geht hervor, dass der Rotorblatthersteller den Errichter der Anlage im Herbst 2018 über die Lieferung von Rotorblättern mit möglichen Qualitätsabweichungen unterrichtet hat. Daraufhin wurden im Windpark Überprüfungen an den in Frage kommenden Rotorblättern durchgeführt. Dabei sei ein Rotorblatt als schadhaft ermittelt worden. Am 20. Oktober wurde die Anlage außer Betrieb genommen. Um eine Unwucht zu vermeiden, wurde der Austausch des Rotorblattsatzes für den 12. Dezember vorbereitet.

 Die Anlage im Windpark Oelsig-Buchhain. Ein Rotorblatt fehlt.
Die Anlage im Windpark Oelsig-Buchhain. Ein Rotorblatt fehlt. FOTO: Dieter Müller

Über den Absturz des Rotorblattes ist laut Ministerium die zuständige Arbeitsschutzbehörde – die Abteilung Arbeitsschutz des Landesamtes für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) – durch die Polizei informiert worden. Das LAVG „überprüft bei derartigen Schadensfällen die Arbeitsorganisation und die Arbeitsabläufe auf mögliche Schwachstellen und Mängel, die zu einer Gefährdung ... der an diesen Anlagen Beschäftigten führen können“, heißt es in der Antwort des Ministeriums auf die Anfrage von Iris Schülzke.

Die RUNDSCHAU hat sich an die Pressestelle des LAVG mit der Frage nach der Ursache des Rotorenabsturzes gewandt. Diese würden derzeit noch untersucht, heißt es. Durchgeführt hätten die Arbeiten eine sächsische Industriemontagefirma und eine Kranfirma aus Nordrhein-Westfalen. Auftraggeber sei der Betreiber der Anlage gewesen.

Weder die Bauämter der Kommunen, auf deren Territorium sich der Windpark befindet (Amt Schlieben und Stadt Doberlug-Kirchhain), noch die Kreisverwaltung Elbe-Elster kannten den aktuellen Betreiber der Anlage. „Uns liegen zu den Betreibern keine Unterlagen vor. Die Genehmigungsbehörde für Windkraftanlagen ist das Landesamt für Umwelt“, so die Kreisverwaltung. Erst eine Nachfrage in der Pressestelle des Landesumweltamtes ergab, dass Betreiber des Windparks die Windpark Buchhainer Heide GmbH & Co. Betriebs-KG mit Sitz in Großschirma ist. Die RUNDSCHAU hat den Geschäftsführer des Windparks mit 13 Anlagen (im Eignungsgebiet Oelsig-Buchhain gibt es mehrere Betreiber) Albrecht Förster kurz am Telefon erreicht. Er bestätigt die Angaben des Ministeriums. Die Firma Nordex habe den Rotorwechsel eigenverantwortlich durchführen lassen und einen Bericht an das LAVG geschickt, sagte er. Weitere Rotorwechsel seien in dem Windpark nicht vorgesehen.

Die RUNDSCHAU hat auch beim Hersteller Nordex nachgefragt. An einem Baucontainer sei ein geringer Sachschaden entstanden. Eine Gefährdung der Arbeiter vor Ort oder der Bevölkerung habe nicht bestanden. Nordex habe einen erfahrenen, zertifizierten und regelmäßig auditierten Dienstleister mit dem Austausch der Rotorblätter beauftragt. Der Schadensfall werde aktuell noch umfassend aufgeklärt, teilte der Pressesprecher mit.

Buchhains Ortsvorsteherin Birgit Springer ist mit der ganzen Informationspolitik nicht einverstanden. „Eigentlich sollen die Kommunen von den Windparks profitieren. Aber wir wissen nicht einmal, wer unsere Ansprechpartner sind. Die Betreiber wechseln. Im Wald ist bei den Anlagen ein ständiges Kommen und Gehen. Der Wald ist für jedermann zugänglich. Der Unfall vom Dezember zeigt, dass das gefährlich sein kann“, sagt sie.

Auch wenn Nordex das anders sieht: Das Rotorblatt hat laut Zeugen den Baucontainer getroffen und beschädigt. Was wäre gewesen, wenn sich Arbeiter darin befunden hätten? Wer kontrolliert eigentlich hier die Einhaltung des Arbeitsschutzes? Überwacher der Einhaltung der Rechtsvorschriften zu Sicherheit und Gesundheitsschutz durch den Arbeitgeber beziehungsweise Bauherren sei in Brandenburg das LAVG, heißt es vom Ministerium. Bei den Instandhaltungsarbeiten an der Anlage bei Buchhain habe der Arbeitgeber die erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen festzulegen. So müsse er bei Arbeitsplätzen, bei denen Gefahr des Herabfallens von Gegenständen besteht, die Sicherheit der Beschäftigten durch geeignete Maßnahmen gewährleisten. Pausenräume müssten an leicht erreichbarer und ungefährdeter Stelle bereitgestellt werden, heißt es weiter. Die Untersuchungen des LAVG seien aber noch nicht abgeschlossen, so dass eine Aussage zu Verstößen noch nicht angezeigt ist. Außerdem werde das LAVG anhand der arbeitsschutzrechtlichen Untersuchung und der Auswertung des Schadensereignisses Schlussfolgerungen erarbeiten, welche zukünftig die Sicherheit der Beschäftigten erhöhen. Dazu sollen unter anderem auch Festlegungen zu den Standorten der Aufenthaltscontainer zählen, so das Ministerium in der Antwort auf die Kleine Anfrage von Iris Schülzke. Das Ministerium informierte weiter, dass der Verband der Technischen Überwachungsvereine vorgeschlagen hat, Windenergieanlagen künftig als überwachungsbedürftige Anlagen (wie Druckbehälter, Dampfkessel oder Aufzüge) in die Betriebssicherheitsverordnung aufzunehmen.

Iris Schülzke will sich mit den Absichten allein aber nicht zufrieden geben. „Bei jedem kleinen Handwerker wird ständig der Arbeitsschutz überprüft. Wir fordern, dass bei den Windkraftanlagen durch das LAVG endlich richtig hingeschaut wird“, sagt sie.

Im Windpark Oelsig-Buchhain stehen derzeit 38 Windräder. Die ersten sind 2011 in Betrieb gegangen. 18 weitere sollen noch hinzukommen. „Das ist furchtbar. Das Land sagt, wir werden mit einbezogen. Aber wir werden nicht erhört. Bei starkem Wind kommen wir uns vor wie auf einem Flugplatz. Die neuen Anlagen sind noch viel höher und haben einen noch größeren Rotorradius“, so Birgit Springer.

In der vergangenen Woche hat sie in der gemeinsamen Sitzung der Doberlug-Kirchhainer Ausschüsse für Stadtentwicklung, Bildung, Soziales und Tourismus sowie Infrastruktur und Wirtschaft darauf hingewiesen, dass „bereits die bestehenden 38 Anlagen enorm die Lebensqualität in Buchhain und Nexdorf beeinträchtigen“. Insbesondere Buchhainer klagen über Schlafstörungen und Schwindelgefühle. 2013 hätten Bürger eine Lärmbeschwerde eingereicht, „die 2015 anerkannt wurde“, so Birgit Springer. Bei einer Lärmmessung an zwei Standorten „fiel das Messgerät aus, sobald ein bisschen Wind aufkam“. Deshalb, so vermuten die Buchhainer, hätten die Lärmwerte im Limit gelegen.

Fachbereichsleiterin Kerstin Stahl ergänzte: „Die neuen Anlagen sollen direkt an der Grenze des ausgewiesenen Windeignungsgebietes errichtet werden. Problem für uns ist, dass zwölf der 18 neuen Anlagen auf der Gemarkung Schlieben/Oelsig stehen werden und von der Gemeindevertretung ohne Kommentar durchgewunken wurden. Nur sechs Anlagen sind auf Doberlug-Kirchhainer Gemarkung.“ Das Gebiet sei von der Regionalen Planungsgemeinschaft Lausitz-Spreewald für die Windkraftnutzung ausgewiesen worden, dennoch habe man im Rathaus Doberlug-Kirchhain jetzt Argumente für die gemeindliche Stellungnahme zu den neuen Windkraftanlagen gesammelt und Forderungen aufgemacht. „Die müssen bis Mitte September erfüllt werden. Es darf also nachgearbeitet werden. Wir bremsen den Prozess lediglich aus.“

Hoffnungen der Buchhainer knüpfen sich jetzt an den Antrag der WBU-LUN-Fraktion, noch einmal notwendige Schritte zur Prüfung der zulässigen Emissionswerte einzuleiten. Die weitere Diskussion darum wurde allerdings in den nichtöffentlichen Teil der Sitzung verlagert.