Von Gabi Böttcher

Das ist eine gute Nachricht aus Elbe-Elster: Von 26 neuen Ausbildungsverträgen mit jungen Menschen mit Hemmnissen im Bereich der Handwerkskammer Cottbus (HWK) wurden 14 in Elbe-Elster geschlossen. Inklusionsberater Christian Jakobitz erinnert an den Start mit zwei, drei betrieblichen Lehrlingen im Jahr 2014. Jetzt befinden sich 72 Jugendliche mit Hemmnissen verschiedener Art in einer solchen betrieblichen Ausbildung. Grund für Ellen Lösche, Geschäftsführerin der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft, sowie Michael Marke und Robert Ullmann von der Agentur für Arbeit in Cottbus, stellvertretend zwei der Unternehmenschefs Dank zu sagen. Dank dafür, dass sie Menschen mit Behinderung eine Chance geben, eine betriebliche Ausbildung zu absolvieren.

Mit Geplänkel und Schönrederei halten sich diese gestandenen Männer nicht auf. In einer Gesprächsrunde über Perspektiven der Fachkräftegewinnung bringen sie in der Bildungsstätte der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft ungeschminkt zur Sprache, was sie in ihren Unternehmen bewegt - und was sie bewegen. Erwin Hoffmann, Geschäftsführer der gleichnamigen Metallbau und der Stahlbau GmbH in Herzberg, und Fritz Thor, Tischlermeister in Finsterwalde, scheuen in ihren Betrieben nicht den Weg, Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf eine Chance zu geben. Das bringt ihnen Hochachtung ein, aber auch manche Enttäuschung und Rückschläge. Ganz zu schweigen von zusätzlichen Anstrengungen. Letztere finden nach ihrer Erfahrung nicht in dem Maße Unterstützung, wie sie kleine und mittelständische Unternehmen beziehungsweise Handwerksbetriebe benötigen. Im Unterschied zu großen Betrieben könnten sie die Aufgabe nicht an Träger delegieren, wie Ellen Lösche verdeutlicht.

Erwin Hoffmann, in dessen Betrieben derzeit vier Lehrlinge sind, von denen zwei auslernen: „Wir haben alles Mögliche versucht, Fachkräfte zu bekommen. Keiner will nach Herzberg in den Stahlbau.“ Ab dem 3. Dezember werde das Unternehmen drei polnische Arbeitnehmer haben und das Team der 32 Beschäftigten verstärken.

Der 72-jährige Unternehmer, der seit 1966 mit der Berufsausbildung zu tun hat, vermisst unter heutigen Schulabgängern Grundkenntnisse, die Gleichaltrige zu DDR-Zeiten aus dem Polytechnischen Unterricht mitbrachten. „Damals konnten sie mit einem Körner umgehen, wussten, wie man sich an einem Schleifstein verhalten muss“, sagt Erwin Hoffmann. Auch sei eine ganz andere Lust am Lernen vorhanden gewesen. Heute müsse man auf die Jugendlichen zurückgreifen, die „übrig bleiben“, nicht zum Gymnasium gehen. Und auch da sei es schwer. Im produktiven Bereich gebe es weniger Probleme, jedoch vor der Theorie bemerke er regelrecht Angst. Zuletzt hatte Erwin Hoffmann bei der Ausbildungsmesse in Schlieben nur drei Interessenten an seinem Stand. Die meisten seien zu den Ständen der Sparkasse, der Agentur für Arbeit und der Bundeswehr gegangen. Fritz Thor macht deutlich: „Die Entwicklung der Technik geht weiter. Nur mit Hilfskräften etwas aufbauen zu wollen – das hält kein Meister durch.“ Nach seiner Überzeugung muss sich bessern, was junge Leute von der Schule her mitbringen. Erwin Hoffmann: „Wir brauchen eine Schulreform, einheitlichen Lehrstoff in allen Bundesländern, wenn die Wirtschaft nicht untergehen soll.“ An die Adresse von Ministerpräsident Dietmar Woidke richtet er die Kritik: „Der fährt immer dahin, wo es funktioniert.“

Torsten Winkler, Sonderpädagoge an der Förderschule „Lernen“ in Finsterwalde, ist seit 1983 Lehrer. Er beklagt, dass immer mehr Zeit statt in die Stundenvorbereitung in Bürokratie fließe. „Jede Schule bastelt ihren eigenen Plan für den WAT-Unterricht.“ Für die Lehrer ergreift er Partei. 99,9 Prozent würden ihr Bestes geben, jedoch mit hausgemachten strukturellen Fehlern zu tun haben, die von der Politik nicht gesehen würden. So fehle es an Sonderpädagogen. Auch in den Berufsschulen.

„Die Inklusion ist für Handwerksbetriebe ein Weg, neue Mitarbeiter zu gewinnen“, sagt Christian Jakobitz. Dieser Weg koste viel Kraft und Zeit, könne sich aber auch lohnen. Jeder Fall sei einzigartig. Ebenso individuell und verschieden seien die zu lösenden Probleme und Herausforderungen. Diese überfordern die Betriebe teilweise – trotz gewährter Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung. Man müsse den Jugendlichen jemanden zur Seite stellen, der aber gleichzeitig in der Produktion gebraucht werde, verdeutlicht Erwin Hoffmann die Problematik. An Vorarbeitern fehle es zudem. Einig ist man sich an diesem Nachmittag in der Runde: „Wir dürfen nicht aufgeben. Diese Diskussion muss fortgesetzt werden.“ Ellen Lösche will im Frühjahr erneut zu einem Forum einladen. Und dann die Politik mit an den Tisch holen.