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Die Heimat wurde nicht zur Fremde

Ginge es nach dem Willen der bisherigen Organisatoren, dürfte es das letzte Klassentreffen des Jahrgangs 1947/48 gewesen sein. „Mit jedem Treffen kommen immer weniger ehemalige Klassenkameraden“ , verdeutlichte Susanne Böer das Problem. Fanden sich beim ersten Wiedersehen 1995 noch 45 Männer und Frauen die nach Schlieben reisten, so waren es am Samstag zum vierten Beisammensein lediglich 25. Von Sven Gückel

SCHLIEBEN. „Es ist deprimierend, wenn es von Mal zu Mal weniger werden. Und es tut verdammt weh“ , ergänzte Reina Lichtenau. Doch ebenso schmerzhaft wie das Fehlen der verstorbenen Klassenkameraden, dürfte auch der wohl endgültige Abschied am Wochenende gewesen sein. Gerade einmal acht Feiergäste wohnen noch heute in Schlieben und Umgebung. Die anderen, so fügt Reina Lichtenau an, haben in den alten Bundesländern oder im Ausland ihr Zuhause gefunden. Zu ihnen gehören auch Lissi Noack und Erna Fränzel. Beide Frauen leben seit Jahrzehnten in Montreal (Kanada) und Stockholm (Schweden). Dennoch, als der Ruf zum erneuten Klassentreffen erklang, gab es für die Deutsch-Kanadierin kein Halten. „Einmal Schliebener, immer Schliebener“ , lautet ihr Motto. Zudem passte es zeitlich gut in den Terminplan, dass auch der Moienmarkt seine Pforten öffnete. Für Lissi Noack ein unbedingtes Muss. Trotz der seit 50 Jahren gewählten Entfernung zur Heimat, war sie aber stets auf dem Laufenden was im Ort passiert. Eine Freundin fürs Leben, die sie während der Schulzeit kennen lernte, ist Ursel Radwitz bis heute für sie geblieben. „Es gab nichts, was wichtig war und mir nicht mitgeteilt wurde“ , zeigte sich Noack bis heute dankbar. Unzählige Zeitungsberichte und Fotos wechseln seither über den Atlantik die Besitzer und ließen die Heimat so nicht zur Fremde werden. Erst zweimal nahm hingegen Erna Fränzel am Klassentreffen teil. 17 Stunden Anreise sind doch eine gewaltige Strapaze, gab sie zu verstehen. Interessant findet sie bis heute, dass viele ihrer ehemaligen Freunde den Eltern im Aussehen immer ähnlicher werden. „Das ist ein wichtiges Wiederkennungsmerkmal“ , fügte sie lachend an. Langweilig wird es auf den Schliebener Treffen nie. „Wir waren eine wirklich gute Truppe, so dass immer Gesprächsstoff vorhanden ist“ , verdeutlichte Reina Lichtenau. Schade nur, so fährt sie fort, dass keiner der alten Lehrer mehr lebt oder körperlich im Stande ist, dem Treffen beizuwohnen.
Um den „Auswärtigen“ den Ort der Kindheit wieder etwas näher zu bringen, hatten die Schliebener Organisatoren eine Busfahrt nach Herzberg und Umgebung ins Leben gerufen. Ein Bummel durch die ehemalige Kreisstadt und deren Tierpark sowie zur Steigemühle sorgten somit für gelungene Abwechslung. Und ob es denn wirklich das letzte Treffen der Schulkameraden war, wird die Zukunft zeigen. „So richtig glaube ich daran noch nicht“ , gab Lissi Noack zum Abschluss mit Schmunzeln zu verstehen.