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| 02:46 Uhr

Der Blick eines Europa-Kenners

FOTO: Frank Claus
Doberlug. Er hat den Großen dieser Welt von Altkanzler Helmut Kohl, Ex-US-Außenministerin Condoleezza Rice und dem früheren luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker Fragen gestellt, er trifft heute mehrfach im Jahr auf Kanzlerin Angela Merkel, berichtet aus dem EU-Parlament in Brüssel und ist gefragter Analyst: Udo van Kampen, ZDF-Studioleiter in Brüssel. Frank Claus

Auf Einladung der Sparkasse Elbe-Elster hielt er einen Vortrag im Refektorium in Doberlug. Natürlich: Die zugespitzte Lage auf der Krim bildete die Einleitung in den Vortrag von ZDF-Studioleiter Udo van Kampen vor 260 Gästen im Refektorium in Doberlug. Immerhin stand da das Referendum unmittelbar bevor und Sanktionen gegen Russland im Raum. "Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass wir je wieder in eine so komplizierte Situation im Ost-West-Verhältnis hineinschlittern", sagte der erfahrene Polit-Beobachter, sprach von der Vermittlerrolle der Kanzlerin und von Abhängigkeiten, die auch Deutschland bei einem Handels-Umsatzvolumen von 80 Milliarden Euro habe. "Wir beziehen 30 Prozent unseres Erdgases von da." Nach Einschätzung des Journalisten sei es im Zuge der Demonstrationen auf dem Maidan eine politische Fehlleistung gewesen, der Ukraine nur die Wahl Russland oder Europa zu lassen. Dabei habe auch sein Berufsstand teilweise die Objektivität in der Berichterstattung vermissen lassen.

Ausführlich beschäftigte er sich dann mit der Euro-Krise, die in Deutschland seiner Auffassung nach noch immer als die "Krise der anderen" betrachtet werde. Er würdigte die Anstrengungen der Griechen. Die Konsolidierung des dortigen Staatshaushaltes treffe vor allem einfache Leute hart. Udo van Kampen geht davon aus, dass es für die Griechen einen zweiten Schuldenschnitt geben werde, auch "wenn der dann vielleicht nicht so heißt". Die Spanier und Iren hätten zur Konsolidierung bereits einiges erreicht, aber gegenwärtig steige die Verschuldung wieder. Van Kampen habe den Eindruck, dass dort "die Reformfreudigkeit abgebremst" ist. Immer wieder werde er in Gesprächen mit Aussagen von jungen Leuten konfrontiert, die sagen, die EU habe den Banken mit 750 Milliarden Euro geholfen, aber was tue sie für die Zukunft der Jugend? Er würdigte die Rolle der Kanzlerin, die am Prinzip "Hilfe nur gegen Reformen" festhalte und sich dabei nicht nur Freunde mache.

Als problematisch bewertet er das momentane deutsch-französische Verhältnis, das er abgekühlt sehe. Dabei laufe ohne den "deutsch-französischen Motor" in der EU fast nichts. Frankreich habe gegenwärtig große Schwierigkeiten, seine Wirtschaft wettbewerbsfähig zu gestalten. Der Journalist wagte eine persönliche Prognose: Die Währungsunion werde "nicht mit gleicher Zahl" Bestand haben, sondern auf eine "Kernmannschaft zusammenschmelzen." Und er forderte die Anwesenden auf, zur Europawahl zu gehen, weil es erstmals Spitzenkandidaten gebe, die zur Wahl stehen.

Das künftige Spitzenpersonal in der EU muss eine Parlamentsmehrheit haben - wer regieren wird, entscheiden die Wähler.