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| 15:10 Uhr

Broschüre erschienen
Das unbekannte Geheimnis um das Atomwaffenlager Stolzenhain

Stolzenhain. Was lag da wirklich? Zwei Autoren aus Jessen und Gentha haben eine Broschüre herausgegeben und beleuchten das Objekt „Wald“. Von Birgit Rudow

Dr. Rainer Helling hatte ungefähr mit 30 Gästen gerechnet, die kurz vor Ostern zu dem Vortrag über „Das unbekannte Geheimnis“ in das Gasthaus Hagen nach Stolzenhain kommen würden. Doch da hatte er weit daneben gelegen. Die Stühle reichten nicht aus. Viele Interessierte wollten wissen, was es konkret auf sich hatte mit dem sowjetischen Atomwaffenlager unmittelbar vor der Haustür von Stolzenhain an der heutigen B 101.

Viele Besucher des Vortrages zum ehemaligen Atomwaffenlager bei Stolzenhain haben die Broschüre bei Dietmar Steinecker zur Erinnerung erworben.
Viele Besucher des Vortrages zum ehemaligen Atomwaffenlager bei Stolzenhain haben die Broschüre bei Dietmar Steinecker zur Erinnerung erworben. FOTO: Rudow / LR

Zwei solcher Lager hatte es auf dem Gebiet der DDR gegeben (eins noch bei Lychen). 1968 wurde die streng geheime Anlage bei Stolzenhain, die bis 1990 betrieben wurde, in Betrieb genommen. Dr. Reiner Helling aus Jessen und Dietmar Steinecker aus Gentha nahmen den 50. Jahrestag des Ereignisses zum Anlass, eine Broschüre unter dem Titel „Das unbekannte Geheimnis – Über das Atomwaffenlager Linda/Stolzenhain“ zu verfassen. Vor allem Reiner Helling hat das Material zusammengetragen. Wie Dietmar Steinecker berichtet, kamen viele Zuarbeiten von ehemaligen Offizieren aus der Ukraine, die in dem Komplex „Wald“ gedient hatten. Fotos stammen unter anderem von einem ehemaligen Wachmann, der das Areal nach der Wende mit bewacht hat, und von der Irin Sarah Iremonger, die als Kunststipendiatin auf Schloss Wiepersdorf das Gelände in seinem heutigen Zustand fotografiert hat.

Der etwa einstündige Vortrag von Reiner Helling im Gasthaus Hagen zog die Zuhörer in den Bann. Viele von ihnen hatten während der DDR-Zeit selbst Erfahrungen mit den Angehörigen der Sowjetarmee und dem Objekt gemacht. Einige hatten damals schon geahnt, was dort in dem Standort lagern könnte, aber kein Außenstehender hat es konkret gewusst. „Die Einheit war strengst geheim und eine völlig geschlossene Stadt. Eigentlich hätte niemand das Objekt verlassen dürfen, aber bis Stolzenhain oder Schönewalde zum Heimatfest hat der Chef schon mal ein Auge zugedrückt“, berichtet Reiner Helling.

Wie in der Broschüre dargestellt, war das Lager dafür vorgesehen, im Kriegsfall die dritte Raketenbrigade der NVA in Jena mit den Sprengköpfen für deren operativ taktische Raketen zu versorgen. In Stolzenhain lagerten atomare Sprengköpfe verschiedener Typen. Nicht alle Zahlen und Angaben sind gesichert bestätigt. Reiner Helling führte aus, dass die eigentlichen Atomsprengköpfe so groß wie Lampions waren. Sie hätten eine Wirkung von jeweils 20 000 bis 100 000 Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs gehabt. Bei der Bombe von Hiroshima seien es 13 000 Tonnen gewesen, sagte er. Es habe ständig intakte Verbindungen nach Wünsdorf und nach Moskau gegeben. „Wenn Stolzenhain angegriffen worden wäre, wären die Sprengköpfe unschädlich gemacht worden“, so Reiner Helling. Was dort gelagert war, hätte ausgereicht, halb Europa zu vernichten, meinte er auf Nachfrage der RUNDSCHAU. Wann und wie genau die Sprengköpfe aus Stolzenhain abtransportiert wurden, wisse niemand genau. Ihm hätten Offiziere nur erzählt, dass sie schon weg gewesen seien, als es im Herbst 1989 in der DDR „brenzlig“ geworden sei.

Die Gäste im Gasthaus Hagen in Stolzenhain verfolgten aufmerksam die Ausführungen von Dr. Reiner Helling.
Die Gäste im Gasthaus Hagen in Stolzenhain verfolgten aufmerksam die Ausführungen von Dr. Reiner Helling. FOTO: Rudow / LR

Die Autoren geben in ihrer 160 Seiten umfassenden Broschüre umfangreiche Informationen zur Projektplanung, zur Bauausführung und zu den technischen Details der Bunker und der Anlage. Die Veröffentlichung gibt auch einen Einblick in das Leben der Soldaten und Offiziere in „ihrer Stadt“ und über ihr Verhältnis zu den Bewohnern in der Region, das oft freundschaftlich gewesen sei. So ging man zum Beispiel (vertraglich geregelt) gemeinsam auf Jagd. In dem Standort gab es eine Sport und Mehrzweckhalle, ein Schwimmbecken, eine Sauna, einen Kindergarten oder eine Fernsehzentrale. 1990 wurde das Objekt „Wald“ bei Stolzenhain aufgelöst. Etwa 2200 sowjetische Soldaten und Offiziere hatten darin gedient. Wie zu vernehmen war, halten heute noch viele „Ehemalige“ Kontakt zueinander.

Seit 1998 ist der Schönewalde Manfred van Heerde Eigentümer der gesamten Anlage. Er hat das Entstehen der Broschüre maßgeblich unterstützt. Er erläutert interessierten Gästen gern die Besonderheit des Objektes. „Wir haben mit der Broschüre Neuland betreten und wären jederzeit dankbar für weitere Hinweise oder Dokumente“, so Reiner Helling.

Deckblatt der Broschüre zum Atomwaffenlager Stolzenhain.
Deckblatt der Broschüre zum Atomwaffenlager Stolzenhain. FOTO: Rudow / LR