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| 01:02 Uhr

Das Abc noch mit Griffel auf der Schiefertafel gelernt

Jagsal.. Schon sehr lange hatte sich Erika Netzel diesen Tag vorgestellt – wie es sein würde, wenn sie nach vielen Jahrzehnten ihre einstigen Mitschüler wiedersehen würde. Und dann wurde alles genau so und noch viel schöner, als sie es gedacht hatte. 50 Jahre nach der Einschulung trafen sich elf Frauen und Männer, die zehn Jahre nach Beendigung des Krieges am 3. September 1955 in Oelsig und in Malitschkendorf eingeschult wurden. Sie wohnten damals in Jagsal, Oelsig und Osteroda und besuchten ab der 5. Klasse gemeinsam die Schule in Jagsal. Von Gabi Zahn

Erika Netze, die mit Mädchennamen Prüfner hieß, hat inzwischen schon einige Male das Foto, das am Wochenende zum Klassentreffen gemacht worden ist, neben das schon etwas verblichene gelegt, das damals entstanden war. „Was war ich gespannt, ob wir uns alle wiedererkennen würden“ , erinnert sie sich daran, wie es ihr ging, nachdem Termin und Ort endlich feststanden: 5. November, 13 Uhr an der Mühle in Jagsal.
Im August hatte Erika Netzel ihre frühere Schulkameradin Hannelore Mäder, geb. Voigt, in Oelsig beim Dorffest getroffen. Das Hauptgesprächsthema war dabei, wie man eben jenes Treffen organisieren könnte. „Weil wir da wirklich schon alles fest verankern wollten, legten wir schnell den Termin fest“ , berichtet Erika. Und dann versuchten sich beide ein klein wenig als Detektiv, erkundeten, wo „die Ehemaligen“ abgeblieben sein könnten. „Bis auf wenige Ausnahmen haben wir alle erreicht, und von den meisten kamen auch Zusagen“ , berichtet sie.
Mit Familie Schülzke in Jagsal war inzwischen alles wegen der Feier in der Mühle abgesprochen, der Tag rückte immer näher, und dann, schon vor der festgelegten Stunde, waren Anneliese, geb. Ragutze, sowie Hannelore zuerst da. So begann das große Warten ( „Werden wirklich alle kommen„)“ , Herzklopfen ( „Wer mag das sein, der da aus dem Auto steigt““ ) und das Wiedererkennen: ( „Du bist es ja, Christa!“ ).
Elf ehemalige Mitschüler saßen letztendlich an der hübsch gedeckten Kaffeetafel, und sie hatten so viel zu erzählen. Fünf aus ihren Reihen waren nicht gekommen. „Da viele in der Region geblieben waren, hat man sich alle paar Jahre mal irgendwo gesehen. Dennoch hatten sich manche so verändert, so dass man in den Gesichtszügen noch altbekannten Dingen suchte“ , lässt Erika Netzel die ersten ein, zwei Stunden des Klassentreffens nochmal an sich vorüberziehen.
Sehr berührt waren alle, dass auch die frühere Klassenleiterin Johanna Texter und Edith Günther, die Handarbeit unterrichtet hatte, gekommen waren. Die mittlerweile über 70 Jahre alte Frau Texter war aufgrund der Einladung sogar aus Chemnitz angereist. Bei Frau Günther hatten die Mädchen und Jungen damals zuerst Unterricht, bis die neue Schule in Jagsal fertig war.
Nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken nutzte man das schöne Herbstwetter zu einem Spaziergang - zu jenen Orten, an denen die früheren Schüler einst nur allzu oft waren. Und der Gesprächsstoff riss auch dann nicht ab, als am Abend die leckeren Wildschwein- und Hirschgerichte verspeist, und die Gläser ein- um das andere Mal neu gefüllt wurden. Man erinnerte sich an das Quitschen der Griffel, mit denen sie damals noch auf Schiefertafeln Schreiben und Rechnen lernten, bevor es dann zunächst Bleistifte und später Federhalter gab, und die vielen dünnen Hefte, die vollgeschrieben wurden.
Einige hatten Fotoalben mitgebracht, auch die Oelsiger Ortschronik ging von Hand zu Hand, schließlich leben einige, wenn auch wenige der früheren Mitschüler nicht mehr in der Region. Werner Theile, der aus Osteroda stammt, kam aus Gera. Und Astrid Ender lebt bei Berlin und arbeitet als Lehrerin in Ludwigsfelde.
Jeder hatte sich im Laufe des Tages etwas vorgestellt. „Es war schön zu erfahren, dass es allen einigermaßen gut geht und die meisten auch noch Arbeit haben“ , resümiert Erika Netzel. Erst am späten Abend verabschiedete man sich sehr herzlich voneinander - nicht ohne zuvor schon klar gemacht zu haben, dass das nächste Klassentreffen nicht in fünf Jahren, wie zunächst vorgemerkt, sondern nun schon in drei Jahren stattfinden soll.
Und zu guter Letzt möchten die ehemaligen Jagsaler Schüler auch ihren Gastgebern danken, die sich mit der Bewirtung in der Mühle große Mühe gegeben haben.