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Brücken gesprengt, um Rote Armee aufzuhalten

Herzberger wurden im Mai 1945 verpflichtet, bei den Aufbauarbeiten an der Eisenbahnbrücke zu helfen.
Herzberger wurden im Mai 1945 verpflichtet, bei den Aufbauarbeiten an der Eisenbahnbrücke zu helfen. FOTO: Bücherkammer (Kurt Hartwich/Kurt Porrmann)
Herzberg. Der 23. April 1945 ist für die Stadt Herzberg ein magisches Datum zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Heute jährt sich zum 70. Mal die sinnlose Sprengung der Straßen- und der Eisenbahnbrücke über die Schwarze Elster und der Einmarsch der Roten Armee in der Stadt. Der 83-jährige Gerhard Pohl erinnert sich noch an diesen Tag und das Kriegsende in Herzberg. Birgit Rudow

14 Jahre alt war Gerhard Pohl, der später von 1966 bis 1990 insgesamt 24 Jahre lang Bürgermeister der Stadt Herzberg sein sollte, im April 1945. "Als die NSDAP-Bonzen sinnloser Weise die Elster-Brücken gesprengt haben, um den Russen den Weg in die Stadt zu versperren, habe ich mit meinen Eltern im Keller in der Magisterstraße 14 gesessen. Ich kann mich an vieles noch gut erinnern. An die weißen Tücher, die der Türmer Paul Hoffmann am Kirchturm angebracht hat, an die Ärztin und einige Männer, die den NSDAP-Kommandanten damals davon überzeugen wollte, welch ein Wahnsinn es ist, die Stadt gegen die Rote Armee verteidigen zu wollen, oder an Russen, die bei meinem Lehrmeister des Kolonialwarenladens Haehn im Keller in Sauerkrautfässer geschossen haben, weil sie dachten, da sei Schnaps drin", erzählt er.

Die Tage im April 1945 haben sich bis heute in das Gedächtnis des 83-Jährigen eingebrannt. Bei seinen Erinnerungen hilft ihm auch die Chronik des ehemaligen Konrektors der Herzberger Schule, Albert Voegler über die Stadt Herzberg bis 1948. "Voegler hatte die Chronik handschriftlich erarbeitet. In den 80er Jahren habe ich meinen Schulfreund Kurt Hartwich gebeten, auf der Schreibmaschine eine Abschrift anzufertigen. Was Voegler über das Kriegsende in Herzberg festgehalten hat, kann ich voll bestätigen", sagt Gerhard Pohl.

Herzberg ist von militärischen Kriegshandlungen kaum betroffen gewesen. "Außer der Bombardierung des Deutschlandsenders am 17., 18. und 19. April 1945 und dem Abwurf einer kleinen Sprengbombe in den Niederlausitzer Bahnhof war nicht viel passiert", so Pohl. Am 23. April standen dann die Russen rings um Herzberg. Um 5 Uhr hieß es, dass die Brücken gesprengt werden. Wie Albert Voegler in seiner Chronik schreibt, hat die Detonation Schäden an Gebäuden vor allem in der Schliebener Straße und in Alt-Herzberg verursacht. Gegen 10 Uhr hat der Nazi-Kommandant sein Vorhaben, die Kreisstadt zu verteidigen, aufgegeben und den Rückzug befohlen. Sturmpioniere und Volkssturmmänner haben ihre Waffen samt Munition in den Mühlgraben, die Lapine oder in die Feldgräben geworfen. Gegen 10.30 Uhr hat der Türmer Hoffmann an allen vier Ecken der Turmgalerie weiße Fahnen gehisst. Im Nu flatterten auch aus den Fenstern der Häuser weiße Tücher.

Angst vor den Russen

Aus Richtung Schlieben hielt die Rote Armee trotz zerstörter Brücken Einzug in die Stadt. Gerhard Pohl erzählt: "Herzberg war politisch eine ziemlich braune Stadt. Ich wurde zum Beispiel 1937 eingeschult. Der Direktor kam nur in Nazi-Uniform zur Schule. So waren wir erzogen, wir Jungs kannten gar nichts anderes. Viele Herzberger hatten Angst vor den Russen, weil man ihnen immer erzählt hat, die Bolschewiken würden kommen, den Männern die Kehlen durchschneiden und die Frauen vergewaltigen." Von Vergewaltigungen habe er auch gehört, so Pohl. Aus Verzweiflung hätten deshalb auch einige Herzberger kurz vor Ankunft und während des Einmarsches der Roten Armee Selbstmord begangen, schreibt Voegler und führt Beispiele in seiner Chronik auf. Der stellvertretende Kreisleiter der NSDAP in Herzberg, Otto Stüber, hat sich erschossen. Der Ortsgruppenleiter Richard Röthling und der Arzt Joachim Lehmann wurden erschossen am Rande der Buckauer Heide aufgefunden. Voegler zählt die Selbsttötung von 25 Herzberger Männern, Frauen und Kindern auf. Nicht alle waren NSDAP-Funktionäre oder Angehörige. "Die Berta Höler zum Beispiel hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Sie war 15 und meine Schulfreundin", erzählt Gerhard Pohl.

Große Last abgefallen

Streifen der Roten Armee haben zwei Tage lang alle Häuser der Stadt nach deutschen Wehrmachtsangehörigen durchkämmt. Für die Zeit nach dem 23. April berichtet Voegler von starken Einquartierungen von russischem Militär. Die russische Kommandantur hatte ihren Sitz vorerst in Häusern in der Nähe des Marktes. Auf Befehl des Kommandanten mussten alle Häuser rund um den Marktplatz weiß angestrichen werden. Später hat die Kommandantur ihren Sitz in der Falkenberger Straße gehabt.

Der Kommandeur der sowjetischen Streitkräfte in Herzberg ordnete gleich nach der Einnahme der Stadt an, dass sich jeder Einwohner registrieren lassen und einen Ausweis haben musste. Von 23 Uhr bis 6 Uhr herrschte Ausgangssperre. Alle Waffen mussten abgegeben werden, auch alle Radiogeräte, die im Herbst den Besitzern aber wiedergegeben wurden, soweit diese nicht der NSDAP angehört hatten. Das Kreisblatt erschien nicht mehr und die Armaturenfabrik schloss ihre Pforten, führt Voegler in der Chronik auf. Herzberg war in den letzten Apriltagen 1945 von der Außenwelt abgeschlossen. Kein Zug, kein Brief, keine Zeitung. Um den Bau einer Notbrücke Anfang Mai in die Wege zu leiten, mussten Aufräumarbeiten geleistet werden. Die nichtberufstätige Bevölkerung musste sich zur Gemeinschaftsarbeit einfinden. Der erste Zug Richtung Luckau fuhr am 23. Mai.

Nach zwölfjähriger Pause setzte das politische Leben mit Parteigründungen, Versammlungen und Kundgebungen wieder ein. Die KPD übernahm die Verwaltung in der Stadt. Erster Bürgermeister nach Kriegsende wurde der Feinmechaniker Leo Gawlik. "So, wie Albert Voegler in seiner Chronik die letzten Kriegstage und die erste Zeit nach dem Krieg beschreibt, so war es gewesen. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen und erlebt. Der Einmarsch der Russen war für Herzberg eine Befreiung. Der Krieg war zu Ende und von den meisten ist eine riesengroße Last gefallen", sagt Gerhard Pohl.

Gerhard Pohl.
Gerhard Pohl. FOTO: Rudow
Die im April 1945 sinnlos zerstörte Straßenbrücke über die Schwarze Elster in Herzberg.
Die im April 1945 sinnlos zerstörte Straßenbrücke über die Schwarze Elster in Herzberg. FOTO: Bücherkammer (Kurt Hartwich/Kurt Porrmann)