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| 16:37 Uhr

Erinnerungskultur
Sein Antrieb: Erinnerungen wach halten

Robert Malinicki (l.) und Ben Helfgott sind sich in Schlieben-Berga das erste Mal persönlich begegnet.
Robert Malinicki (l.) und Ben Helfgott sind sich in Schlieben-Berga das erste Mal persönlich begegnet. FOTO: Sylvia Kunze / LR
Schlieben-Berga. Ben Helfgott besucht noch einmal die KZ-Gedenkstätte in Schlieben-Berga, wo er als Jugendlicher während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten musste. Er kommt, um einen weiteren Gast zu überraschen, aber auch, um selbst überrascht zu werden. Von Sylvia Kunze

Von den Mitgliedern des Gedenkstättenvereins hat keiner an ein derartiges Wiedersehen geglaubt. Aber dann sollte es ganz unverhofft doch noch klappen. Ein englisches Filmteam hatte sich angekündigt. Das war schon seit geraumer Zeit bekannt. In der Vorwoche dann aber der Anruf beim Vereinsvorsitzenden Uwe Dannhauer: Wir bringen noch Ben Helfgott mit.

Der inzwischen 88-Jährige war bereits vor sechs Jahren Gast in Schlieben-Berga. Mit durchaus gemischten Gefühlen. Immerhin musste der heutige Brite im Zweiten Weltkrieg im KZ-Außenlager Zwangsarbeit leisten. Aus Polen kommend, war der Jude 1944 kurz vor Kriegsende nach Deutschland in das KZ-Außenlager in Schlieben-Berga gesteckt worden. Der Widerstreit der Gefühle lässt sich auch heute noch sehr lebhaft an seinem Gesicht ablesen. Dennoch hat er nicht gezögert, als das englische Filmteam ihn fragte, ob er es nach Deutschland begleitet. Denn Helfgott hat einen immensen Antrieb: Er möchte die Erinnerungen an diese schreckliche Zeit wach halten und nutzt dazu auch trotz seines hohen Alters noch jede sich bietende Gelegenheit.

Die Wiedersehensfreude ist auf beiden Seiten groß. Zur Begrüßung gibt es gleich erst einmal ein Fotoalbum mit den Bildern, die vor sechs Jahren aufgenommen wurden. Dannhauers haben es schnell noch vorbereitet. Sie haben den Kontakt zu dem Überlebenden der Nazihölle seitdem nie abreißen lassen, der hauptsächlich über Tochter Stefanie läuft. Sie war es auch, die vor mehr als zehn Jahren die ganz besondere Freundschaft anbahnte. „Es braucht nur einen Menschen, der sich erinnert - aber hier ist es gleich eine ganze Familie mit ihren Freunden“, sagt Ben Helfgott, was ihn begeistert.

Kurz darauf steht er – im ersten Augenblick erst einmal wortlos – in der Ausstellung vor einer Tafel. „Seiner“ Tafel, die nach seinem ersten Besuch entstand und auf der sein Leidensweg beschrieben steht. Stellvertretend für viele andere Häftlinge, die in Berga inhaftiert waren. Helfgott, der zwar noch recht passabel deutsch spricht, lässt sich von Christa Forberger den Text auf englisch übersetzen, nickt, zeigt auf ein abgebildetes Foto seiner Familie, erzählt von den Schicksalen seiner Angehörigen. Und beginnt zu singen. Leise. Das Lied von den „Drei Lilien“, das die Häftlinge Mal um Mal singen mussten.

Er kann es bis heute nicht vergessen. Auch nicht seinen Hunger, der allgegenwärtig war und der ihn den Tod fürchten ließ. Und auch nicht die nette deutsche Frau, mit der er zusammenarbeiten musste, die ihm aber keinen Krümel Brot abgegeben hat. Der Senior kann noch viel von dieser Zeit berichten.

Einer Zeit, die der Brite Robert Malinicki nicht miterlebt hat. Aber dessen Großvater. Moszek Malinicki war ebenfalls in Schlieben-Berga inhaftiert. Zur gleichen Zeit wie Ben Helfgott. Beide gingen bei der Evakuierung des Lagers auf Transport nach Theresienstadt, wo sie die Befreiung erlebten. Aber Moszeck Malinicki hat nicht über diese Zeit gesprochen. Sein Enkel ist nun dabei, mithilfe verschiedener Mittel dieses Kapitel im Leben seines Großvaters und seiner Familie für sich aufzuarbeiten. Ein englisches Filmteam begleitet ihn auf diesem Weg.

In Schlieben treffen nun Malinicki Junior und Helfgott, die sich bislang nur telefonisch kennen, erstmals direkt aufeinander. Es gibt viel zu erzählen. Gemeinsam sehen sich beide Männer um. Der Enkel des KZ-Überlebenden bekennt in einer Drehpause, dass er eine emotionale Achterbahnfahrt erlebe, aber dankbar sei, an realen Schauplätzen der Geschichte das Leben seines Großvaters nachvollziehen zu dürfen.

Die Mitglieder des Gedenkstättenvereins verfolgen die Begegnung sehr genau. Sie hören aufmerksam zu, immer in der Hoffnung, auf neue Erkenntnisse zu stoßen. Damit sich die Akten füllen. Damit das Erinnern an das Geschehen im einstigen Lager noch detaillierter werden kann.

In der Ausstellung der Gedenkstätte: Ben Helfgott (l.) vor der Tafel, die über seinen Leidensweg berichtet.
In der Ausstellung der Gedenkstätte: Ben Helfgott (l.) vor der Tafel, die über seinen Leidensweg berichtet. FOTO: Sylvia Kunze / LR