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| 02:37 Uhr

Bäume und Flurgehölze schützen – nur eine Illusion?

Fällungen in einer Hecke im Fichtwaldgebiet.
Fällungen in einer Hecke im Fichtwaldgebiet. FOTO: Privat
Falkenberg. Falkenberger Naturschützer beklagen das aus ihrer Sicht rechtswidrige Abholzen. Agrarbetriebe wehren sich gegen die Vorwürfe. Birgit Rudow

Dieter Lehmann vom Falkenberger Naturschutzverein "Elsteraue" widmet sich in einem Schreiben an die RUNDSCHAU erneut dem Thema Bäume und Flurgehölze. Im Herbst 2016 haben die Naturschützer die Aktion "Flurgehölze und Solitärbäume schützen! Neuanpflanzungen vornehmen!" gestartet (die RUNDSCHAU berichtete). "Das Landwirtschaftsamt der Kreisverwaltung lehnte eine Unterstützung aus datenschutzrechtlichen Gründen ab. Angeschriebene Bauernverbände reagierten nicht. Auch von den landwirtschaftlichen Großbetrieben, abgesehen von der Agrargenossenschaft Beyern, kam keinerlei Resonanz", so Dieter Lehmann.

Und wieder wurden im vergangenen Winterhalbjahr vielerorts Bäume gefällt, schreibt er. "Nicht nur in den Wäldern - wenn es dort mit forstwirtschaftlicher Berechtigung geschah, ist nichts dagegen einzuwenden. Nein, auch in den offenen Landschaften wurden leichtfertig und oft auch rechtswidrig zahllose Bäume gefällt: entlang von Wegen, Straßen und Gewässern, aber auch oft grundlos in den noch vorhandenen Flur- und Feldgehölzen", so der Naturschützer. Der Falkenberger Verein hätte dazu in den letzten Wochen mehrfach Hinweise von Bürgern erhalten.

Einer dieser Hinweise habe sich wie schon 2016 auf das Fichtwaldgebiet bezogen, meint Dieter Lehmann. Dort seien von landwirtschaftlichen Großbetrieben Bäume gefällt oder verstümmelt, Sträucher abgesägt oder entwurzelt worden. "Dabei beanspruchen und beziehen diese Betriebe aus europäischen Förderprogrammen nicht geringe Geldbeträge, ohne zu bedenken, dass daran Bedingungen geknüpft sind, vorhandene Flurgehölze zu schützen und zu erhalten", schreibt er.

So erhalte beispielsweise die Agrar GmbH Wenau, mit Sitz in Schlieben, Fördermittel aus dem EU-Agrarfonds (EGFL und Eler). "Wenn Mittel aus dem EGFL-Programm bezogen werden, ist die Beseitigung von Landschaftselementen verboten. Aber genau dagegen wurde verstoßen", meint er.

Dieter Lehmann führt auch die Agrargenossenschaft Gräfendorf an. Sie habe im Februar 2017 an der Ortsverbindungsstraße Kleinrössen-Gräfendorf die dort beidseitig stehenden Bäume durch einen Auftragnehmer beschneiden lassen. "Dabei wurde eine maschinelle Technik benutzt, mit der die Bäume regelrecht verunstaltet werden. Sie wurden teilweise verkrüppelt und haben darunter gelitten. Fachgerecht war das auf keinen Fall", so Lehmann.

Auch in einem Flurgehölz westlich der Schwarzen Elster an der denkmalgeschützten Brücke zwischen Kleinrössen und Neudeck, seien verschiedene alte Erlen gefällt worden - vermutlich zur Brennholzgewinnung, fügt er an.

"Hintergrund für solche Naturfrevel können die für uns Naturschützer nicht nachvollziehbaren EU-Praktiken bei der Agrarförderung sein. Die Agrar-Flächen werden mittels Satellit ausgemessen. Die exakte Ermittlung der Flächengröße ist nicht nur für Kauf oder Pacht wichtig, sondern auch die Grundlage für den Erhalt von Fördergeldern aus dem EU-Agrarfonds für Landwirtschaft und Fischerei. Überstehende Sträucher oder Bäume werden herausgerechnet. Sie verkleinern die Fläche und verringern die finanziellen Zuschüsse", meint der Naturschützer. Bei Geld setze bekanntlich bei vielen Menschen der Verstand aus. Deshalb werde zu schwerer Sägetechnik gegriffen.

Die RUNDSCHAU hat in der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises und bei den von Dieter Lehmann erwähnten beiden Agrarbetrieben nachgefragt. Die Landwirte wüssten, dass sie auf Landschaftselemente Rücksicht zu nehmen hätten, sagt Thomas Spillmann-Freiwald, Sachgebietsleiter Naturschutz beim Landkreis. Sie wüssten auch, dass Verstöße förderschädigend sein können. "Das wird kontrolliert und auch geahndet", sagt er. Zu den von Dieter Lehmann angedeuteten Fällen könne er nichts sagen, weil er nicht genau wisse, wo sich die Gehölze befinden. Beim Verschneiden von Bäumen müsse die Schnittzeit eingehalten werden. Zulässig seien Form- und Pflegeschnitte, so Thomas Spillmann-Freiwald. "Es ist allerdings nicht legitim, ganze Elemente verschwinden zu lassen", sagt er.

Michael Jänsch, Chef der Agrargenossenschaft Gräfendorf, will sich nicht gegen den Naturschutz stellen, aber auf einige Dinge aufmerksam machen. Die Genossenschaft habe einer Fachfirma mit entsprechender Technik den Auftrag erteilt, die Kastanien an der Straße zwischen Kleinrössen und Gräfendorf maschinell zurückzuschneiden. Die Landwirte seien in solchen Fällen aber auch im Zwiespalt, sagt er. Die Alleen seien gepflanzt worden und dann würde sich niemand mehr kümmern. Die Kronen würden in den Verkehrsraum wachsen, so dass zwei große Fahrzeuge nicht mehr aneinander vorbeikämen. Auch würden Bäume in landwirtschaftliche Flächen reinwachsen und zu einer Gefahr für große Maschinen werden. Das Problem mit der Flächenmessung durch die EU sei durchaus relevant, meint er. Bei den 2000 Hektar Fläche des Gräfendorfer Betriebes gingen zum Beispiel durch Bäume schnell mal einige Hektar verloren, so Michael Jänsch. "Die EU bestraft uns dann für falsche Angaben. Das kann nicht sein. Wir bezahlen ja auch die Pacht für die Flächen", sagt er. Würden die Eigentümer die Bäume an Straßen zum Beispiel regelmäßig pflegen und beschneiden, bräuchten die Landwirte nicht einzugreifen. Was den starken Rückschnitt der Kastanien zwischen Kleinrössen und Gräfendorf betrifft, verweist er auf die Zufahrt von Kleinrössen in den Schweinert. "Dort haben wir vor zwei Jahren geschnitten und die Bäume sind in Ordnung", sagt Michael Jänsch.

Björn Förster, Geschäftsführer der Agrar GmbH Wenau in Schlieben, erläuterte auf RUNDSCHAU-Anfrage, dass der Agrarbetrieb in diesem Jahr in Abstimmung mit dem Gewässerunterhaltungsverband an Gräben einseitig Bäume komplett beseitigt habe, damit der Verband die Gräben bereinigen kann. Es seien auch Gehölze dort belassen worden, um Brutplätze zu schaffen. "Das ist alles in Abstimmung mit dem Verband und mit der unteren Naturschutzbehörde erfolgt. Mit der EU-Förderung hat das überhaupt nichts zu tun", sagt er. Er sei grundsätzlich nicht gewillt, EU-Fördermittel aufs Spiel zu setzen und halte sich an die Vorschriften. Björn Förster versteht nicht, warum sich die Falkenberger Naturschützer nicht direkt an die Betriebe wenden, so wie es im vergangenen Jahr eigentlich vereinbart war. Auch da hatte der Naturschutzverein die Schliebener in Verdacht, Hecken abgeholzt zu haben. Es stellte sich heraus, dass dies im Auftrag des Amtes Schlieben mit Genehmigung der unteren Naturschutzbehörde geschehen war. Bei einer Aussprache in Schlieben hatte man sich darauf geeinigt, künftig den Schulterschluss zwischen Landwirten und den Falkenberger Naturschützern zu suchen.

Dieter Lehmann sieht die ganze Sache globaler. "Wir sitzen in einem von uns selbst verschuldeten Treibhaus, und das wird künftig unser Leben grundlegend verändern. Der fortschreitende Klimawandel kann nur gemildert werden, wenn es gelingt, die Baumbestände der Erde zu bewahren. Doch das Gegenteil ist der Fall", meint er.

Gefällte Bäume in einem Flurgehölz an der Schwarzen Elster.
Gefällte Bäume in einem Flurgehölz an der Schwarzen Elster. FOTO: Lehmann