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| 02:37 Uhr

Ausreichend Stoff für eine Fortsetzung

Anne Siegel erzählt die Geschichte einer Wienerin, die vor den Nazis floh und seitdem in Panama lebt. Im Hintergrund ist die heute 101-Jährige zu sehen. Ein kurzer Film stellte sie vor.
Anne Siegel erzählt die Geschichte einer Wienerin, die vor den Nazis floh und seitdem in Panama lebt. Im Hintergrund ist die heute 101-Jährige zu sehen. Ein kurzer Film stellte sie vor. FOTO: sk
Herzberg. Anne Siegel hat in Herzberg ihr Buch "Senora Gerta" vorgestellt und alle im Publikum in einen ganz besonderen Bann gezogen. Sylvia Kunze

Da sitzt sie wirklich. Anne Siegel. Eine erfolgreiche Journalistin, Filmemacherin und Schriftstellerin. Als solche hat sie es gerade mit dem Buch "Senora Gerta", das sie in Herzberg im Rahmen der LiteraTour vorstellen will, auf die Spiegel-Bestsellerliste der Sachbücher geschafft. Anne Siegel, die auch schon auf der Frankfurter und Leipziger Buchmesse gelesen hat, sitzt nun hier in Herzberg. Bibliotheksleiterin Annette Arndt ist glücklich, so eine gefragte Frau, die allein dieses Buch inzwischen mehr als 17 000 Interessierten vorgestellt hat, hier im Bürgerzentrum zu wissen. Und sie ist zugleich auch maßlos traurig. Gerade einmal 20 Interessierte haben sich eingefunden, um mehr von der (Lebens-)Geschichte der "Senora Gerta" zu erfahren. Einer Wiener Jüdin, die auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste.

Für Anne Siegel ist indessen dieser kleine Kreis nicht bedeutsam. "Ich lese vor vier Zuhörern genau so gern wie vor 1000", sagt sie. Und von ihren Gästen wird daran keiner zweifeln. Denn die Schriftstellerin versteht es, vom Anfang bis zum Ende des Abends alle im Publikum in einen ganz besonderen Bann zu ziehen.

Nicht nur, weil "das Gute an meiner Geschichte ist, dass sie ein Happy End hat", sondern in erster Linie deswegen, weil die Frau so warmherzig, so humorvoll über Gerta Stern spricht, dass man sowohl die Hauptfigur des Buchs als auch die Autorin selbst irgendwie gleich ins Herz schließt. Aber andersherum muss es mit der Chemie wohl auch stimmen. Der Gast auf der Bühne genehmigt sich ein Glas Wein. Nicht, um das gähnende Nichts, das den Saal leider beherrscht, auszublenden, wie Anne Siegel später auf Nachfrage versichert, sondern weil das Publikum mit der Geschichte und ihren Erzählungen mitfiebert und dadurch schnell eine sehr angenehme Atmosphäre entsteht.

Anne Siegel hat über Gerta Stein viel zu berichten. Sie hat die inzwischen 101 Jahre alte Dame, die noch immer in Panama lebt und dort bis zum heutigen Tag einen Kosmetiksalon betreibt, in dem sie auch immer noch arbeitet, mehrfach besucht. Die beiden Frauen verbindet längst ein enges Band der Freundschaft. Wenn Anne Siegel über Gerta spricht, dann kann es passieren, dass man erst einmal gar nicht daran denkt, dass Gertas Geschichte eine eigentlich ganz traurige ist. Nur in den wenigen Sequenzen, in denen die Schriftstellerin Passagen aus ihrem Buch vorliest, nimmt die düstere Zeit der Naziherrschaft wieder Gestalt an und wird real.

Doch die lebensbejahende Wienerin, die in Panama eine zweite Heimat fand und nach Aussagen der Schriftstellerin "dem Hass in ihrem Herzen nie Raum gegeben hat", schiebt sich immer wieder förmlich dazwischen. Anne Siegel fallen stetig neue Anekdoten ein, die sie mit der alten Dame erleben durfte und die mit ihr und der Arbeit an dem Buch in Verbindung stehen. Ein kurzer Einspielfilm, aufgenommen vor zwei Monaten, macht alles das in weniger als zwei Minuten deutlich, was Anne Siegel über Gerta Stein zu berichten weiß: Sie ist trotz ihres hohen Alters eine liebenswürdige, taffe Frau, die weiß, was sie tut, was sie einst erlebte und unermüdlich erzählt. "Ich habe noch nie erlebt, dass Gerta nichts sagt", sagt wiederum die Frau, die ihr Leben aufgeschrieben hat. Und selbst eigentlich nicht viel anders ist. Sie plaudert und plaudert, lässt die Zuhörer an den Erlebnissen mit ihrer betagten Freundin in Panama teilhaben und stellt dann irgendwann fest: "Ich lese immer viel zu wenig."

Aber daran stört sich an diesem Abend keiner. Jeder lässt sich neugierig machen. Und wohl auch deshalb gehen die Exemplare ihres Buchs, dessen 1. Auflage fast ausverkauft ist und dessen 2. Auflage ein paar mehr Seiten haben wird, weil Anne Siegel seit der Veröffentlichung sehr viele neue Informationen über den damaligen Retter der Steins zusammengetragen hat und hinzufügen will, dann schnell über den Ladentisch.

"Ich habe manchmal das Gefühl, eine Fortsetzung schreiben zu können", bekennt der Gast, der beim Signieren der gekauften Bücher gleich wieder ins Erzählen gerät. Und die Zuhörer bleiben stehen, hören weiter zu, können sich irgendwie nicht losreißen, weder von der beeindruckenden Senora Gerta, noch von der Schriftstellerin, die deren Geschichte in Umlauf bringt. Apropos Geschichte: Sollte es von dieser wirklich eine Fortsetzung geben, muss sie unbedingt auch wieder in Herzberg zu hören sein. Dann aber bitteschön unbedingt vor deutlich mehr Publikum.

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