| 17:18 Uhr

Bewegendes Schicksal
Argentinier in Schlieben-Berga auf den Spuren des Vaters

Sergio Kochen (Mitte) ist weit gereist. Aber die Anstrengungen des Trips von Argentinien nach Deutschland sollen sich lohnen, denn in der KZ-Gedenkstätte in Schlieben-Berga erfährt er viel über das traurige Schicksal, das seinem Vaters in Zeiten des Zweiten Weltkriegs widerfahren ist.
Sergio Kochen (Mitte) ist weit gereist. Aber die Anstrengungen des Trips von Argentinien nach Deutschland sollen sich lohnen, denn in der KZ-Gedenkstätte in Schlieben-Berga erfährt er viel über das traurige Schicksal, das seinem Vaters in Zeiten des Zweiten Weltkriegs widerfahren ist. FOTO: Sylvia Kunze / LR
Schlieben. Josef Kochen lebt nicht mehr. Aber seine Geschichte bleibt unvergessen. Dafür sorgt Sohn Sergio. Er besucht die Stationen von KZ-Häftling Nummer 68676. Von Sylvia Kunze

Was Sergio Kochen in der KZ-Gedenkstätte in Schlieben-Berga zu sehen und zu hören bekommt, wird er am Ende seines Besuches nicht in Worte fassen können. Die Emotionen übermannen stattdessen den Argentinier. Seine Augen werden feucht, wenn er sich vorstellt, welche Hölle sein Vater in jungen Jahren durchlebt haben mag.

Der Mann in den 60ern kam jedoch nicht unvorbereitet. Ein Besuch im polnischen Kamienna, wo sein Vater als Zwangsarbeiter vor seiner Deportation nach Deutschland für die Firma Hasag arbeiten musste und das, gemessen an der Art der physischen und psychischen Vernichtung der Menschen einen ähnlichen Platz in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs wie Auschwitz und Mauthausen einnimmt, liegt bereits einige Jahre hinter ihm. Damals lebte sein Vater noch. Ihn zu begleiten, habe er jedoch abgelehnt, berichtet Sergio Kochen.

Josef Kochen, 1924 geboren und damit zum Kriegsende erst 21 Jahre alt, habe zwar immer wieder von der Zeit im Krieg gesprochen, aber ein richtiges Bild habe er sich von den zumeist zusammenhanglosen Fetzen nicht machen können. Deshalb habe er sich auf Spurensuche begeben, berichtet Sergio.

Für ihn wird dieser Besuch in Berga, wo sein Vater mehrere Monate in der KZ-Außenstelle inhaftiert war und wiederum für die Hasag-Werke arbeiten musste, ebenso aufschlussreich wie für die Mitglieder des Gedenkstättenvereins. Für die war Josef Kochen bislang nur die Nummer 68676. Weiter war die Aufarbeitung seiner Geschichte noch nicht vorangekommen. Bis  die E-Mail seines Sohnes vor vier Wochen eintraf, dass er nach Deutschland komme und sich vor Ort gern umsehen wolle. Mithilfe des Internationalen Suchdienstes hat sich die Akte schon etwas gefüllt. Hinzu kommen die sorgsam notierten Fakten, die Sergio im Nachhinein beisteuern kann.

Er berichtet, dass die drei jüngeren Geschwister seines Vaters ihr Leben in Treblinka ließen, die Mutter erschossen wurde. Der Vater, also sein Opa, war bereits 1938 nach Argentinien gegangen und wollte seine Familie nachholen. Dazu war es dann nicht mehr gekommen.

Sergio erzählt, dass sein Vater zwei Jahre in der Todesfabrik in Kamienna arbeiten musste, diese überlebte, erst nach Buchenwald und dann nach Schlieben kam. „Von hier aus ging er zum Ende des Krieges hin Mitte August auf den großen Transport“, steuern die Mitglieder des Gedenkstättenvereins einen letzten Fakt bei, den Unterlagen belegen. Danach verliert sich für sie die Spur von Nummer 68676.

Sergio ergänzt: Der Vater habe abgemagert bis auf 35 Kilogramm das Kriegsende erlebt und sei 1948 nach Argentinien ausgereist, wo er erst einmal noch ein halbes Jahr ins Gefängnis gesteckt wurde. Danach war Josef Kochen ein freier, aber von der Geschichte geprägter Mann. „Seine Geschichte ist unglaublich!“, sagt der Argentinier immer wieder – auch mit dem Wissen, wie viele Menschen diese Hölle des Zweiten Weltkriegs nicht überlebt haben.

Interessiert sieht sich der Gast in der Gedenkstätte um. Steht fassungslos vor einem Bett, in dem vielleicht sein Vater geschlafen haben könnte. Starrt auf die Häftlingskleidung und auf viele andere Originale aus dieser Zeit. Hört aufmerksam den Berichten von Uwe Dannhauer, Dr. Jürgen Wolf und anderen Vereinsmitgliedern zu. Macht unzählige Fotos. Denn eins ist klar: Was er hier alles hört und sieht, kann er mit einem Mal gar nicht alles gleich verarbeiten. Die Fotos werden beim Erinnern helfen und sie sind Zeugnisse, die Sergio wiederum seinen Kindern zeigen will, wenn er über die schreckliche Zeit, die ihr Opa durchleben musste, berichtet.