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Als wäre ich Bohlens böser Neffe

Daumen hoch: Die Tagessiegerin Lea Milane Nagebor mit RUNDSCHAU-Volo Steven Wiesner.
Daumen hoch: Die Tagessiegerin Lea Milane Nagebor mit RUNDSCHAU-Volo Steven Wiesner. FOTO: Gemeindebibliothek Prösen
RUNDSCHAU-Volontär Steven Wiesner war diese Woche Jurymitglied beim Vorlesewettbewerb in Prösen. Ein Erlebnisbericht von talentierten Kinder, Erinnerungen und frühem Aufstehen.

Irgendwann Ende Januar: Das Telefon klingelt. Am anderen Ende stellt sich Ilona Gärtner vor, die Leiterin der Gemeindebibliothek Prösen. Sie wolle Werbung machen für den Vorlesewettbewerb der 6. Klassen und suche überdies noch ein fähiges Jurymitglied, sagt sie. "Wäre das nicht was für Sie, Herr Wiesner?" ,Tja, warum eigentlich nicht?', denke ich mir. Ich würde mich vielleicht nicht als Literaturjunkie bezeichnen, aber ich werde für immer bei Sebastian Fitzek ("Amokspiel") und Jilliane Hoffman ("Cupido") in der Schuld stehen, die mit ihren nervenkitzelnden Kriminalromanen dafür gesorgt haben, dass ich im 12. Klasse-Biologie-Grundkurs nicht eingeschlafen bin. Also mache ich den Spaß mal mit.

15. Februar, 5.45 Uhr: So viel zum Thema Spaß. Mein Wecker klingelt zu einer Zeit, von der ich gar nicht mehr wusste, dass man diese auch im Wachzustand erleben kann. Welcher Mittzwanziger, der nicht gerade seine Kinder für den Schultag präparieren oder die Welt vor einem Meteoriten beschützen muss, verlässt denn bitte zu dieser Stunde sein Schlafgemach? Aber was soll's. Ehre und Stärke. Alles für die Kinder.

8.17 Uhr: Nach einer guten Stunde Fahrt komme ich in Prösen an. Schnurstracks geht's zur Lagebesprechung der Jury. Es handelt sich immerhin um den 58. Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels, Regionaler Kreisentscheid, einer von Dreien in Elbe-Elster. Seit 2003 nimmt der Landkreis an diesem Championat teil. Vor einer Woche hat Lana Schwengberg aus Finsterwalde bereits das erste Ticket für den regionalen Landesentscheid gelöst. Nächste Woche bildet Herzberg den Schlusspunkt der drei Kreisentscheide. Deutschlandweit animiert das Turnier mehr als eine halbe Million Kinder zum Lesen. In Zeiten, in denen "Bücher von anderen Medien verdrängt werden", wie Röderlands Bürgermeister Markus Terne richtig bemerkt, haben solche Initiativen elementaren Wert. Damit Kinder auch weiterhin mehr lesen als nur WhatsApp-Verläufe.

8.59 Uhr: "Wir sind der einzige Landkreis in Brandenburg, der jährlich so viele Teilnehmer zum Landesentscheid entsenden kann", freut sich Marion Ballnat, Leiterin des Kreismedienzentrums Herzberg, und eröffnet die Veranstaltung. In Elbe-Elster haben 26 Schulen teilgenommen und ihre besten Leseratten ermittelt. Acht von ihnen sitzen nun vor mir. Die Aufregung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Manche schielen mich beinahe ängstlich an, als wäre ich der böse Neffe von Dieter Bohlen, der bei der ersten falschen Betonung den Recall-Zettel zerreißt und Beleidigungen raushaut wie: "Wenn ich meinem Hund eine Valiumtablette ins Pedigree mische und ihm die Augen verbinde, liest der immer noch flüssiger als du." Ich muss sie wohl erst vom Gegenteil überzeugen.

9.22 Uhr: In der ersten Runde stellen die Kinder eine Textpassage aus einem selbst gewählten Buch vor, drei Minuten haben sie dafür Zeit. Einer der Ersten ist Kamal. In der Vorstellung heißt es, er wünsche sich eine Welt ohne Kriege. Allein dafür müsste man dem Sechstklässler eigentlich schon die Siegerurkunde überreichen.

9.33 Uhr: Nun rockt Henning die Bühne. Meine Güte, ist der unbekümmert! Das rechte Bein auf den linken Oberschenkel gelegt und dann frei raus. Als würde er gerade in der S-Bahn vor dem Aussteigen noch ein paar Seiten lesen und nicht bei einem Vorlesewettbewerb um Punkte kämpfen. Was wäre ich in seinem Alter gerne genauso lässig gewesen! Ich erinnere mich, dass ich in der 3. Klasse auch mal irgendeinen Mist bei einem Vorlesewettbewerb zusammengestottert habe. Mit dem Tagesgewinn hatte ich damit natürlich genauso viel zu tun wie Darmstadt 98 mit der Meistervergabe in der Fußball-Bundesliga.

9.50 Uhr: Lesetechnik, Interpretation und Textauswahl sind die Kriterien, die wir als Jury zu bewerten haben. Liest der Vortragende sicher, flüssig und mit angemessener Betonung? Gestaltet er den Vortrag lebendig? Wie ist das Lesetempo? Lea Milane von der Goethe-Grundschule Hohenleipisch gehört nach dem ersten Durchgang zu den Favoriten. Sie wagt sich im zarten Alter von zwölf Jahren bereits an einen Thriller heran und liest aus dem "Libellenflüsterer" von Monika Feth vor. Irgendwie sinnbildlich. Denn die Leistungen der designierten Grundschul-Absolventen liegen so dicht beieinander, dass auch dieser Vorlesewettbewerb darauf hinausläuft, sich zu einem Thriller zu entwickeln. "Ich möchte diesmal nicht Jury sein", sagt Ilona Gärtner. ,Sie haben gut reden', denke ich. Allmählich wird mir klar, warum sie mich angerufen hat.

10.31 Uhr: Beginn der zweiten und finalen Runde. Nun bekommen die Kinder ein ihnen fremdes Buch vorgelegt, aus dem sie jeweils ein Kapitel vorzulesen haben. Für die Jury im Grunde der spannendere Teil, da hier das wahre Talent zum Vorschein kommt. Die Jünglinge haben hierbei keine Chance, Texte einzustudieren oder manchmal sogar fast auswendig aufzusagen wie ein Gedicht. Nun zeigt sich tatsächlich, wer ein Gefühl für Texte hat. Frederike hat so ein Gefühl. Die Gewinnerin der Friedrich-Starke-Grundschule Elsterwerda-Biehla gefällt mir dabei sogar besser als bei ihrem eigenen Buch. Aber reicht's auch beim Kreisentscheid für den Sieg?

11.10 Uhr: Die letzten Worte sind gelesen, das Casting ist beendet. Die fünf Preisrichter ziehen sich zurück und beraten, wer die besten Chancen hat, sich in ein paar Wochen beim brandenburgischen Landesentscheid Süd in der Stadtbibliothek Senftenberg zu behaupten. Wer sich dort empfiehlt, reist dann am 15. Mai zum gesamtbrandenburgischen Landesentscheid nach Frankfurt/Oder.

11.25 Uhr: Die Würfel sind gefallen. Als Jurysprecher ist es mir vorbehalten, den Gewinner zu küren. Mit jedem Wort, das ich zu viel rede, steigt die Spannung. Eltern, Großeltern und nicht zuletzt die herausgeputzten Protagonisten schauen mich an, als würde ich gleich den neuen Oscar-Gewinner bekannt geben. Nur ein bisschen Trommelwirbel wäre der Situation noch zuträglicher. Letztlich ist es Lea Milane, die die entscheidende Nasenspitze vorn liegt. Lea konsumiert die Bücher stapelweise.

Wie schon letzte Woche in Finsterwalde hat also wieder ein Mädchen das Rennen gemacht. ,Lesen Mädels besser als Jungs?', frage ich Marion Ballnat. Die verneint: "Letztes Jahr haben wir drei Jungs zum Landesentscheid geschickt."

12.10 Uhr: Mein unterhaltsamer Tag als Jurymitglied geht zu Ende. Der Wettbewerb aber läuft noch. Nächsten Mittwoch, am 22. Februar, wird im Herzberger Kreismedienzentrum der letzte Elbe-Elster-Block stattfinden. Dann zwar mit den Schulgewinnern aus Nord und West, aber ohne mich. Ich befürchte, ich muss erstmal ein bisschen Schlaf nachholen . . .

Zum Thema:
Elbe-Elster-Ost: Anna-Lena Bergener (GS Sonnewalde), Anna Engelmann (Heinz-Sielmann-GS Crinitz), Maximilian Heide (Evangelische GS Tröbitz), Alina Henschel (GS Stadtmitte Finsterwalde), Niklas Mende (Berg-GS Doberlug-Kirchhain), Linda Michling (Grund- und Oberschule Massen), Annabell Schrey (GS Rückersdorf), Lina Seidel (GS Finsterwalde-Nehesdorf), Edgar Wohmann (GS Nord Finsterwalde) Siegerin: Lana Schwengberg (Sängerstadt-Gymnasium Finsterwalde). Elbe-Elster-Süd: Niclas Benisch (GS Prösen), Frederike Fiedler (Friedrich-Starke-GS Elsterwerda-Biehla), Henning Frey (Grundschulzentrum Robert Reiss Bad Liebenwerda), Kamal Hassan (GS Gröden), Lara Hänsel (GS Mühlberg), Phenice Schumacher (GS Hirschfeld), Federica Lia Schwichtenberg (Grund- und Oberschule Elsterwerda Siegerin: Lea Milane Nagebor (Goethe-GS Hohenleipisch). Elbe-Elster-Nord/West: Sarah Daniel (Grund- und Oberschule Ernst Legal Schlieben), Lara Dockter (GS Uebigau), Denny Konschuh (Grund- und Oberschule Johannes Clajus Herzberg), Elisabeth Krüger (GS Hohenbucko), Lilian Loske (Astrid-Lindgren-GS Falkenberg), Moritz Meier (GS Otto Nagel Schönewalde), Felicia Schelter (Elsterland-GS Herzberg), Lara Wenzel (GS Erich Schindler Wahrenbrück) Sieger: Ausscheid findet noch statt