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| 16:39 Uhr

Rauschmittel in Elbe-Elster
Alkohol bleibt Droge Nummer eins

 Auch in Elbe-Elster darf das Drogenproblem nicht kleingeredet werden.
Auch in Elbe-Elster darf das Drogenproblem nicht kleingeredet werden. FOTO: Monkey Business Images/Shutterst / Honorarfrei
Elbe-Elster. Crystal Meth-Konsum nimmt in Elbe-Elster weiter zu. Spezielle Beratung dank Landesprogramm für Südbrandenburg. Von Birgit Rudow

In Deutschland sind laut Alkoholatlas 2017 etwa 1,7 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren (Stand 2012) alkoholabhängig. Alkohol ist nach Meinung der Amtsärztin des Elbe-Elster-Kreises Dr. Anne-Katrin Voigt ein Problem, über das nur ungern gesprochen wird. „Über illegale Drogen wird oft und gern geredet. Die legale Droge Alkohol dagegen wird totgeschwiegen“, sagte sie auf der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Familie, Soziales und Gesundheit des Kreistages, bei dem der Drogenkonsum im Kreis thematisiert wurde.

Über die Zahl der Alkoholkranken in Elbe-Elster gibt es keine zuverlässigen Angaben. 2006 wurden einmal Schätzungen für den Kreis anhand des Jahrbuches Sucht für Brandenburg erhoben. Danach gab es 2006 bei etwa 130 000 Einwohnern 2592 Alkoholabhängige, 4128 Behandlungsbedürftige und 7680 Risiko-Konsumenten. Das warenmehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung des Kreises, so die Amtsärztin. Und sie schätzt, dass dieser Anteil proportional zur Bevölkerungsentwicklung auch heute noch vorhanden ist. „Rechnet man die Partner, Kinder und andere Angehörige der Alkoholkranken dazu, dann ist das eine enorme Betroffenheit“, so Anne-Katrin Voigt. Alkohol sei im Kontext der Sucht das größte gesellschaftliche Problem. Sie kritisiert, dass Alkohol in Deutschland jederzeit und überall zu haben ist, dass die Alkoholsteuern niedrig sind und Alkoholwerbung in jedem Werbeprospekt betrieben wird. Zigaretten gebe es nirgends im Sonderangebot, Alkohol aber jeden Tag, sagt sie.

Eine Studie aus dem Jahr 2016 zum Alkoholkonsumverhalten der Zehntklässler in Brandenburg habe gezeigt, dass die Zahl der Jungs in diesem Alter, die mindestens einmal in der Woche Alkohol getrunken haben, in Elbe-Elster seit 2009 zwar von 42 auf 22 Prozent gesunken sei, aber immer noch über dem Landesdurchschnitt liegt. Ziel müsse es unbedingt sein, den Einstieg in die Droge Alkohol zu verhindern, so die Amtsärztin.

Im Vergleich zum Alkohol ist der Konsum illegaler Drogen im Landkreis bedeutend geringer, deshalb aber nicht weniger gefährlich, zumal Alkohol oft als Eintrittsdroge dient. Seit 2009 ist ein regelmäßiger Anstieg von Beratungsfällen für Konsumenten illegaler Drogen zu verzeichnen, so Ilona Jänisch, Geschäftsführerin der Beratungs- und Behandlungsstelle AUSWEG gGmbH im Ausschuss für Familie, Soziales und Gesundheit. Das ist nicht nur im Elbe-Elster-Kreis so, sondern im gesamten Süden Brandenburgs. Deshalb hat das Land Mitte 2017 ein Programm für neue und ergänzende Maßnahmen in der Suchtberatung bei Chrystal-Meth-Konsumenten aufgelegt. Jeder der vier Landkreise im Süden Brandenburgs bekommt 25 000 Euro. Je 6500 Euro geben die Kreise dafür. Um die Nachhaltigkeit der Betreuung zu sichern, wird das Programm fortgesetzt. Der Landkreis Elbe-Elster hat für das kommende Jahr seine Beteiligung zugesichert.

Seit dem Start des Programms, so Ilona Jänisch, haben 135 Klienten die Beratung der Ausweg gGmbH für Crystal-Meth-Konsumenten aufgesucht. Zum Teil sind sie auch mehrfach abhängig. „Das sind zumeist junge Leute zwischen 25 und 35 Jahren. Sie sind fertig, aber motoviert, aus dieser Sucht herauszukommen“, sagt Ilona Jänisch. Zur Beratung kämen aber auch Klienten, die voll im Berufsleben stehen und Familien haben, und denen man die Drogenabhängigkeit nicht ansieht. Oder junge Mütter, die dem Leistungsdruck nicht gewachsen sind, so die Geschäftsführerin. Wenn die Klienten die Suchttherapeuten und Sozialpädagogen von der Schweigepflicht entbinden, können die Berater versuchen, weitere Hilfen anzubieten und die Betroffenen komplex an weitere Ansprechstellen vermitteln. „Sie haben meist nichts und auch nichts zu verlieren. Dennoch haben sie Anspruch auf Hilfe, und die sollen sie auch bekommen“. so Ilona Jänisch.

Oft mit der Drogensucht konfrontiert sind auch die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle für Familien, Schwangere und bei Schwangerenkonflikten des Landkreises Elbe-Elster. Die Zahl der Frauen und Mütter, die zu ihnen kämen, nehme zu und diese würden immer jünger , sagt Anke Mertzig, Diplom Sozialpädagogin sowie Ehe-, Familien- und Lebensberaterin. Bei diesen Müttern und Schwangeren bestünden große Konflikte, so Anke Mertzig. Sie fragten sich, was mit ihnen und den Kindern passiert, wenn sie ihre Drogen- oder Alkoholsucht offenbarten. Denn bei der Wahrscheinlichkeit einer schweren Abhängigkeit der Frauen würden die geschädigten Kinder oft nicht lange bei den Müttern bleiben und zu Pflegeeltern kommen. Das Schwierigste sei deshalb, erst einmal den Zugang zu den Frauen herzustellen.

Seit Juli dieses Jahres arbeitet die Beratungsstelle mit lebensgroßen Babypuppen, die sie in ihre Arbeit mit einbeziehen. Eine der Puppen entspricht einem gesunden Baby, eine einem alkoholgeschädigten Säugling und die dritte Puppe einem drogengeschädigten Baby. Laut Anke Mertzig helfen diese Arbeitsmittel gegen die Hilflosigkeit. Sie erleichtern es, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Beraterinnen seien immer auf der Suche nach Ideen und Möglichkeiten, Zugang zu den süchtigen Frauen zu finden. Wichtig sei, dass die Frauen überhaupt in die Beratungsstelle kämen, so die Beraterin. Hier könnten sie auch Gelder für die Babyausstattung bei der Stiftung „Mutter und Kind in Not“ beantragen.

Wie viele Crystal Meth-Konsumenten es im Elbe-Elster-Kreis gibt, wisse man nicht, sagt Diplom Sozialarbeiter Reiko Mahler vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises Elbe-Elster. Aber allein von 2014 zu 2015 habe sich ihre Zahl in den Beratungsstellen verdoppelt. „Wir wissen auch nicht, ob die Crystal-Welle durch ist, oder ob sie sich noch verstärkt. Was wir aber wissen, ist, dass wir uns dem Problem stellen und es nicht vernachlässigen dürfen“, so Reiko Mahler. 20-minütige Beratungen würden nicht reichen. Man müsse die Beratung anpassen und modifizieren. Das erfordere Netzwerke, mehr Termine und mehr Personal. Aber auch die Frage danach, wie die Prävention ausgerichtet werden kann.

„Die meisten Jugendlichen steigen nicht gleich mit Crystal Meth ein, sondern mit weicheren Drogen. Später dann sind es Crystal, Cannabis und ein Bier drauf. Dann haben wir die Mehrfachabhängigkeit“, erläutert Mahler. In Elbe-Elster gebe es deshalb seit 2016 eine kommunale Suchtprävention mit dem Schwerpunkt Crystal Meth.

Die Drogenprävention muss schon im Kindesalter beginnen. Die Grundschulen Plessa, Bad Liebenwerda, Wahrenbrück und Elsterwerda zum Beispiel beteiligten sich an dem Projekt „Klasse 2000“, ein in Deutschland verbreitetes Unterrichtsprogramm zur Gesundheitsförderung, Sucht- und Gewaltvorbeugung. Seit 21 Jahren bereits gibt es das Projekt „Be smart – don’t start“ – ein Wettbewerb für rauchfreie Schulklassen, der jährlich vom Gesundheitsamt des Kreises unterstützt wird.

„Wir müssen die Trends aufnehmen und brauchen an unseren Schulen noch längere und wirkungsvollere Projekte der Suchtprävention. Da gibt es tolle Programme wie „Null Alkohol – Voll Power“. zum Beispiel“, so Reiko Mahler. Das ist eine Kampagne zur Alkoholprävention bei 12- bis 16-Jährigen.

Und die entspricht genau der Forderung von Amtsärztin Anne-Katrin Voigt: Mehr Primärprävention, damit die jungen Leute erst gar nicht in die Drogen einsteigen.