Von Frank Claus

Unter der Frage „Agrarwende in Elbe-Elster?“ zweifeln die Bündnis 90/Grünen des Landkreises in einer Pressemitteilung an, dass hiesige Bauern willens sind, eine Kurskorrektur vorzunehmen, um mehr „natur- und artgerechte Landwirtschaft“ zu praktizieren. Kreisvorsitzender Reinhard Wild bemüht eingangs seiner Argumentation Auszüge aus dem Agrar-Atlas 2019 der Heinrich-Böll-Stiftung, in dem es heißt: „Der Feldhamster etwa, früher so häufig, dass er teilweise noch bis 1990 gejagt werden durfte, ist heute vom Aussterben bedroht. Ähnlich ergeht es dem Kiebitz, der 80 Prozent seiner Artgenossen zwischen 1990 und 2013 verloren hat. 41 Prozent der Wildbienenarten, eine der wichtigsten Bestäubergruppen Deutschlands, sind in ihrem Bestand gefährdet. Seit 1980 geht auch der Bestand von etwa der Hälfte der Vogelarten deutlich zurück, die auf landwirtschaftlich genutzten Wiesen, Weiden und Äckern leben. Bei den Vögeln des Grünlands sind sogar fünf von sieben Arten betroffen.“

Schon allein diese Aufzählung will der Vorsitzende der Kreisbauernverbandes Dorsten Höhne so nicht nur allein den Landwirten zuschreiben. Es gäbe viele Faktoren, die das ökologische Gleichgewicht beeinflussen, sagt er. Er räumt ein, dass allerdings technische Weiterentwicklungen auch ihre Spuren hinterlassen haben. „Bei den alten Mähdreschern früher blieb die Hälfte des Korns draußen auf dem Feld und so tief geackert haben wir auch nicht. Da konnte der Feldhamster natürlich besser überleben“, sagt er. Man könne die Entwicklungen aber nicht aufhalten, heute werde moderner und effizienter produziert. Genau darin sehen die Bündnisgrünen das Problem: „Die fortlaufende Technisierung sowie der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln haben zu einer Agrarlandschaft geführt, die immer einheitlicher wird. Mitverantwortlich ist die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU, die einseitig und starr darauf ausgerichtet ist, die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern. Die Vielfalt der Strukturen in der Landschaft ging verloren“, sagt Reinhard Wild. Bezahlt werde das auch noch vom Steuergeld: „Dabei gibt die EU auch in Deutschland Milliarden für die Landwirtschaft aus, Milliarden aus den Steuerzahlungen der Bürger. Für die Agrarförderung in Deutschland stehen bis 2020 jährlich insgesamt etwa 6,35 Milliarden Euro zur Verfügung. Der Großteil, etwa fünf Milliarden Euro jährlich, entfällt auf die Direktzahlungen an die Landwirte.“ Diese seien gekoppelt an die bewirtschaftete Fläche, nicht an Produktionsmengen. Im Durchschnitt, so Reinhard Wild, würden diese Zahlungen rund 40 Prozent des Einkommens der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland ausmachen. 30 Prozent der Mittel für Direktzahlungen, das seien immer noch über 1,6 Milliarden Euro, würden – im Rahmen des sogenannten Greenings – an die Einhaltung bestimmter Landbewirtschaftungsmethoden gebunden, wie etwa Blühstreifen oder die Erhaltung von Grünland.

Auf der Seite der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung www.agrar-fischerei-zahlungen.de könne man nachsehen, wieviel davon in den Landwirtschaftsbetrieben im Elbe-Elster-Kreis ankommt. In der jüngsten Sitzung des Kreis-Landwirtschaftsausschusses sei festgestellt worden, dass 2018 mehr als 22 Millionen Euro an Direktzahlungen an die Landwirtschaft des Kreises ausgereicht wurden. Reinhard Wild: „Damit wurden rund 2900 Arbeitsplätze subventioniert, das macht pro Arbeitsplatz in der Landwirtschaft mehr als 8000 Euro.“ Für Dorsten Höhne ist diese vereinfachte Darstellung unlauter. „Das klingt so, als ob wir damit die Löhne unsere Mitarbeiter finanzieren. Da hängt ja viel mehr dran, angefangen von den Pachten.“ Die Forderung der Grünen nach fast nur noch Öko-Landbau hält er für realitätsfremd. „Ich habe schon mehrfach Interessierten angeboten, von uns Flächen zu pachten, um ökologisch zu produzieren. Das macht keiner, weil er angesichts hiesiger Bedingungen vom Anbau bis zum Absatz davon einfach nicht leben kann.“

Auch auf die in den zurückliegenden Tagen heftig geführte Staubdebatte wegen langanhaltender Trockenheit und die Forderung nach geringeren Flächengrößen reagiert Dorsten Höhne. „Am wenigsten staubt es von bearbeiteten Flächen, auf denen was wächst. Da ist die Größe nicht entscheidend.“ Er räumt allerdings ein, dass fehlende Windschutzstreifen die Artenvielfalt verringern und Nist- und Schutzmöglichkeiten für Tiere eingrenzen. „Da wird in vielen Betrieben schon umgedacht.“

Reinhard Wild: „Demnächst wird der Finanzrahmen der EU ab 2021 bis 2026 neu aufgestellt. Dabei werden unter anderem neue Regeln für die Agrarförderung aufgestellt. Ob da mehr oder weniger Umwelt- und Naturschutz drinstehen wird, das beeinflussen Bürgerinnen und Bürger mit der Wahl zum Europaparlament.“