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| 16:06 Uhr

Zahngesundheit
Ärzte schlagen Zahn-Alarm bei Vorschulkindern im Elbe-Elster-Kreis

Elbe-Elster. Mehr als die Hälfte aller sechsjährigen Kita-Kinder leidet unter Karies. Eltern werden in die Pflicht genommen. In nicht mehr allen Kindereinrichtungen im Landkreis werden die Zähne geputzt. Die lokale Politik will reagieren. Von Birgit Rudow

Die Leiterin des Zahnärztlichen Dienstes in Elbe-Elster Michaela Lang schlägt Alarm. Viele Kinder im Landkreis haben schlechte Zähne. Elbe-Elster gehört bei der Zahngesundheit der Null- bis Zwölfjährigen zum Schlusslicht in Brandenburg. Hier belastbare Zahlen aus der Statistik der Gesundheitsplattform des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie von 2016:

Von den 498 untersuchten Dreijährigen im Landkreis waren nur 76,3 Prozent kariesfrei. Damit belegt Elbe-Elster-Kreis den letzten Platz in Brandenburg. Der Landesdurchschnitt kariesfreier Kinder in diesem Alter beträgt 86,5 Prozent. Nicht viel besser sieht es bei den Fünfjährigen aus. Von den 484 untersuchten Mädchen und Jungen waren nur 60,5 Prozent ohne Karies. Das ist der drittletzte Platz im Land, wo der Durchschnitt bei 67,6 Prozent liegt. Noch schlimmer ist der Zustand bei den Sechsjährigen. Hier wurden im Schuljahr 2015/16 465 Kinder untersucht. Nur 46,2 Prozent, also weniger als der Hälfte, waren kariesfrei. Der Durchschnitt in Brandenburg liegt hier bei 56,7 Prozent.

Auch bei den Zwölfjährigen findet sich der Elbe-Elster-Kreis am Ende der Statistik wieder, wenn auch nicht ganz soweit vom Landesdurchschnitt entfernt. Von den 313 untersuchten Kindern waren 72,2 Prozent kariesfrei. Im Durchschnitt sind es 76,3 Prozent. Was läuft hier schief?

Seit sechs Jahren arbeitet Frau Michaela Lang als Sachgebietsleiterin des Zahnärztlichen Dienstes im Landkreis. Sie und ihre Mitarbeiterinnen betreuen flächendeckend alle 0- bis 12-jährigen Kinder (in zwölf Tagespflegeeinrichtungen, 81 Kindertagesstätten, 28 Grundschulen, in einer so genannten Schnellläuferklasse am Gymnasium und in allen Förderschulen). „Wir sehen die Kinder in der Regel einmal pro Schuljahr. Wir wollen ihnen vor allem die Angst vor dem Zahnarzt nehmen, führen gruppenprophylaktische Maßnahmen in den Kitas und den Schulen durch, binden die Kinder spielerisch mit ein. Gleichzeitig erhalten die Eltern Prophylaxepässe, entsprechend nach Altersgruppen. Was meine Mitarbeiterinnen und ich allerdings in puncto Zahngesundheit zu sehen bekommen, ist erschreckend“, sagt Michaela Lang. Sie und ihre Kollegen beobachten zunehmend, dass Kinder verminderte Fähigkeiten bei der Zahnhygiene und deren Umsetzung im Elternhaus haben und bei vielen Erwachsenen große Unwissenheit über die gesundheitlichen Folgen vorliegt.

Kinder sollten ab dem ersten Zahn dem Hauszahnarzt vorgestellt werden. Viele Grundschulkinder seien aber noch nie beim Zahnarzt gewesen. Schlechte (oder gar keine) Zahnpflege von Klein auf, das zu lange Festhalten am Nuckel und eine unausgewogene, zuckerreiche Ernährung seien die Hauptursache für Karies und Fehlstellungen. Das betreffe nicht nur sozial schwache Familien. „Das geht durch alle Bevölkerungsschichten“, so die Zahnärztin.

Probleme bestehen auch in den Betreuungseinrichtungen, da einige Kitas im Land Brandenburg das Zähneputzen eingestellt haben. Auch wenn viele Kindertagesstätten das Putzen noch praktizierten, gelte dieser Trend auch für Elbe-Elster, obwohl jedes putzende Kind in einer Einrichtung zwei Zahnbürsten pro Schuljahr, Zahnpasta und Becher kostenlos zur Verfügung gestellt bekommt, sagt Michaela Lang. nennt einige Gründe: Es fehle in den Kitas an Zeit und Personal. In manchen Einrichtungen sei ein gemeinsames Putzen in der Gruppe aufgrund geringerer Anzahl von Waschbecken nach Umbaumaßnahmen nicht möglich. Einige Kitas würden auch keine Obst- und Gemüsepausen anbieten, da teilweise nur ein geringer Anteil der Eltern Obst und Gemüse für die jeweiligen Gruppen bereitstellen würden. Ebenso fehle es an ausreichend geschultem Personal. „Leider beinhaltet der Lehrplan zur Ausbildung als Erzieherin/Erzieher nicht die altersentsprechende Umsetzung der Zahnhygiene in Einrichtungen“, so die Zahnärztin.

Sie räumt ein, dass sich viele Einrichtungen bemühen und dort auch noch geputzt werde, aber das Problem sei nicht vom Tisch zu wischen. Der Schwerpunkt liege bei den Eltern, aber auch die Einrichtungen könnten wieder zur besseren Zahngesundheit der Kinder beitragen. Zum Beispiel durch die Teilnahme an dem Programm „Kita mit Biss“, mit dem dem frühkindlichen Karies vorgebeugt werden soll.

Diese Kitas unterstützen und begleiten die tägliche Zahnpflege, verzichten auf Nuckelflaschen und Trinklerngefäße, sobald die Kinder aus der Tasse trinken können, fördern das Abstellen von Lutschgewohnheiten spätestens zum 3. Geburtstag, bieten ein gesundes Frühstück und ungesüßte Getränke an. Das Programm ist im Schuljahr 2009/10 gestartet.

Die Amtsärztin des Landkreises Elbe-Elster Dr. Anne-Katrin Voigt und Zahnärztin Michaela Lang haben die Situation zur Zahngesundheit von Kindern kürzlich im Ausschuss für Familie, Soziales und Gesundheit des Kreistages vorgestellt und dabei Entsetzen bei den Abgeordneten ausgelöst. Man brauche eine Verstetigung der Zahnpflege in den Einrichtungen. Die politisch Verantwortlichen sollten sich der Problematik annehmen. „In vielen Einrichtungen wird noch geputzt, aber seit einigen Jahren ist die Zahl rückläufig. Wir müssen wieder darauf hinwirken, dass im gesamten Landkreis in den Kitas Zähne geputzt werden“, sagt Anne-Katrin Voigt. Der Ausschussvorsitzende Egon Schaeuble versicherte, „die Sache ins Rollen zu bringen“. „Wir können als Ausschuss nicht zur Tagesordnung übergehen“, sagte er.

Sozialausschuss, Zahngesundheit
Sozialausschuss, Zahngesundheit FOTO: Rudow / LR
Ein solches Bild bietet sich dem Zahnärztlichen Dienst in Elbe-Elster bei ihren Untersuchungen in den Kindereinrichtungen gar nicht so selten.
Ein solches Bild bietet sich dem Zahnärztlichen Dienst in Elbe-Elster bei ihren Untersuchungen in den Kindereinrichtungen gar nicht so selten. FOTO: ia_64 / ia_64 - stock.adobe.com