ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 00:00 Uhr

1075 oder 661? Lebusa jubiliert mit Fragezeichen

Martin Erpel und der kleine Levi haben sich gestern durch unseren Fotografen 1075 Jahre „zurückversetzen“ lassen. Ob es damals in Lebusa allerdings so ausgesehen haben könnte, darüber scheiden sich die Geister.Heimatforscher Hans-Dieter Lehmann kennt das Schliebener Land wie seine Westentasche. Sein heimatkundliches Lesebuch wurde 500-mal verkauft und wird jetzt zum zweiten Mal aufgelegt.
Martin Erpel und der kleine Levi haben sich gestern durch unseren Fotografen 1075 Jahre „zurückversetzen“ lassen. Ob es damals in Lebusa allerdings so ausgesehen haben könnte, darüber scheiden sich die Geister.Heimatforscher Hans-Dieter Lehmann kennt das Schliebener Land wie seine Westentasche. Sein heimatkundliches Lesebuch wurde 500-mal verkauft und wird jetzt zum zweiten Mal aufgelegt. FOTO: Fotomontage: Sven Gückel
Wenn ganz Lebusa am Wochenende sein 1075-jähriges Dorfjubiläum feiert und stolz an den Uralt-Hauptsitz des slawischen Stammes der Lu- sici (heute Lausitzer) erinnert, dann schlagen Historiker und Archäologen schimpfend die Hände über den Köpfen zusammen. Denn während die Geschichtsschreibung über Jahrhunderte keinen Zweifel an den Ur- sprüngen des Ortes ließ, erschüttern Forschungen der Gegenwart die Le- busaer Historie in ihren Grundfesten. Anerkannt ist mittlerweile die These, dass das alte „Liubusua“ bei Meißen lag. Stimmt das, verjüngt sich Lebusa plötzlich um 414 Jahre. Von Kai Dietrich


 „1075 Jahre Lebusa? Das ist alles an den Haaren herbeigezogen.“„Es spricht einiges für unser Liubusua. Schon die Ähnlichkeit des Namens, aus dem Lebusa entstanden sein könnte.“
 Ralf Uschner, Mitarbeiter im Kreismuseum Bad LiebenwerdaHans-Dieter Lehmann,
Heimatforscher


Urheber des leidlichen Historikerzoffs um den echten Standort der alten Slawenfeste - neben Lebusa und Löbsal bei Meißen sind u.a. auch schon Hohenleipisch, Bad Liebenwerda, Kosilenzien, Malitschkendorf, Schlieben, oder Freesdorf bei Luckau im Rennen gewesen - war ein gewisser Thietmar
von Merseburg. Der
Bischof berichtete eingangs des elften Jahrhunderts in seiner viel beachteten Chronik über ei- nen Feldzug König Heinrich I. gegen den Hauptsitz des Slawenstammes der Lusici und die Zerstörung der „Burg Liubusua“ im Jahre 932. Das Problem: Leider versäumte es Thietmar von Merseburg - auch bei seinem Augenzeugenbericht über den Aufbau der Feste durch Heinrich II. 80 Jahre später - eine exakte Lokalisierung der mehrere tausend Menschen zählenden Siedlung vorzunehmen. Ein Umstand, der noch ein Jahrtausend später für ordentliche Meinungsverschiedenheiten unter den Experten sorgt.
Einer davon, und als gebürtiger Lebusaer sogar mit Heimvorteil, ist Hans-Dieter Lehmann aus Schlieben. Der Hobbyhistoriker und Autor des Buches „Die Geschichte des Schliebener Landes - Ein heimatkundliches Lesebuch“ steht zur Annahme Liubusua = Lebusa und zieht als Argument vor allem die namentliche Ähnlichkeit aus dem Chronisten-Köcher. „Von Sprachwissenschaftlern gibt es da überhaupt keine Bedenken“ , meint Lehmann. „Aus der slawischen Bezeichnung könnte der Name Lebusa durchaus hervorgegangen sein.“
Auch frühere Veröffentlichungen und die landschaftlichen Besonderheiten (hügeliges Gelände) stützten die These, welche den kleinen Ort zwischen Dahme und Schlieben zur ältesten Gemeinde im heutigen Elbe-Elster-Kreis machen würde. Dass durch das Fehlen typischer Bodenfunde oder geografischer Gegebenheiten von einigen Wissenschaftlern an der Uralt-Identität Lebusas gezweifelt werde, sei bekannt und nicht zu ändern, sagt der weithin bekannte Ex-Erdkunde- Lehrer mit dem unglaublichen Wissensschatz. Und übrigens habe Lebusa schon vierstellig gefeiert, als an Erde-Lehmann (bald 68) noch gar nicht zu denken gewesen war. So wurde das sechste Bundesfest der Sängervereinigung Schlieben am 29. Mai 1932 aus Anlass des 1000-jährigen Dorfjubiläums extra nach Lebusa verlegt.
Alte Kamellen hin oder her: Über 1075 Jahre Lebusa kann Ralf Usch- ner, Mitarbeiter im Bad Liebenwerdaer Kreismuseum, nur ganz müde lächeln. „Das ist alles an den Haaren herbei gezogen. Der Standort nahe dem heutigen Löbsal bei Meißen ist unter Historikern längst an- erkannt.“ Schon wegen der Nähe zur Elbe, die in der Merseburgschen Chronik auch Erwähnung findet, sei die als Meißener Brückenkopf gedachte Slawenfeste „Liubusua“ klar dem heutigen Sachsen zuzuordnen, lässt Uschner keinen Zweifel. Und geht so konform mit den Wissenschaftlern Dr. Rainer Gebuhr (Historiker, Berlin) und Dr. Felix Biermann (Greifswalder Archäologe), die dem Jahrtausend-Rätsel auf die Schliche gekommen sein wollen. „Für die Region um Löbsal sprechen nicht nur die passende Topographie mit gleich drei Wällen und der früher existierenden Heinrichsburg als größte vorgeschichtliche Feste im heutigen Ostdeutschland“ , erklärte Dr. Biermann gestern der RUNDSCHAU. Vor allem seien diese Gegebenheiten 20 Kilometer nördlich von Meißen archäologisch nachweisbar, während Forschungen in den 90er-Jahren in der Lausitz nicht mal die Existenz einer Burg nahe dem heutigen Lebusa er- geben hätten. „Letztlich ist die Sa- che ja noch nicht hundertprozentig geklärt“ , versucht Dr. Felix Biermann schmunzelnd zu beschwichtigen. „Aber ein 700. Geburtstag von Lebusa kommt nach meiner Auffassung der Realität deutlich näher.“
Genau genommen fiele Lebusa auf jugendliche 661 Jahre zurück, würde die unendliche Geschichte von der „Burg Liubusua“ im kleinen Elbe-Elster-Dorf tatsächlich zur spannenden Sage verkümmern. 1346, so weiß es unser Heimatforscher Lehmann genau, wurde Lebusa neben anderen Gemeinden in der so genannten Meißener Bistumsmatrikel aufgeführt. Verwechslungen dann aber wirklich, wirklich ausgeschlossen!