Die gesellschaftlichen wie privaten Diskussionen über die Entwicklungen seit 1989/90 sind 30 Jahre nach dem Fall  der Mauer vor allem in Ostdeutschland intensiver denn je. Ja, es hat die  Bilder von Freiheit und neuer Selbstbestimmung gegeben. Und ja, eben auch viele persönliche,  soziale Verwerfungen. Dazu kommen neue Ängste vor dem Hintergrund von Globalisierung und  Migration. Vor allem im Osten gibt es ein neues Protestverhalten, Rechtspopulismus feiert Erfolge.

„Bleibt alles anders“ zeigt unterschiedliche Perspektiven

Ging nach der Wende alles zu schnell? Was wurde aus den Hoffnungen, Träumen, Erwartungen von damals?  Müssen wir neu denken? Das 29. Filmfestival Cottbus greift die Thematik auf in der Reihe „Bleibt alles anders?“ Sie zeigt unterschiedliche Perspektiven sozialer, kultureller und persönlicher Entwicklungen in zwölf Spiel- und Dokumentarfilmen, die seit 1990 entstanden sind.

In diesem Jahr fertiggestellt wurde der von seinem Regisseur Florian Kunert als „experimenteller Dokumentarfilm“ bezeichnete „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“, der auch schon im Forum der Berlinale gezeigt wurde. Er lief am Mittwochabend im vollen Glad-House-Saal und sorgte für intensive Diskussionen.

Zwiespältiges Gefühl beim Publikum

Das „Tal der Ahnungslosen“, DDR-Sozialisierte erinnern sich, war der Südosten Sachsens, weil man dort das Westfernsehen nicht empfangen konnte. So auch in Neustadt, einst Sitz des Kombinates Fortschritt Landmaschinen. Regisseur Florian Kunert, der selbst in der sächsischen Schweiz aufwuchs, führt nun ehemalige Werksarbeiter und  syrische Kriegsflüchtlinge zusammen. Und hier wird das Publikum unruhig. Die Syrer stecken, wie es ein Zuschauer formulierte, in einer Art „Integrationskurs in die DDR“: Sie bekommen Pionierhalstücher umgebunden, üben den Pioniergruß, werden in GST-Uniformen gesteckt, mit Wimpeln und Abzeichen ausgezeichnet. Der Heimatchor Polenztal singt inbrünstig  das – zugegeben schöne – Pionierlied „Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer . . .“, aber auch „Bau auf, bau auf“ und die Nationalhymne der DDR. Einer der Protagonisten soll ein paar Worte an Erich Honecker richten, dessen Großporträt noch in einem Abrissgebäude hängt. Motto: Einiges war nicht richtig gemacht, aber eigentlich war nicht alles schlecht . . .

Dem Publikum war, sagen wir’s vorsichtig, nicht durchweg wohl bei diesem Film. Fragte sich, ob die Protagonisten sich nicht vorgeführt fühlen müssten. Der 30-jährige Regisseur Kunert verneinte das, verwies darauf, dass auch Mitglieder seiner Familie im Neustädter Fortschritt-Werk gearbeitet und nun zum Teil in dem Film mitgewirkt hätten. Es bleibt mindestens ein zwiespältiges Gefühl. Den Abschluss der Reihe „Bleibt alles anders?“ bildet die Dokumentation „Runde Tische – Die Gremien der friedlichen Revolution“. Verhandelt wird die Geschichte der Runden Tische aus der Sicht  damals beteiligter Akteure. Bürgerrechtler, Politiker, Theologen, Oppositionelle berichten von ihren Intentionen, ihrer Arbeit, ihren Ideen, Erfolgen und Niederlagen, bewerten ihre Erfahrungen aus heutigem Blickwinkel. Zu Wort kommen unter anderen Matthias Platzeck, Lothar de Maizière, Gregor Gysi, Konrad Weiß und  Gerd Poppe. Am Samstag, 14 Uhr, im Obenkino und am Sonntag, 16.30 Uhr, im Glad-House.

Vier weitere Filme im Wettbewerb angelaufen

Vier weitere der zwölf Wettbewerbsspielfilme sind am Donnertag ins Rennen gegangen. „Nationalstraße“ des Tschechen Stepan Altrichter hätte ebenfalls in der Reihe „Bleibt alles anders?“ laufen können. Vandam ist in einer Prager Plattenbausiedlung aufgewachsen, im 30. Jahr nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lebt er immer noch da. Er fühlt sich wohl dort, doch dann soll seine Stammkneipe geschlossen werden – Stichwort Gentrifizierung. Vandam handelt, die Lage eskaliert. Und dann stellt sich raus, auf welcher Seite er während der Samtenen Revolution stand . . . Wiederholung am Freitag, 10 Uhr, im Weltspiegel.

Sehr laut und  aggressiv geht es in „Love Cuts“ von Kosta Djordevic, einer serbisch-kroatischen Koproduktion, zu. Die junge Belgraderin Aja kann einen schon nerven, die Mutter, den Freund – und dann eine Straßengang. Plötzlich kommt ein Messer ins Spiel. Der Streifen, in dem viel und schnell geredet wird,  läuft erneut am Freitag, 12.30 Uhr, im Weltspiegel.

Aus Georgien kommt „Das Schwein“.  Der 20-jährige Bachana streift ziellos umher – und landet  auf dem Grundstück zweier Kleinkrimineller. Die wollen von seiner Familie umgerechnet 100 Euro haben, damit sie ihn wieder laufen lassen. Bis dahin wird Bachana in dem heruntergekommenen Haus angekettet und schikaniert.  Bachana ist bemerkenswert lethargisch. Und wohl auch perspektivlos. Das Spielfilmdebüt von Giga Liklikadze ist noch einmal am Freitag, 14.30 Uhr, im Weltspiegel zu sehen.

„Die Stimme“ (Kroatien, Serbien, Nordmazedonien) von Ognjen Svilicic  begleitet den 17-jährigen Goran, den seine Mutter in ein katholisches Internat im dalmatinischen Nirgendwo steckt. Allerdings ist er nicht gläubig. Und als er in einer Theaterprobe die Legende von der unbefleckten Empfängnis als „Unsinn“ bezeichnet, gerät er mit der Internatsleitung in Konflikt. Seine Mitschüler tuscheln ohnehin bereits über Goran, der vor dem Mittagessen nicht beten will – ist er gar Muslim?  Das  Werk über die Rebellion gegen Konformität und Doppelmoral steht erneut am Freitag um 17 Uhr im Weltspiegel auf dem Programm.

Vier Wettbewerbsfilme, vier Hauptfiguren, die äußerst unterschiedlich sind. Das trifft auch auf die vier abschließenden Spielfilme des Hauptwettbewerbs zu, die am Freitag an den Start gehen: „Schwester“ aus Bulgarien, „Die Sonne über mir geht nie unter“ (Russland), „Full Moon“ (Bosnien-Herzegowina) sowie „Die Abenteuer von Sukran der Lahmen“, womit die Türkei beim Cottbuser Festival debütiert.