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| 19:56 Uhr

Gurkenernte
Gurkenbauern gehen die Erntehelfer aus

Auf den großen Schlägen, hier in der Golßener Region, bewegen sich die Gurkenflieger mit den Pflückern wieder in sorgsamem Schneckentempo über die Felder. Spreewälder Bauern haben zunehmend Probleme Erntehelfer aus Polen zu finden, denn die bekommen mittlerweile in ihrer Heimat wieder gut bezahlte Jobs.
Auf den großen Schlägen, hier in der Golßener Region, bewegen sich die Gurkenflieger mit den Pflückern wieder in sorgsamem Schneckentempo über die Felder. Spreewälder Bauern haben zunehmend Probleme Erntehelfer aus Polen zu finden, denn die bekommen mittlerweile in ihrer Heimat wieder gut bezahlte Jobs. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus. Fehlende Erntehelfer in Südbrandenburg bescheren den Landwirten hohe Verluste. Bauernverband beklagt praxisferne Gesetze. 

Es ist Hochsaison für die Ernte von Gurken im Spreewald. Auch Erdbeeren werden noch vom Feld geholt. Jede Hand wird gebraucht. Trotz der Gluthitze ziehen die Erntehelfer Tag für Tag auf die Felder. Jedes Lüftchen, das durch die Furchen geht oder unter die Plane des Gurkenfliegers weht, wird von den Frauen und Männern aus Polen, Rumänien oder der Ukraine mit Aufatmen honoriert.

In diesem Jahr sind allerdings viel weniger von ihnen gekommen, vor allem aus Polen. Für die meisten großen Anbaubetriebe, von denen es in der sächsischen Lausitz keine mehr gibt,  ein herber Verlust.

Schon zur Spargelernte hatte sich angedeutet, was auf die großen Betriebe in der Landwirtschaft, die seit jeher auf Saisonkräfte angewiesen sind, in den kommenden Jahren zukommen könnte. „Das haben wir so noch nicht erlebt“, sagt Gerald Kaltschmidt vom gleichnamigen Spargelbetrieb in Preschen.

Weil polnische Erntehelfer nicht angereist waren, musste er trotz Spargelschwemme eines der schlechtesten Spargeljahre registrieren. Obwohl natürlich Mindestlohn gezahlt werde, sagt Kaltschmidt, sei das vor dem Hintergrund der anziehenden polnischen Wirtschaft und lukrativer Angebote im Landesinnern weniger interessant für polnische Spargelstecher (siehe nebenstehenden Beitrag). „Einen Plan, wie es weitergehen soll, habe ich noch nicht“, sagt der erfahrene Landwirt. „Wir werden uns über den Winter Gedanken machen.“

„Bei uns sind 20 Prozent der Erntehelfer nicht angereist“, verdeutlicht Heinz-Peter Frehn die Situation zu Beginn der Gurkenernte auf dem Gurkenhof in Steinreich (Dahme-Spreewald). Ehe noch notdürftig nachgeordert werden konnte, waren viele Gurken schon zu groß.

„Wir konnten nicht genug kleine Gurken an die Konservenfabrik liefern“, verweist Frehn auf Einbußen, die kaum aufzuholen seien. „Wir werden in diesem Jahr mit ach und krach über die Runden kommen“, erklärt der Geschäftsführer. Wie das Unternehmen auf Dauer mit der Rekrutierung von Erntehelfern aus der Ukraine oder Weißrussland zurecht kommen werde, stehe in den Sternen. Heinz-Peter Frehn sagt deutlich: „Der Gurkenanbau im Spreewald steht auf des Messers Schneide.“

Vor diesem Hintergrund hat der Bauernverband Südbrandenburg Anfang Juli die bedrohliche Situation mit Landwirten der Region beraten, die zehn bis 500 Saisonkräfte beschäftigen. „In Polen werden inzwischen Arbeitskräfte gesucht wie bei uns“, sagt der Verbandsvorsitzende Thomas Goebel. Deshalb gehe die Orientierung Richtung Rumänien, Serbien und in die Ukraine. Zudem ging an die Politik die Forderung, praxisferne Gesetze und Verordnungen zu ändern. So verweist Goebel darauf, dass bei den kurzfristigen Beschäftigungen im nächsten Jahr die 70-Tage-Regelung wieder außer Kraft gesetzt werde. Das heißt: Arbeitskräfte, die länger als zwei Monate im Jahr beschäftigt werden, sind sozialversicherungspflichtig und müssen höhere Abzüge in Kauf nehmen.

„Das ist für uns inakzeptabel“, spricht Heinz-Peter Frehn aus, was nicht nur im Spreewald kritisiert wird. Denn das bedeutet, dass Studenten, die sich hier kurzfristig etwas verdienen  wollen, Brutto für Netto erhalten. „Aber die erfahrenen Erntehelfer werden wie vor vier Jahren wieder mit Abzügen belegt. Das ist wenig attraktiv.“ Und obwohl auf Landes- und Bundesebene versucht werde, die Gesetzesänderung zu verhindern, stoße man bisher bei Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) auf Granit.

Wie Bauernverbandschef Goebel sieht Spreewaldbauer Karl-Heinz Ricken die Misere auch in den ständig steigenden Kosten begründet. „Die Verbraucher rufen nach regionalen Produkten, aber im Supermarkt greifen sie dann doch zu den Billigprodukten“, sagt Goebel. Der Spreewaldbauer fügt hinzu, dass der Kunde mit seinem Kaufverhalten mit für die Probleme bei den einheimischen Landwirten sorge. Karl-Heinz Ricken nennt ein Beispiel: „Wenn ein Glas Spreewald-Gurken nur zehn Cent mehr kosten dürfte, dann könnten wir einen doppelt so hohen Lohn bezahlen.“ Die Konkurrenz unter den großen Ketten führe aber eher dazu, Preise zu drücken.

Über fehlende Saisonkräfte auf den Feldern rund um Vetschau kann Ricken nach eigenen Angaben nicht klagen. „Ich habe eine hohe Quote von Helfern, die seit 21 Jahren kommen.“ Der Spreewaldbauer räumt aber auch ein, dass sich etwa 30 Prozent etwas Besseres suchen. Das heiße nicht, dass sie in der Landwirtschaft bleiben. „Der Anteil der Leute, die hier ihr Geld verdienen wollen, sinkt weiter“, sagt Karl-Heinz Ricken. Und er zollt seinen Helfern, die in der Sonnenglut dieses Sommers die Ernte einfahren, Hochachtung.

Bleiben künftig die Gurkengläser leer: Immer weniger Polen wollen als Erntehelfer arbeiten.
Bleiben künftig die Gurkengläser leer: Immer weniger Polen wollen als Erntehelfer arbeiten. FOTO: Zerbor - stock.adobe.com / Boris Zerwann/fotolia