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Zwischen Lyzeum und Achenbachbrücke

Guben.. Ein Foto nach 100 Jahren zu beschreiben und zu deuten ist recht kompliziert; Zeitzeugen gibt es nicht mehr, und Zeitdokumente sind spärlich überliefert – wenn überhaupt. Gerhard Gunia


Vor uns erstreckt sich eine Altgubener Straße am östlichen Neißeufer, wo um 1900 in lauschiger Umgebung am Rande der Schützenhausinsel eine Promenade im Entstehen war: die Grüne-Wiesen-Straße (später Grüne Wiese). Villen und öffentliche Gebäude kennzeichnen eine Gegend, die zu den vornehmsten der Stadt gehörte. Die hier auf einer Postkarte abgebildete Achenbachstraße erhielt ihren Namen nach dem brandenburgischen Oberpräsidenten Heinrich Achenbach (1829-1899).
Sie führte vom Abzweig Grüne Wiese in Richtung der 1884 angelegten hölzernen Achenbachbrücke über die Neiße (im Hintergrund) in Richtung Alte Poststraße. Von hier aus war auch der Bahnhof günstig zu erreichen, wie ein Wegweiser rechts (schwach leserlich) angibt. In der Straße sind - laut Adressbuch von 1914 - neun Hausnummern ausgewiesen, Anwesen, in denen zumeist höher gestellte Schichten (also keine Arbeiter) wohnten. Wir lesen da: Luitgarde von Schlichting, Witwe eines (kaiserlichen) Hauptmanns, sowie Oberstleutnant Karl Döring in der Nummer 2; Erna Dulk, Witwe eines Regierungsrates in der Nummer 7, oder Pauline Bunzel, ebenfalls Witwe des einst bekannten Gubener Polizeiinspektors.
Der fernen - für uns heute atmosphärisch schwer vorstellbaren - Welt der Kaiserzeit (man denke an Fontanes Romane) sollten im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege folgen. Doch damals war der große Aufschwung in Industrie und Verkehrswesen gekommen. Entstanden waren repräsentative Wohnhäuser, wie links im Bild zu sehen, und wichtige kommunale Bauten, so in der Grünen Wiese das Landratsamt (1898) und das Lyzeum (1908) am Rande der legendären „Himmelsleiter“ . Beide Gebäude haben die Kämpfe von 1945 überstanden, heute eingenommen von der Stadtverwaltung Gubin und wiederum von einer Schule.
Hier am Platz vor der zerstörten Achenbachbrücke spielte sich am 20. Juni 1945 die Tragik der Ausweisung der Gubener Bevölkerung ab, die, unter Verlust von Hab und Gut, über die Trümmer der Brücke in den Westteil Gubens geschleust wurde. Dass die Straße heute den Namen U. Majdanek trägt - nach dem großen Vernichtungslager der SS bei Lublin -, sollte nicht unbeachtet bleiben. Die Ausweisung 1945 traf daher Schuldige und Unschuldige - auch nach über 50 Jahren eine mahnende Erinnerung.
Die Schüler des nahen Gubiner Lyzeums und die meisten Besucher von heute dürften kaum noch davon wissen.