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Zu viele Arbeitslose in Guben

Guben. Die "rote Laterne" wird Guben offenbar nicht los: Mit 9,9 Prozent Arbeitslosen ist die Stadt an der deutsch-polnischen Grenze Ende Juli 2017 das Schlusslicht im gesamten Agenturbezirk Cottbus. Luckau glänzt mit 4,3 Prozent. Silke Halpick

Als Probleme benennt Heinz-Wilhelm Müller, Chef der Arbeitsagentur Cottbus, vor allem den Anstieg bei den Langzeitarbeitslosen und Jugendlichen in der Neißestadt.

Knapp 1000 Menschen sind den Zahlen der Arbeitsagentur zufolge in Guben arbeitslos. 770 davon werden vom Jobcenter betreut. Das sind alle Leistungsempfänger, die Hartz IV beziehen. Die Agentur für Arbeit ist hingegen für knapp 220 Arbeitslosengeld-Empfänger sowie Aufstocker verantwortlich. Als Aufstocker gelten Beschäftigte, die so wenig verdienen, dass sie noch unter der Hartz-IV-Grenze liegen.

Rund 500 Gubener sind langzeitarbeitslos, haben also seit mehr als zwei Jahren keinen Job mehr. Die Zahl der Arbeitslosen unter 25 Jahren liegt bei 61, die der Über-50-Jährigen bei 430 und die der Ausländer bei 154. Während bundesweit die Arbeitslosenzahlen seit Jahren kontinuierlich auf neue Rekordtiefs sinken, steigen sie in Guben bei den vom Jobcenter betreuten Langzeitarbeitslosen (15 Prozent im Jahresdurchschnitt) sowie Jugendlichen (35 Prozent).

Von jungen Menschen, die sich mit Hartz IV und kleinen Nebenverdiensten eingerichtet haben, spricht Müller ganz offen in der Sitzung des Gubener Wirtschaftsausschusses. Für ihn steht fest, dass diese Personengruppe "mit tödlicher Sicherheit in der Altersarmut endet", was viele aber nicht zu wissen scheinen. Müller sieht nur in schärferen Sanktionen einen Ausweg, die Jugendarbeitslosigkeit "in den Griff" zu bekommen.

Als "riesengroße Herausforderung" bezeichnet der Agenturchef auch, Langzeitarbeitslose wieder in einen versicherungspflichtigen Job zu bekommen. Die öffentlich geförderte Beschäftigung sei nur "ein Vehikel" auf dem Weg, aber "nicht die Lösung", betont er. Im Spree-Neiße-Kreis und Cottbus gibt es seinen Angaben zufolge mehr als 2000 offene Stellen, davon 105 allein in Guben. Rein rechnerisch könnten also alle 1000 arbeitslosen Neißestädter versorgt werden. "Die Möglichkeiten sind da", sagt Müller. Das Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort gehört auch für rund 11 000 Beschäftigte im Agenturbezirk zum Alltag.

Von Betroffenen, die "mit ihrer Situation nicht glücklich sind", berichtet hingegen Dietmar Pagel, Leiter des Bereiches Öffentlich Geförderte Beschäftigung bei den Städtischen Werke Guben. Hier werden Langzeitarbeitslose fit für den ersten Arbeitsmarkt gemacht. "Viele sind schon mehr als vier Jahre arbeitslos", sagt Pagel. Weil den Betroffenen die fachliche Kompetenz fehle, würden sie sich oft nur auf Hilfsjobs bewerben, deren Zahl aber stark rückläufig sei.

Auch Carsten Billing, Leiter des Jobcenters Spree-Neiße, spricht von einem Klientel, dessen Vermittlung sehr zeit- und kostenintensiv sei. Als Erfolg wertet er, dass im Vorjahr 349 Gubener wieder in Jobs vermittelt wurden, die Zahl der sogenannten Abgänge liegt Ende Juli 2017 sogar bei 213.

Dabei geht man auch neue Wege. Mithilfe eines Bundesprogramms werden beispielsweise 18 Gubener auch nach Beschäftigungsaufnahme von Betreuern gecoacht, um die Abbrecherquote zu verringern.

Dem amtierenden Bürgermeister Fred Mahro geht es gar nicht so sehr um "die rote Laterne", wie er sagt. Vielmehr sei jeder Einzelne, den man aus Hartz IV bringen könne, ein Erfolg. Auch die Stadt Guben selbst profitiert von Menschen in versicherungspflichtigen Jobs, wie er erklärt. Ein höheres Einkommen bringe mehr Kaufkraft und ein besseres Lebensgefühl.