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| 01:04 Uhr

Zerbrochenes Vertrauen

Guben.. Alles soll besser werden mit dem Hartz IV-Gesetz: optimierte Einzelfallbetreuung ebenso wie der Abbau von Bürokratie zur Einsparung unnötiger Kosten. Das kann schon sein– im Großen und Ganzen und in der Theorie. Die Praxis aber sieht im Spree-Neiße-Kreis noch anders aus. Bei den Fallmanagern, die neu die Arbeitslosen betreuen, herrscht noch wenig Routine – zur Verwunderung „erfahrener“ Arbeitsloser. Von Melanie Longerich

Zum Glück ist es nun wieder vorbei. Die Zeit zum Jahresende, die Martin S. (Name geändert) lieber gehen sieht als kommen. Mit diesen Rückblicken und den guten Wünschen für das neue Jahr.
Das war auch früher anders, bis der studierte Gubener 1994 zum ersten Mal arbeitslos wurde. Bis dahin arbeitete er als Abteilungsleiter eines großen Unternehmens. Drei Jahre Umschulung folgten, später dann eine Beschäftigung in einem komplett neuen Bereich. Seit 2000 lebt der 63-Jährige von Arbeitslosenhilfe, ebenso wie seine Frau. Gemeinsam standen ihnen bis zum Dezember 1400 Euro monatlich zur Verfügung. Martin S. dachte, das würde bis zu seiner vorzeitigen Verrentung im März 2005 so bleiben. Denn Mitarbeiter der Arbeitsagentur rieten Martin S., auf eine weitere Jobvermittlung zu verzichten; im Gegenzug dafür scherten sie ihm aber Vertrauensschutz und Unterstützung bis zum Rentenbeginn zu. Eine Sonderregelung für Arbeitslose über 58.
Der Einstufungsbescheid des Arbeitslosengeldes II war deshalb für Martin S. ein Schock: „Ich hatte gedacht, dass mich damit die Hartz IV-Regelung verschont.“ Seit Januar muss das Ehepaar nun mit 500 Euro weniger auskommen. Eine frühzeitige Verrentung würde das Paar finanziell noch schlechter stellen. Es ist nicht das fehlende Geld, das ihn so traurig mache. Es sei diese Ungerechtigkeit: „Menschen meines Alters, die Glück hatten, weiter beschäftigt zu werden, gehen jetzt in den Vorruhestand. Ich werde kurz vor der Rente in die Gosse geschmissen.“ Er legte Widerspruch ein und wurde von der Zentrale der Agentur für Arbeit in Cottbus abgewiesen. Von Rückfragen sollte er bitte absehen.
Dabei hatte Martin S. große Hoffnung in die individuelle Betreuung durch die Fallmanager des Kreises gesetzt, um einen Ausweg aus seiner aktuellen Situation zu finden. „Doch der informierte mich über Regelungen, die für mich gar nicht mehr zutreffen. Über meine Qualifikationen lagen ihm keine Informationen vor.“ Auch seine Frage nach einem Ein-Euro-Job blieb offen, man wäre noch nicht so weit. Martin S. kann die mangelnde Zusammenarbeit zwischen Arbeitsagentur und Kreis nicht fassen. Sozialdezernent Hermann Kostrewa bestätigt, dass der Kreis bis jetzt nicht auf die Daten der Arbeitsagenturen zurückgreifen könne. Der Datenschutz. Zudem wollten sich die Fallmanager ein persönliches Bild machen, um erfolgreich zu vermitteln. Auf die Frage, ob diese erneute Beurteilung nicht unnötig sei, verweist der Sozialdezernent auf den Großteil neuer Mitarbeiter: „Wir sind mit dem Anlaufen zufrieden, in 14 Tagen aber sind wir noch besser.“
Martin S. nützt das nichts. Obwohl er in seinem Alter nie mehr werde vermittelt werden, sei er kein Härtefall. „Ich hatte einen anspruchsvollen Beruf, jetzt werden Menschen wie ich mit Füßen getreten. Doch das interessiert niemanden.“