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Wo die letzte „deutsche Kaiserin“ zu Hause war

Wo die letzte „deutsche Kaiserin“ zu Hause war
Wo die letzte „deutsche Kaiserin“ zu Hause war FOTO: Foto: Bergmann
Zabor.. Das Schloss von Zabor. Es hatte einst auch prominente Bewohner.Wir treffen uns an der Grenze: Jerzy Czabator, der Heimatforscher, Krzysztof Freyer, der Journalist und Dolmetscher, und der Autor dieser Zeilen. Unser Ziel ist Zabor (Saabor), etwa 18 Kilometer von Zielona Gora entfernt. Hans-Joachim Bergmann


Zielona Gora und seine Umgebung gehörten einst zum nördlichen Teil Niederschlesiens. In seiner Geschichte war dieser Landstrich Bestandteil des Saganer und Glogauer Fürstentums. Verschiedene Kulturen durchdrangen sich dort und hinterließen Spuren im Baustil, in der Kunst und im Kunsthandwerk.
Saabor wird im Jahre 1306 als Sabir, später Saboria erwähnt, was wohl „hinter dem Wald“ bedeuten soll. Auch heute noch versteckt es sich hinter Hügeln, Obstplantagen und Straßenalleen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war die Familie Tschammer (eingedeutscht von Czambor) dort Gutsbesitzer. Die Sage erzählt, dass die Residenz 1677 vom damaligen Gutsherrn Graf Heinrich Dünnwald mit dem Lösegeld für einen gefangen genommenen Pascha im französischen Frühbarock erbaut wurde. Die Anlage des Schlosses besteht aus drei Flügeln und ist von einem Burggraben umgeben. Die vierte Seite wird von einer Arkadengalerie mit Terrasse geschlossen. Hinter dem Schloss befindet sich ein Park mit einer Allee - flankiert von zwei Wassergräben -, die zum See führt.
1744 wurde Graf Friedrich von Cosel, Sohn August des Starken und der Gräfin Cosel, Gutsbesitzer von Saabor. Graf Cosel baute das Schloss im Rokokostil um und errichtete den neuen Turm. Außerdem ließ er auf dem Hof fünf Seitengebäude und vermutlich den großen Springbrunnen erbauen. Das Landgut kam 1783 in den Besitz der Familie Schönaich-Carolath, die umfangreiche Güter zwischen Neiße und Oder besaß. Auf dem alten deutschen Friedhof am Dorfeingang sind noch einige Grabstellen dieser Familie vorhanden, die von den heutigen Bewohnern Zabors mit Blumen und Lichtern bedacht werden.
Hermine von Reuss (1887-1947), die letzte „deutsche Kaiserin“ , bewohnte Saabor bis zum Kriegsende und hatte enge Kontakte nach Grünberg und zahlreiche Freunde dort. Sie ist zwar nie gekrönt worden, ließ sich von Zeitgenossen aber gern als „Ihre kaiserliche Hoheit“ anreden. Hermine war die zweite Frau des deutschen Ex-Kaisers Wilhelm II. (Heirat am 5. November 1922) und lebte mit ihm in der Emigration in Doorn, einer kleinen holländischen Stadt in der Provinz Utrecht. 1941 starb der letzte deutsche Kaiser.
Hermine selbst stammte aus dem alten Turiner Geschlecht von Reuss, wurde 1887 in Greitz als zweites Kind von Heinrich XXII. und Ida aus dem Hause Schaumburg-Lippe geboren. Mit vier Jahren verlor sie die Mutter, mit 15 den Vater. Die Vormundschaft übernahm ihr Onkel, der das Gut Trebschen (Trzebiechów) bei Züllichau besaß. 1905 lernte sie den 32-jährigen Johann Georg Ludwig Ferdinant August von Schönaich-Carolath kennen. Die Hochzeit fand 1907 in Anwesenheit des deutschen Kaisers statt. Nach dieser ersten Begegnung wurde Hermine der Kaiserin Augusta Viktoria vorgestellt, die in Dollzig (Dluzeg) bei Sommerfeld (Lubsko) geboren wurde und 25 Jahre älter als sie war. In der oben genannten Ehe wurden die Kinder Johann Georg (Erbe von Saabor), Georg Wilhelm, Karoline Wanda und Ferdinand (späterer Majoratsherr von Amtitz/Gebice) in Saabor geboren. Henriette, das fünfte Kind von Hermine und Schönaich, wurde 1918 in Berlin gebo ren. Hermines Ehemann verstarb 1920 in einem Grünberger Krankenhaus im Alter von 47 Jahren. Laut Testament wurde der erstgeborene Sohn Johann Georg neuer Besitzer. Die Mutter übernahm die Verwaltung.
Die Revolution im November 1918 erreichte Saabor nicht. Dorf und Schloss verblieben in stiller Resignation und Melancholie.
Nach der Geburt des fünften Kindes Henriette zerbrach die Ehe. Schönaich verleugnete das zuletzt geborene Kind. Er vermutete in dem amourösen Kaiser den Vater. Jedenfalls kam kein Skandal auf. Mit 33 Jahren war Hermine Mutter von fünf Kindern und Witwe. Im Jahre 1922 verließ sie im Herbst für 19 Jahre Saabor und kehrte erst 1941 dorthin zurück. In jenen 19 Jahren lebte sie in der Villa Doorn mit dem alternden Ex-Kaiser zwischen Blumenbeeten, Rosen und philosophischen Traktaten seiner Majestät in aller Ruhe.
Hermine wird von Zeitgenossen als bescheiden in ihrer Kleidung und im Umgang mit anderen direkt - ohne gewählte Redewendungen - geschildert. Sie beschäftigte sich mit Handarbeiten und dem Weben von Gobelins, las viel, korrespondierte. In ihrer Bibliothek befand sich auch „Mein Kampf“ . Der Ex-Kaiser erlebte 1941 noch die Kapitulation Frankreichs und schickte ein Gratulationstelegramm an Hitler.
Anfang Juli 1941 kehrte Hermine nach Saabor zurück. Drei Söhne waren an der Ostfront. Hermine wurde von der Grünberger Gestapo „umsorgt“ . Sie beschwerte sich beim Kreisleiter. Ab 1942 wurden in Saabor auch Zwangsarbeiten von Kriegsgefangenen ausgeführt. Ein Teil des Schlosses wurde Militärkrankenhaus.
Die Gesundheit der „Kaiserin“ verschlechterte sich, Atemwege und Augenlicht gerieten in Mitleidenschaft. Ein Sanatoriumsbesuch in Garmisch-Partenkirchen, ein Besuch der Villa Doorn, Zwischenstation in Amtitz waren die wenigen Abwechslungen. In Amtitz muss sie auch von dem Zwangsarbeitslager in der Nähe des Schlosses erfahren haben.
Mit 56 Jahren war Hermine alt, einsam und krank. Ihr fehlten Informationen. Nur über den Arzt und die Krankenpflegerin hielt sie Kontakt zur Außenwelt.
Anfang 1945 wurde das Krankenhaus evakuiert, die Deutschen verließen ihre Höfe, die Zwangsarbeiter aber blieben. Sie fühlten sich von Hermine „anständig“ behandelt. Mitte Februar 1945 erreichten sowjetische Soldaten das Objekt. Es wurde von einer Spezialeinheit der Militärpolizei besetzt und geschützt. Es erfolgten weder Plünderungen noch Selbstjustiz.
Die halb erblindete Frau kam nun in ein Militärhospital nach Sulechow, im September des Jahres nach Frankfurt (Oder) in eine der Vorortvillen, die vom sowjetischen Militär bewacht wurde. Mit 60 Jahren starb Hermine an Herzversagen und wurde unter dem Mädchennamen Reuss beerdigt.
Heute ist Zabor ein stilles Dorf in schöner Landschaft mit Schlosskomplex, unregelmäßigem Marktplatz und alten Häusern. Bushaltestelle, Kioske, alte Kolchoseställe, eine langsam verfallende evangelische Kirche runden das Bild ab.
Das Schloss war nach dem Krieg Sanatorium und ist heute Heim für psychisch erkrankte Kinder. Die Anlage ist gut erhalten. Wir hörten vom Kamin- und Kristallzimmer, sahen Stuckdecken und alte hölzerne Türen. Unsere Fragen aber blieben unbeantwortet. Denn das Objekt ist auch Krankenhaus - und damit muss Schweigen akzeptiert werden.