| 02:39 Uhr

"Wir lassen uns nichts überbügeln"

Auf Plakaten wird der Protest sichtbar: Braunkohle-Gegner aus ganz Deutschland trafen sich am Reformationstag in Atterwasch.
Auf Plakaten wird der Protest sichtbar: Braunkohle-Gegner aus ganz Deutschland trafen sich am Reformationstag in Atterwasch. FOTO: utr1
Atterwasch. Rund 500 Braunkohlegegner haben am gestrigen Reformationstag in Atterwasch gegen neue Tagebaue in Deutschland protestiert. Das Dorffest, das seine dritte Auflage erlebte, wird vom Bündnis "Heimat und Zukunft in Brandenburg" organisiert. Vor allem Tagebau-Betroffene sowie Politiker zog es in das abbaggerungsbedrohte Dorf. Ute Richter / utr1

Mit einem Gottesdienst zur Bewahrung der Schöpfung begann das Dorffest in der mittelalterlichen Feldsteinkirche von Atterwasch. Der Platz reichte kaum aus, als Pfarrer Mathias Berndt seine Predigt hielt. Vor der Tür versammelten sich Bürgerinitiativen, bauten Stände auf und führten Gespräche. Diese kreisten hauptsächlich um ein Thema: Wie kann der geplante Tagebau Jänschwalde-Nord verhindert werden?

Die Teilnehmer des Podiumsgespräches machten den Einwohnern der abbaggerungsbedrohten Dörfer Atterwasch, Kerkwitz und Grabko Mut. Petra Pösch aus Proschim, Leiterin eines landwirtschaftlichen Firmenverbundes, berichtete, dass sie grundsätzlich nicht mit dem Energiekonzern Vattenfall verhandle. Der geplanten Neuaufschluss des Tagesbaus Welzow II trifft auch sie. "Ich möchte aber mit allen Proschimern weiter so leben wie bisher. Wir lassen uns nichts überbügeln, wir wollen bleiben", betont sie.

"Ein drohender Tagebau zerstört jede Dorfgemeinschaft", sagt Thilo Krahneis aus Pödelwitz in Sachsen. Er will auf keinen Fall sein Dorf zu verlassen, das 2027 einem Braunkohletagebau der Mibrag weichen soll. Gemeinsam mit 18 anderen Dorfbewohnern will sich der 47-jährige Schlossermeister der Umsiedlung widersetzen. "Wenn der Bagger 2028 bei uns vorbei ist, dann sind wir gerettet", zeigt er sich optimistisch.

Stephan Pütz aus Nordrhein-Westphalen machte den Atterwaschern als allererstes ein Kompliment: "Ich bin hier in einem Teil Deutschlands gelandet, der es schafft, eine ordentliche Revolution auf die Beine zu stellen", sagte der Polizeibeamte aus Immerath. Er selbst klagt aktuell vor dem Bundesverfassungsgericht auf sein Recht auf Heimat. Die mündliche Verhandlung hat Pütz bereits hinter sich. Nun wartet er auf das Urteil. Immerath soll dem Braunkohletagebau Garzweiler II weichen.

Ganz spontan ergriff auch die 75-jährige Edith Penk aus Schleife das Mikrofon. Sie übergab der Landtagsabgeordneten Monika Schulz-Höpfner (CDU) symbolisch Setzlinge für Bäume, die aus dem ehemaligen Jagdpark Pücklers stammen. Die rüstige Sorbin ist Mitglied der Bürgerinitiative "Energiewende Jetzt - kein Nochten II".

Monika Schulz-Höpfner und Reinhard Jung, Geschäftsführer des Bauernbundes Brandenburg, gehören zu den Mitbegründern des Bündnisses "Heimat und Zukunft in Brandenburg". Die Politikerin lebt seit 30 Jahren in Atterwasch. "Die Energiewende ist die Reformation des 21. Jahrhunderts", betonte sie.

"Wir brauchen flexible Reservekraftwerke auf Gasbasis, die die Schwankungen von Wind und Sonne ausgleichen. Und in dem Maße, wie eine verlässliche Einspeisung aus überwiegend erneuerbaren Energien wächst, muss die Braunkohleverstromung zurückgefahren werden", sagte Bauernbund-Präsident Karsten Jennerjahn.

Kritisiert wurde auch die schwedische Regierung und dessen Staatskonzern Vattenfall. "Wir haben es satt, der schmutzige Hinterhof Schwedens zu sein, während die Gewinne nach Skandinavien transferiert werden", empörte sich Günter Jurischka aus Proschim von der "Allianz für Welzow".

Pfarrer Mathias Berndt aus Atterwasch verabschiedet die Teilnehmer mit den Worten: "Bleibt stark, haltet zusammen und vergesst nicht, dass zum Leben, auch zu einem bedrohten, die Lebensfreude gehört."

Monika Schulz-Höpfner (r.) bekommt Setzlinge geschenkt.
Monika Schulz-Höpfner (r.) bekommt Setzlinge geschenkt. FOTO: utr1
Auch das Medieninteresse an der Kundgebung war groß.
Auch das Medieninteresse an der Kundgebung war groß. FOTO: utr1