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| 17:11 Uhr

Regionale Daten
Klima mitten im Wandel

Die Niederschlagsentwicklung in der Region wird voraussichtlich bis zur Jahrhundertwende leicht ansteigen, so Dr. Klaus Keuler von der BTU Cottbus-Senftenberg. Allerdings werden die Extreme zwischen niederschlagsreichen und -ärmeren Jahren sehr viel weiter auseinandergehen. Die Punkte auf der Karte gehen von zwei Szenarien aus – alles geht weiter wie bisher (RCP8.5, gefüllte Punkte), oder man verfolgt weltweit energisch die Klimaschutzziele.
Die Niederschlagsentwicklung in der Region wird voraussichtlich bis zur Jahrhundertwende leicht ansteigen, so Dr. Klaus Keuler von der BTU Cottbus-Senftenberg. Allerdings werden die Extreme zwischen niederschlagsreichen und -ärmeren Jahren sehr viel weiter auseinandergehen. Die Punkte auf der Karte gehen von zwei Szenarien aus – alles geht weiter wie bisher (RCP8.5, gefüllte Punkte), oder man verfolgt weltweit energisch die Klimaschutzziele. FOTO: LR / Jürgen Scholz
Guben. Klaus Keuler gab bei Gubener Leseherbst Einblicke in die Arbeit der Klimaforscher. Seine Erkenntnisse schmecken nicht jedem.

Eine Grafik nach der anderen wirft der Forscher an die Wand. Er erklärt erst den Unterschied zwischen jetzt herrschendem aktuellen Wetter und dem Klima als eine statistisch fassbare Größe, erklärt Begriffe wie Hitzetag und Frosttag, verweist auf frühere Messdaten, um dann einen Ausblick zu wagen auf das Klima, wie es in 80 Jahren in der Lausitz sein könnte.

Dabei steigt Dr. Klaus Keuler so nett ein in den Vortrag, den etwa 40 Zuhörer in der Gubener Bibliothek verfolgen wollten. Ob ihnen denn dieser Sommer gefallen habe, will Keuler von seinen Zuhörern wissen. Die meisten bejahen es. Der Klimaforscher hat den Leimstreifen  ausgelegt.

Als Bezugspunkt nimmt der Statistiker die Daten der Station des Deutschen Wetterdienstes im Cottbuser Meisenweg. Denn dort werden schon seit Jahrzehnten alle möglichen Parameter gemessen, die für seine Arbeit notwendig sind. Die Meteo-Wetterstation in Guben hilft bei einer langfristigen Betrachtung nicht weiter, wenn beispielsweise die weltweit verbindliche Klimaperiode der Jahre von 1961 bis 1990 zum Vergleich herangezogen wird.

Bei allen Vergleichen greifen die Forscher auf Durchschnittswerte zurück: die mittleren Tagestemperaturen führen zu mittleren Monatstemperaturen, die zu mittleren Jahrestemperaturen. Dann wird das Mittel der Klimaperiode als langjährige Vergleichsgröße genommen. Das Klima wird mathematisch fassbar.

 Für Cottbus heißt das: Im Mittel herrschen Temperaturen von 9 Grad, fallen 563 Liter Niederschlag pro Jahr auf den Quadratmeter, gibt es 9,2 Hitzetage im Jahr, an denen das Thermometer über 30 Grad steigt. Im Mittel waren bislang die regenreichsten Monate der Juli und August, der regenärmste Monat der Februar. Und im Mittel gab es nur einen Monat, den Januar,  in dem die Temperatur unter null Grad fiel.

Das war einmal. Seit 1990 steigt die mittlere Jahrestemperatur um 0,25 Grad pro Dekade, in den vergangenen 50 Jahren um 1,2 Grad, machte Keuler die Veränderung deutlich. Die mittlere Januar-Temperatur hat nun ein Pluszeichen  vor der Zahl. Damit ist der einst frostige Monat in guter Gesellschaft: Fast alle Monate haben inzwischen ein um zwei Grad höheres Monatsmittel als noch in  der Vergleichsperiode 1961 bis 1990. Nur im Oktober und November blieb die Temperatur nahezu unverändert, zeigt Keuler auf einer Grafik.

Was den meisten Menschen so gefiel in diesem Sommer, das lässt bei dem Klimaforscher alarmierend die Sirenen aufheulen: Die Sonnentage haben um drei pro Dekade zugenommen, was einer Steigerung von 40 Prozent entspricht, die Zahl der Hitzetage hat sich im Vergleich des Klimamittels der Jahre 1961 bis 1990 fast verdoppelt. Für den Statistiker Keuler sind das  inhaltlich gravierende Veränderungen, weil die Häufigkeit an Extremwetterlagen zunimmt. Gleichzeitig gehen die Kältetage zurück.

„Das Klima hat sich bereits geändert“, sagt er seinen Zuhörern und erklärt, wie die Prognosen zustande kommen. Und er betont: Bislang habe die 1990 erstellte Prognose gestimmt, 2025 sei das Schicksalsjahr. Wenn bis dahin die Klimaziele vor allem zur Reduzierung der Treibhausgase weltweit und umfassend umgesetzt würden, könnte man eine noch gravierendere Erwärmung abwenden. Ansonsten sehen die Prognosen für die Region eine Steigerung der Temperatur um vier bis sechs Grad voraus. „Im Mittel“, wie Keuler betont. Das heißt, dass der Sommer 2018 etwa zur Mitte des Jahrhunderts der Standardsommer würde – die Extremtemperaturen könnten entsprechend höher ausfallen. „Das“, so rollt Keuler seinen ausgelegten Leimteppich wieder ein, „dürfte dann wahrscheinlich keinem mehr so gefallen.“

Inwiefern die Daten aus Cottbus denn für Guben aussagekräftig seien, wollte ein Zuhörer wissen. Die Temperaturen mögen unterschiedlich sein, so Keuler – der Anstieg werde überall in der Region etwa gleich ausfallen. In größeren Städten könnte es sogar noch extremer werden, weil dort Haushalte, Geräte und Verkehr Wärme ausstrahlen. Das führe beispielsweise dazu, dass in Städten wie Frankfurt am Main im Winter die Temperatur teilweise fünf Grad über der des Umlandes liege.

Ein Besucher der Gubener Leseherbst-Veranstaltung äußerte sich skeptisch, was Prognosen angeht, und führte als Beispiel an, dass 1970 auch das Ende der Ölvorräte vom Club of Rome vorhergesagt worden sei. Öl gebe es immer noch, Prognosen seien per se zweifelhaft. Im Gegensatz dazu, so Keuler, sei die Klimaforschung pure Mathematik, die auf den grundlegenden Gesetzen der Physik basiere. Und so lange die nicht auf den Kopf gestellt würden, seien die Berechnungen verlässlich. Bislang seien die Prognosen auch fast auf den Punkt eingetroffen. Möglicherweise könnten die Niederschläge auch noch um einige Liter pro Jahr steigen, so Keuler. Aber sie würden wahrscheinlich nicht mehr verlässlich im Sommer fallen. Und die Unterschiede zwischen trockenen und feuchten Jahren könnten sehr viel größer  ausfallen. Der Klimaforscher geht zunächst immer vom Mittelwert aus.

Was den Menschen in Erinnerung bleibt, sind die Extreme der vergangenen 51 Jahre. Wie der heißeste Tag. Der wurde von der Wetterstation im Cottbuser Meisenweg am 7. August 2015 gemessen mit 38,5 Grad. Der kälteste Tag liegt schon etwas länger zurück – das war der 9. Februar 1956 mit minus 27,6 Grad. Die höchste Windgeschwindigkeit wurde bei Kyrill am 18. Januar 2007 mit 127 Stundenkilometern gemessen.

Und unter den Top-Ten der wärmsten Jahre sind fast alles Jahre aus der Zeit seit der Jahrtausendwende – also der neuen Klimaperiode, die aber noch bis zum Jahr 2020 läuft.