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| 14:37 Uhr

Wenn Bordsteine zu Hürden werden
Wie barrierefrei ist Guben?

Wenn die Tür nicht mit einem Taster zu öffnen ist, wird es schwierig. Betroffene geben der Stadt Guben die Note 4 in Sachen Barrierefreiheit – und sehen das nicht nur auf Rollstuhlfahrer beschränkt.
Wenn die Tür nicht mit einem Taster zu öffnen ist, wird es schwierig. Betroffene geben der Stadt Guben die Note 4 in Sachen Barrierefreiheit – und sehen das nicht nur auf Rollstuhlfahrer beschränkt. FOTO: Gerhard Seybert/fotolia
Guben. Schlechtes Urteil zum Aktionstag: Die Behindertenbeauftragte sieht reichlich Nachholbedarf. Von Michéle-Cathrin Zeidler und Thomas Engelhardt

Viele Geschäfte und Restaurants sind nur über Stufen zu erreichen, die Bordsteine sind oftmals viel zu hoch, und es gibt keine akustischen Signale an den Ampeln – zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am kommenden Montag hat sich die RUNDSCHAU einmal umgehört, wie barrierefrei die Neißestadt wirklich ist. Das Urteil ist ernüchternd.

„Die Barrierefreiheit ist in Guben gerade ausreichend. Ich würde ihr die Schulnote vier geben“, sagt Stefanie Ehm, die Leiterin der Wohnstätte der Lebenshilfe Guben. „Ohne Hilfe ist es unseren Bewohnern nicht möglich, durch die Stadt zu fahren.“ Aktuell werden in der Wohnstätte sechs Menschen im Rollstuhl betreut. „Besonders schlimm sind die Bordsteine im Bereich der Bahnhofstraße, der Alten Poststraße und der Kaltenborner Straße“, berichtet Stefanie Ehm. Gerade mit den sperrigen Pflegerollstühlen hätten die Betreuer an vielen Stellen in Guben zu kämpfen. „Wir können den Bordstein dann nur rückwärts herunterfahren, und durch das Gewackel werden unsere Bewohner verängstigt“, weiß auch Iris Rückert von der Geschäftsleitung der Einrichtung. Oftmals werde bei Spaziergängen daher auf die Straße ausgewichen.

„In der Innenstadt wurde in den vergangenen Jahren viel gemacht. Dort ist es besser“, sagt Stefanie Ehm. „Allerdings kommen Rollstuhlfahrer in kaum ein Geschäft oder Restaurant.“ Stufen würden hier zu unüberwindbaren Hürden. Nur ein Geschäft in der Altstadt verfüge ihrer Meinung nach über eine Rampe. „Das Rathaus ist barrierefrei, aber in der Bibliothek wird es schon wieder schwierig“, so Iris Rückert. In den schmalen Fahrstuhl zur oberen Etage würden die Pflegerollstühle nicht zusammen mit dem Betreuer passen. „Problematisch ist auch die Rampe zum Bahnhof“, erzählt Stefanie Ehm. „Abgesehen davon, dass sie total verdreckt ist, ist sie viel zu steil. Da kommen die Rollstuhlfahrer nicht hoch. Selbst unsere Betreuer sind oben völlig außer Puste.“ Auch die scharfe Kurve sei alleine nur schwer zu meistern.

Noch schlimmer schätzen die beiden die Situation für blinde Menschen in Guben ein. „Es gibt nicht eine Ampel mit akustischem Sig­nal“, erklärt Stefanie Ehm. Andere Städte in Brandenburg seien deutlich barrierefreier. „Aber es passiert immerhin etwas. Im kommenden Jahr wird die Bahnhofstraße gemacht“, weiß Iris Rückert. „Ich würde mir wünschen, dass sich auch mehr Restaurants und Geschäfte auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung einstellen“, fügt Stefanie Ehm hinzu.

Dass es in Guben noch reichlich Nachholbedarf in puncto Barrierefreiheit gibt, ist auch Regina Bellack in ihrer Funktion als Behindertenbeauftragte der Stadtverwaltung bewusst. „Wir müssen aber weg von diesem Denken, dass wir etwas für spezielle Gruppen bauen, sondern wir sollten etwas immer für alle Menschen bauen. Und auch weg davon, dass eine Beeinträchtigung automatisch heißt, dass jemand im Rollstuhl sitzt. Das erfordert ein anderes Denken und Planen.“ Und genau das sei noch nicht ausreichend ausgeprägt – auch nicht bei den Planungsbüros. Ein Beispiel sei die Rampe für Rollstuhlfahrer am Platz mit den Senioren-Sportgeräten direkt an der Neiße. Diese habe zwar die notwendige Breite von 1,20 Meter gehabt, aber anfangs nicht berücksichtigt, dass im Kurvenbereich zum Rangieren der Rollstühle eine größere Breite benötigt wird. Also musste dort im Nachhinein eine Ecke entfernt werden.

Ein anderes Beispiel, wie unterschiedlich das barrierefreie Denken ausgeprägt ist, zeige sich im Rathauskomplex. Während es für Musikschule und Bibliothek die Tastschalter zum Öffnen der Türen gebe, könnten Rollstuhlfahrer die Tür zum Museum nur mithilfe öffnen. „Das liegt einfach daran, dass am Bau verschiedene Planungsbüros beteiligt waren“, so Regina Bellack. Sie warnt aber auch vor vorschnellen Urteilen. So sei das Bauen im Bestand, beispielsweise bei für Behinderte schwer zugänglichen Geschäften in der Altstadt, eine sehr schwierige Angelegenheit. „Das Anbringen einer Klingel kann eigentlich nur ein kleiner Kompromiss sein, aber einen komplett barrierefreien Umbau kann sich letztlich auch keiner leisten.“

Ihr als Behindertenbeauftragte bleibt letztlich nur die Möglichkeit zu appellieren: „Jeder sollte bedenken, dass wir alle in diese Lage kommen können.“