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| 01:23 Uhr

Wendischer Liederkranz

Ratzdorf.. „Es ist lange her, dass hier in Ratzdorf sorbische Lieder gesungen wurden“, erinnerte Karl Fisher, Leiter des Gymnasiums im Stift Neuzelle. Grund genug für sorbisch/wendische Künstler, sich in der Gast- und Tanzwirtschaft „Kajüte“ vorzustellen. Jana Pozar

Die Veranstaltung, organisiert vom Gymnasium im Stift Neuzelle, wurde durch die Stiftung für das Sorbische Volk Cottbus gefördert. Im ehemals wendischen Gebiet zwischen Guben und Fürstenberg werden heute noch wendische Bräuche wie Maibaum aufstellen oder Osterfeuer gepflegt. Chöre aus Cottbus wollen mit dem wendischen Liederkranz an diese alten Traditionen anknüpfen. Neuzelle - wendisch Nowa Cala - war im 19. Jahrhundert Ausbildungsstätte vieler wendischer Dorfschullehrer, zu denen auch Kito Swjela (Christian Schwele, 1836-1922) gehörte, der 51 Jahre lang die einzige wendische Wochenzeitung redigierte.
Der Saal der "Kajüte" war am Samstagabend krachend voll, Beweis dafür, dass es in der Region viele Sympathisanten der sorbisch/wendischen Sprache und des sorbisch/wendischen Brauchtums gibt. Ein ganzer Reisebus kam aus Trziebel (Triebel). Mit dem Kinderchor in Trziebel hat das Niedersorbische Kinderensemble Cottbus seit vielen Jahren enge Kontakte. "Wir müssen uns unserer gemeinsamen Vergangenheit bewusst werden, Wenden gibt es sowohl hier in der Lausitz als auch in Polen. Wir müssen auch in uns hineinhören", fügte Maria Elikowska-Winkler, Sachgebietsleiterin an der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur in Cottbus, mit ihrem unnachahmlichen, sorbischen Temperament an.

Kontakte knüpfen
Die wenigen Sorben, die es in Deutschland noch gibt, sollen nun, frei von Grenzen, Kontakte zu ihren polnischen Verwandten, Bekannten und Freunden knüpfen und pflegen und vor allem die Sprache und die Kultur vor dem Vergessenwerden retten.
Nicht nur für "echte Sorben" war der Abend ein Vergnügen. Die Frische, die Lebensfreude und die Heimatliebe der großen und kleinen Wenden in ihren wunderschönen Trachten steckten wohl jeden Zuhörer an. Anja und Katja Donath sowie Diana Apitz aus Fehrow sind nur drei von ihnen. Die 24-Jährigen sind ehrenamtliche Mitglieder des Kinderchores, seit 16 Jahren singen sie im Chor, der seit 1982 besteht. "Uns ist es wichtig, unser Brauchtum zu bewahren, Traditionen zu pflegen", sagte Anja Donath mit leuchtenden Augen. "Leider können wir nur wendisch singen, verstehen sonst kaum ein Wort Wendisch", bedauerte Diana Apitz.
Tänze wie "Osterwasser" ("Jatsowna woda"), Mazurka oder Polka spiegelten das Temperament der Sorben wider. Lieder wie "Lob an die Heimat" ("Chwalba domownje") oder "Meine Wälder" ("Ach, moja gola") zeigten die unverwüstliche Liebe zur Heimat. Wunderschön auch "Der Wind" ("Wetsyk"), den der Zuhörer buchstäblich durch die zarten Frühlingsblätter säuseln hörte.

Bekannte Persönlichkeiten
Einen Einblick in das Leben von bekannten sorbisch/wendischen Persönlichkeiten gaben Vorträge über Kito Swjela und Mina Witkojc (1893-1975), die der wendischen Wochenzeitung „Swjelas“ in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu neuem Leben verhalf. Aktueller denn je war ihre "Bitte der wendischen Kinder an ihre Lehrer" ("Psosba serbskich zisi na swojich wucabnikow"), die wendische Sprache zu pflegen.
Werner Rosse aus Breslack (der sorbische Name Breslacks bedeutet so viel wie Birkensumpf) war überwältigt von den Gesängen des Chores Sielow und des Kinderchores. "Ich habe selbst früher im Chor gesungen", sagte der 72-Jährige, "deshalb weiß ich, wie schwer es ist, diese anspruchsvollen Lieder einzustudieren." Besonders beeindruckt war er vom Gesang von Maria Elikowska-Winkler im "Ave Marija", das sie gemeinsam mit dem Kinderchor sang.
Höhepunkt und würdiger Abschluss des Nachmittages war das "Hahnschlagen" ("Kokot"), das das Niedersorbische Kinderensemble in einer wunderbaren Choreografie von Jan Domaschka darbot.
Das Programm wurde in Ratzdorf nach über einem dreiviertel Jahr Probenarbeit uraufgeführt. "Im August werden wir dieses Programm in den Masuren zeigen", sagte Karl Fisher, der selbst im Chor Sielow mitsingt, stolz.