(utr) Zu einer besonderen Veranstaltung hatte die Stadt Guben anlässlich des Tages der Deutschen Einheit in die Stadtbibliothek eingeladen. Es ging um Erinnerungen an den Wendeherbst vor 30 Jahren aus Sicht Gubener Bürger. Unterschiedlichste Berufs- und Altersgruppen erzählten ihre persönlichen Geschichten.

So wie Heinz Lehmann. 1965 kam er der Lehre im Chemiefaserwerk (CFG) wegen nach Guben. Er erinnert sich an die Wendezeit als eine spannende Zeit, sagt aber: „Die Arbeit hat Spaß gemacht und man hat ja gar nicht selbst gedacht, dass da gerade etwas Historisches passiert.“ Ganz genau erinnert er sich an den Moment, als Schabowski auf die legendäre Frage nach dem Zeitpunkt der Reisefreiheit antwortete. Da nämlich saß er im Hobbykeller und hörte es im Radio, vergewisserte sich sofort via Fernsehbildschirm.  Dann erzählt er von der Zeit nach der Wende, bei der in der Polymerisation im CFG von elf Mitarbeitern noch einer übrig blieb. Heinz Lehmann orientierte sich um, stieg als Versicherungsmakler ein und hatte bis zu seinem Renteneintritt eine eigene Versicherungsfiliale.

Aus Sicht einer damaligen Bäckereiinhaberin schilderte Marlis Stiller ihre Erinnerungen an den Wendeherbst. Sie hörte im Radio von der Grenzöffnung. „Am 4. Oktober kamen die Leute morgens in unseren Laden und erzählten von ihrem nächtlichen Ausflug nach Westberlin“, berichtet sie aus dieser Zeit. Schnell kamen westdeutsche Vertreter, wollten allerlei Zutaten für das Bäckerhandwerk verkaufen. Doch Stillers blieben sich treu und ihre Nachkommen backen noch DDR-Brötchen nach damaligem Rezept, was die Gubener bis heute sehr schätzen.

Wolfgang Peter erzählte über die Zeit aus Sicht eines Polizisten. Er war damals bei der Transportpolizei, war als Abschnittsbevollmächtigter in verschiedenen Bereichen eingesetzt. Später arbeitete er bei der Kriminalpolizei. Bereits 1988 habe es zunehmend Hinweise auf verstärkte „Personenbewegung“ in Richtung Polen gegeben. Er erinnert sich auch an Leute, die auf Güterzügen saßen. „Es gab damals keine Anordnung, Gewalt anzuwenden“, berichtet er von Zeiten, als die Leute auf die Straße gingen.

Anne Bischoff, im Jahr 1967 geboren, war damals Anfang 20. Sie gehörte mit ihrem Mann zu DDR-Zeiten zu einer Randgruppe. „Wir wollten nicht provozieren, aber aufgrund unseres alternativen Lebensstils gerieten wir manchmal ins Visier der Polizei.“ Zur Wendezeit hatten sie zwei kleine Kinder und sie erinnert sich an große Angst, aber auch an große Hoffnung nach der Wende. Sie schätze die Freiheit, die es mit der Wende gab, sehr.

Monika Vodene und ihre Kollegin, beide Krankenschwestern damals in der Poliklinik Berliner Straße, berichten aus dieser Zeit, dass ihre Arbeit ganz normal weiterging. „Wir haben ja in Schichten gearbeitet, mussten uns um die Patienten kümmern und haben so kaum etwas von der Grenzöffnung mitbekommen.“ Sie berichten davon, dass sie später mit 40 Patienten bei vollem Stationsbetrieb in das Naemi-Wilke-Stift gezogen seien. 1992 hatte das Stift die Poliklinik übernommen, nachdem in der Berliner Straße noch zehn Jahre nach der Wende bei schlechten baulichen Bedingungen weitergearbeitet worden war. Der Umzug sei für die Mitarbeiter und Patienten eine Erleichterung gewesen.

Hannelore Müller (1960 geboren) erzählte ihre Geschichte aus Sicht einer Verkäuferin, seit 1989 dann selbständige Kommissionshändlerin. Kurz vor Einführung der D-Mark haben die Menschen ihren Laden leer gekauft. „Niemand wusste ja, was jetzt auf uns zukommt.“ Mit der D-Mark kamen ein neues Sortiment und neue Herausforderungen. Nach zehn Jahren musste sie ihren Laden schließen. Die Leute kauften lieber in den mittlerweile eröffneten großen Supermärkten ein.

Organisiert hatte die Veranstaltung die Stadt Guben in Zusammenarbeit mit der Bibliothek. Franziska Emrich und Uwe Schulz hatten bewusst Menschen aus unterschiedlichen Berufen und damit verschiedenen Sichten eingeladen. Für die Besucher war es sehr spannend, jetzt nach 30 Jahren die Gubener Geschichten zu hören. Und die sind noch lange nicht alle erzählt.