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Beobachten, verfolgen, zersetzen
Was wusste die Stasi in Guben?

Rüdiger Sielaff informierte zum Wirken der Staatssucherheit in Guben.
Rüdiger Sielaff informierte zum Wirken der Staatssucherheit in Guben. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler
Guben . Noch im Sommer 1989 sammelten 550 inoffizielle Mitarbeiter Informationen in der Stadt.

„Lage ist komplizierter als sie erscheint, eine weitere Zuspitzung verträgt sie nicht“ – zu dieser Erkenntnis kam der Leiter der Stasi-Kreisdienststelle Guben am 27. November 1989. „Wohl wahr“, urteilt Rüdiger Sielaff, Leiter der Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder), während seines Vortrags am Dienstagabend. Mehr als 40 Interessierte hörten seinen Ausführungen gespannt zu. „Die Mauer war bei diesem Eintrag bereits gut zwei Wochen gefallen und es war klar, dass sich das System gravierend ändern würde“, so Rüdiger Sielaff.

Kurz nach der Notiz begannen die Mitarbeiter der Staatssicherheit in Guben, Teile ihrer Unterlagen abzutransportieren und zu zerstören. „Nach einer Dienstversammlung am 1. Dezember gab es in Guben den Befehl: 50 Prozent in den Wald“, erzählt Rüdiger Sielaff.  Einige seiner Zuhörer bestätigen am Dienstagabend, dass sie zu dieser Zeit  viel Feuer im Hof der Stasi gesehen hätten.

Trotz der massiven Aktenvernichtung finden sich heute in den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde insgesamt rund 111 Regal-Kilometer Schriftgut, 41 Millionen Karteikarten, 1,7 Millionen Fotos, Fotonegative und Dias, 30 100 Film-, Video- und Tondokumente sowie 15 000 Säcke mit zerrissenem Material. Es sind Zeugnisse eines Spitzel-Apparates, Dokumente über geplantes und begangenes Unrecht, über Anpassungen und Verrat, aber auch Belege für Zivilcourage und Widerstand. „Die Überlieferungslage ist in Guben gering“, so der Experte. „Insgesamt haben wir 12,5 laufende Meter Akten  und neun Säcke mit zerrissenen Unterlagen.“ Im Vergleich sei das sehr wenig.

Die Kreisdienststelle der Stasi befand sich in Guben im Schlagsdorfer Weg. „Sie war relativ klein“, erzählt Rüdiger Sielaff. Relativ klein, das heißt, es waren 41 hauptamtliche Mitarbeiter: „Sie erhielten von den inoffiziellen Mitarbeitern Informationen aus allen gesellschaftlichen Bereichen.“ Neben Antragstellern auf Übersiedlung und kirchlichen Einrichtungen standen besonders die Gaststätte „Universum“, das Hut Kombinat, das Naemi-Wilke-Stift und das Chemiefaserwerk im Fokus. „Im Chemiefaserwerk arbeitete eine Vielzahl ausländischer Mitarbeiter, aus diesem Grund wurden auf sie 19 IM angesetzt.“ Im Jahr 1978 wurde außerdem der Absturz eines Jagdflugzeuges der eigenen Streitkräfte auf ein Gubener  Fabrikgelände genau von der Stasi untersucht. „Dabei ging es vor allem darum, was die Menschen vom Absturz mitbekommen hatten und was sie weiter kommunizierten“, erläutert Rüdiger Sielaff.

Die Stasi führte in Guben keine Statistik über ihre inoffiziellen Mitarbeiter (IM), allerdings lassen sich aus dem Material Rückschlüsse ziehen. Im Sommer 1989 waren demnach insgesamt 550 IM in Guben tätig. Die Decknamen waren vielfältig und wurden von den IM selbst gewählt. In Guben gab beispielsweise „Puck“, „Ivers“, „Elbe“ und „Schraube“. „Besonders beliebt waren Blumen und Bäume“, weiß Rüdiger Sielaff. „Die Decknamen waren nicht einzigartig und so finden sich zahlreiche ‚Rosen’ und ‚Tulpen’.“

Für Aufsehen sorgten in Guben im Jahr 1983 zwei junge Männer. Sie spielten auf einer Disko Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“. „Da in diesem Lied Erich Honecker auf die Schippe genommen wird, wurden beide zu fünf Monaten Freiheitsentzug verurteilt“, erzählt Rüdiger Sielaff. „Doch selbst die Stasi erkannte, dass dieses Urteil zu hart war und wandelte es in eine Geldstrafe um.“