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Was Kindern mit Trauma hilft

Kinder aus sieben Nationen spielen gemeinsam in der Kita des Hauses der Familie in Guben.
Kinder aus sieben Nationen spielen gemeinsam in der Kita des Hauses der Familie in Guben. FOTO: Silke Halpick
Guben. Kinder buddeln im Sand, spielen Ball auf der Wiese oder fahren Roller auf dem Vorplatz. Das ist Alltag in der Kita des Hauses der Familie (HdF) in Guben. Silke Halpick

Hier werden 20 Mädchen und Jungen aus sieben Nationen betreut, darunter auch solche, die Krieg und Flucht erlebt haben. Wie Erzieher Traumata erkennen und den Betroffenen helfen können, war jetzt Thema eines Workshops der Arbeitsgruppe Kita des Landkreises Spree-Neiße.

"Manche Kinder weinen viel oder reagieren mitunter aggressiv", erzählt Annett Sterker, Erzieherin am HdF. Auch das Aufheulen einer Sirene oder ein Hubschrauber am Himmel könne die Kinder erschrecken, die sich dann an die Erzieherinnen "klammern", wie Sterker erzählt. Vor allem bei Jungs auffällig sei, dass diese Waffen bauen und damit Krieg spielen.

Solche und ähnliche Erfahrungen machen viele Erzieherinnen in Kitas, in denen Flüchtlingskinder betreut werden, wie Claudia Petrick von der Praxisberatung für Kindertagesbetreuung in Spree-Neiße bestätigt. Acht Schwerpunktkitas gibt es im Landkreis, die aufgrund ihres hohen Anteils an Kindern mit Migrationshintergrund oder mit besonderem Förderbedarf zusätzlich personell und finanziell unterstützt werden. Dazu gehört auch das Haus der Familie in Guben mit seinem "Children Center", das Kita und Eltern-Kind-Gruppe umfasst.

Rund die Hälfte der Menschen, die Krieg und Vertreibung erleben, erkranken an den traumatischen Erlebnissen, sagen Experten der Bundespsychoterapeutenkammer mit Sitz in Berlin. Betroffen sind auch Kinder, die als Folge unter Entwicklungs- und Angststörungen leiden. "Wir wissen nicht, was sie auf ihrer 3000 bis 5000 Kilometer langen Flucht alles erlebt haben", betont Kerstin Leutert-Glasche, HdF-Geschäftsführerin. Mitunter seien selbst ganz kleine Kinder schon Zeuge geworden, wie Angehörige hingerichtet wurden.

"Vielen Pädagogen fehlt das Grundlagenwissen, weil das Thema Traumata bisher in den Einrichtungen keine so große Rolle spielte", sagt Petrick. Aufgrund des gestiegenen Bedarfs und Interesses hat die Arbeitsgruppe Kita Spree-Neiße gemeinsam mit der RAA Brandenburg, einer landesweit agierenden Unterstützungsagentur für Bildung und gesellschaftliche Integration, nun ein praxisorientiertes Seminar organisiert.

Und was kam heraus? "Die Kinder und ihre Familien brauchen vor allem verlässliche Angebote, die ihnen das Gefühl von Sicherheit geben", sagt Petrick. Nur so könne das Stresssystem, das bei den Betroffenen im dauerhaften Notfallprogramm läuft, beruhigt werden. "Wir haben aber auch erfahren, dass beispielsweise klassische Fangespiele die Erinnerung, gehetzt zu werden, auslösen können", erzählt Sterker. Dunkle Ecken wiederum würden das Gefühl, eingesperrt zu sein, verstärken. Diese praktischen Tipps fand sie besonders "nützlich".

"Unseren Erfahrungen nach sind die Familien dankbar für jede Unterstützung", betont Leutert-Glasche. Um traumatisierten Kindern künftig noch besser helfen zu können, seien nun interne Qualifikationen geplant, bei denen konkrete Fallbeispiele besprochen werden.

Zahlen, wie viele Flüchtlingskinder in den verschiedenen Einrichtungen des Landkreises betreut werden, nennt Petrick nicht. "Wir machen keinen Unterschied zwischen Flüchtlings- und anderen Kindern", begründet sie. Nur so viel: Von allen Kindern im Landkreis Spree-Neiße nehmen mehr als 60 Prozent die Betreuungsangebote wahr. Im Krippenalter sind es 40 Prozent, im Kita-Alter sogar 90 Prozent und bei den Hortkindern 40 Prozent.

Zum Thema:
Die Rate der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist bei Flüchtlingen und Asylbewerbern im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das bis zu Zehnfache erhöht. Darüber informiert die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Gefordert wird, dass es in den Erstaufnahmeeinrichtungen entsprechende Untersuchungen gibt und Kontaktpersonen wie Sozialarbeiter oder Allgemeinärzte geschult werden, um Symptome zu erkennen. (sha)