ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:12 Uhr

Nach mehr als 20 Jahren
Ladenglocke und Kasse verstummt

Roland Kaschke hat es bisher nicht übers Herz gebracht sein Ladenschild „Kaschkes Verbrauchermarkt“ abzuhängen.
Roland Kaschke hat es bisher nicht übers Herz gebracht sein Ladenschild „Kaschkes Verbrauchermarkt“ abzuhängen. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler
Pinnow. Nach über einem Vierteljahrhundert: Kaschkes Verbrauchermarkt in Pinnow geschlossen. Von Michéle-Cathrin Zeidler

Die Jalousien sind unten und die Ladentür ist verriegelt. Wo sich einst Zucker, Mehl, Tütensuppen und Gewürzgurken in den Regalen ordentlich stapelten, liegt heute eine dünne Staubschicht. Ende vergangenen Jahres haben Roland Kaschke und seine Frau Anette „Kaschkes Verbrauchermarkt“ in Pinnow für immer geschlossen. „Ich habe mich bis heute nicht daran gewöhnt“, erzählt Roland Kaschke.

Seit 1991 standen Kaschkes hinter der Kasse. „Damals herrschte eine Gründerstimmung und in vielen Dörfern entstanden kleine Läden“, blickt Roland Kaschke zurück. Sein erstes Lebensmittelgeschäft eröffnete der Pinnower in der ehemaligen Wäscherei-Annahmestelle. 1992 folgte der Umzug in den  einstigen Kuhstall des Familienhofes. „Wir haben alle Produkte für den täglichen Bedarf geführt“ erzählt der 54-Jährige. Von der Dauerwurst bis zur Damenstrumpfhose: Das Sortiment umfasste zwischen 6000 und 8000 Produkte. „Einige Lebensmittel haben wir auch selber produziert“, so Kaschke.  „Zu Spitzenzeiten hatten wir 70 Hühner.“

Anfangs führte der Stahlbauschlosser den kleinen Laden nebenberuflich. Seine Frau, die schon vorher im Verkauf tätig war, stand den ganzen Tag hinter der Kasse. „Erst gab es in Pinnow auch noch den Konsum“, erinnert sich Roland Kaschke. Doch dieser schloss 1992: „Dadurch entstand eine Lücke.“ Drei Jahre später eröffnete das Ehepaar in den Sommermonaten eine weitere Verkaufsstelle am Pinnower See. „Beide Läden kamen sehr gut an und wir hatten ordentlich zu tun“, so der ehemalige Ladeninhaber. Die Kunden, die überwiegend aus Pinnow, Groß Drewitz und Staakow kamen,  schätzen das individuelle Sortiment. „Wir haben Produkte geführt, die der Großmarkt nicht hatte und sind auf Kundenwünsche eingegangen“, sagt Roland Kaschke. So gab es bei Kaschkes zum Beispiel „Aufs Brot“ - eine Art Frischkäsequark. „Ich hab den nie gegessen, aber meine Frau und die Kunden dafür umso mehr“, schmunzelt Roland Kaschke.

So bunt wie das Sortiment waren auch die Kunden im Kaschkes Verbrauchermarkt: Früh kamen die Brötchen- und Zeitungskäufer, vormittags die Senioren auf einen Schwatz und die Hausfrauen zum Wocheneinkauf. Mittags holten sich die Kinder Süßigkeiten und abends legten die Berufstätigen auf ihrem Weg nach Hause noch schnell einen Stopp bei Kaschkes ein, um die restlichen Zutaten für das Abendessen zu besorgen.

„Wir waren ein Treffpunkt im Ort“, erklärt Roland Kaschke. Wer hatte Geburtstag, bei wem steht eine Hochzeit an und wo war neulich der Krankenwagen - bei Kaschkes gab es immer die neusten Informationen zum Dorfleben. „Das fehlt heute in Pinnow“, so Roland Kaschke.

Zu Hochzeiten verzeichnete der kleine Einkaufsladen täglich 700 Kassenbewegungen. „Bei bestem Badewetter hatten wir außerdem bis zu 1500 Kassenbewegungen in der Außenstelle am See“, verrät der Ortsvorsteher. „Teilweise gab es da so viel Trubel, ich hätte es nicht mitbekommen, wenn jemand etwas einsteckt hätte.“

2006 musste er den Laden am See aus familiären Gründen schließen und seit 2008 arbeitete Roland Kaschke wieder hauptberuflich als Stahlbauschlosser in Guben: „Meine Frau hat danach den Laden geschmissen und ich hab nach Feierabend geholfen.“ Traditionell sei das Geschäft in den Sommermonaten immer besser gelaufen als in den Wintermonaten. Im vergangenen November standen am Abend allerdings nur noch zwischen 50 und 100 Kassenbewegungen im Buch. „Das war viel zu wenig, um rentabel wirtschaften zu können“, so Roland Kaschke traurig. Lange hätten seine Frau und er mit sich gerungen: „Am Ende hatten wir keine andere Wahl. Wir mussten an unsere Zukunft denken.“

Kaschkes Verbrauchermarkt habe nicht mehr der Zeit entsprochen. „Viele gehen heute lieber in große Lebensmitteldiscounter“, weiß Roland Kaschke. „Mit den Preisen konnten wir nicht mithalten. Häufig waren die Produkte bei uns im Einkauf schon deutlich teurer.“

Heute gibt es für die 345 Bewohner in Pinnow noch einen Bäcker und einmal in der Woche kommt das Fleischereimobil. „Viele Pinnower haben es bedauert, dass wir geschlossen haben“, weiß Roland Kaschke. „Aber der Mensch gewöhnt sich an alles.“ Rein von der Logik sei die Entscheidung zur Schließung des Ladens richtig gewesen: „Emotional allerdings nicht.“