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| 19:25 Uhr

Tödliche Flucht
Gedenken in Guben an Farid Guendoul

 Jedes Jahr treffen sich Gubener am Gedenkstein für Farid Guendoul, um der „Hetzjagd“ von 1999 zu gedenken.
Jedes Jahr treffen sich Gubener am Gedenkstein für Farid Guendoul, um der „Hetzjagd“ von 1999 zu gedenken. FOTO: dpa / Z1022 Patrick Pleul
Guben. Vor 20 Jahren hetzten Gubener Rechtsradikale den jungen Asylbewerber Farid Guendoul in den Tod. Von Daniel Schauff

Zu Tode gehetzt. Auf den Tag genau 20 Jahre ist es her, dass der damals 28-jährige algerische Asylbewerber Farid Guendoul aus Angst durch die Glastür eines Wohnblocks in der Hugo-Jentsch-Straße sprang, sich die Beinarterie verletzte, verblutete.

Elf Täter landen vor Gericht. Mittlerweile ist mehr als ein Jahr vergangen. Im November 2000 fallen die Urteile: drei Jugendstrafen, zwei bis drei Jahre, sechs Bewährungsstrafen, zwei Verwarnungen. Einen Skandal nennt das der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Ein Paradebeispiel dafür, dass der Rechtsstaat mit rechten Tätern nicht fertig werde.

Guben wird überregional bekannt, eine unrühmliche Bekanntheit, eine, die sich die kleine Stadt am Ostrand der Republik nun unter anderem mit Hoyerswerda, mit Rostock-Lichtenhagen teilt. Eine Bekanntheit, die bis heute hält, auch wenn von der Tat in Guben nur noch ein Gedenkstein erzählt, dort, wo einst der Block stand, in dessen Hauseingang der werdende Vater verblutete. Ein Gedenkstein, der immer wieder Ziel von Schändungen durch Neonazis wird. 2013 startet ein Onlineprojekt, „re:Guben“, das sich mit der Tat und den Folgen zwei Jahre lang beschäftigt, um die Tat nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

19 Jahre nach Guendouls Tod reist seine Tochter nach Guben, besucht den Gedenkstein. Es sei eine lange, schwierige Suche gewesen, sagt Regina Bellack, Integrationsbeauftragte der Stadt Guben. Die Presse weiß nichts davon. „Ich durfte nicht einmal ein Foto machen“, sagt Regina Bellack. Die junge Frau, Dahlia heißt sie in der Mitteilung der Stadt, will nicht in die Öffentlichkeit, will keinen Kontakt zu Reportern, auch nicht anonym. Sie bekommt Geld, Geld, das über Jahre hinweg von Menschen aus ganz Deutschland gesammelt worden war. Wie viel – „mehrere Tausend Euro“ heißt es vonseiten der Stadt und der Evangelischen Kirchengemeinde Region Guben, die die Spenden verwaltet hatte. Nein, das Echo, das der Tod des damals 28-Jährigen ausgelöst hat, soll nicht noch einmal von Guben in die Welt schallen. Tut es nicht. Dahlia sei eine „junge Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht“, sagte Regina Bellack damals nach dem Treffen mit ihr. Die Spendenaktion zeige „großen Respekt für die Situation von Menschen, denen etwas Schlimmes widerfahren ist, die man nicht kennt und mit denen man nicht familiär und freundschaftlich verbunden ist“, so zitierte die Stadtverwaltung Farid Guendouls Tochter.

Die Stadt selbst sorgt gleichzeitig dafür, dass das Echo nicht ganz verstummt. Offensiv. Einen Tag vor dem Todestag Guendouls, der sich, um seine Familie in seinem Heimatland zu schützen, in Deutschland Omar Ben Noui nannte, Flugzeugmechaniker werden wollte, veröffentlicht die Verwaltung eine Mitteilung. „In der (...) breiten öffentlichen Diskussion nach der Verurteilung der Täter wurde deutlich, dass hier nicht nur der Rechtsstaat gefordert ist, sondern alle Altersgruppen für einen toleranten Umgang auf der Grundlage des Grundgesetzes gefragt sind. Das Gedenken am Todestag von Omar Ben Noui ist deshalb Mahnung und Auftrag zugleich“, heißt es darin.

Gedenken – das werden am Samstag, wie jedes Jahr, eine Reihe von Gubenern am Gedenkstein tun. Die Linke, Fraktion und Ortsverband, organisiert das seit dem Tod Guendouls. Die Resonanz? Verhalten. Trotzdem, den Organisatoren ist der Termin wichtig, seit zwei Jahrzehnten. Die Stadtverwaltung wird Vertreter schicken, die Stadtverordnetenversammlung. Einige Bürger kommen auch. „Wir machen das einfach“, sagt Linke-Fraktionsmitglied Peter Stephan. Den Tod Guendouls, durch Ausländerfeinde verschuldet, dürfe man nicht vergessen. Um 10 Uhr beginnt das stille Gedenken