Karl Gander überliefert in überschwänglichen Worten, dass die Freude der Gubener über die deutsche Einheit und die Wiederherstellung des Kaisertums „alle Herzen durchglühte“ (Geschichte der Stadt Guben, S. 360). Historiker haben vermerkt, dass das einstige liberal-nationale Bewusstsein (1848 Republik) des Bürgertums in ein national-liberales (Kaisertum) umgeschlagen war, in der Folgezeit mit forcierter Rüstung und Nationalismus verbunden, wie aus zahlreichen Denkmalseinweihungen hervorgeht (Gubener Heimatkalender 1998).

Die 47-jährige wilhelminische Epoche hat die Struktur der deutschen Städte und damit auch die in Guben nachhaltig geprägt. Im Hinblick auf industrielle Anlagen, öffentliche Bauten und nicht zuletzt mit den bis heute überkommenen Villen und Bürgerhäusern.

In der Provinz Brandenburg zeigte sich das „Textildreieck“ Guben – Cottbus - Forst als Hauptstandort der Hutproduktion.

Die bis dahin heimische Schafzucht der Lausitz als Rohstoffgrundlage wurde zunehmend durch „Überseewolle“ ersetzt und machte 1888 bereits 70 Prozent aus (Zuckermann, Tuchindustrie, 1981).

Als größte Betriebe in vollstufiger Produktion (Spinnerei, Weberei, Walke, Färberei und Appretur) entstanden die Firmen Bernhard Lehmann, Reißner sowie Lehmann & Richter an der Alten Poststraße, H. Schemel an der Lubststraße (heute Gubin), F. W. Schmidt an der Bahnhofstraße (nach 1945 Poliklinik) und Max Huschke an der Cottbuser Straße. Die weltbekannte Gubener Hutindustrie (Woll- und Haarhüte) wurde repräsentiert durch C. G. Wilke in der Gasstraße und den Konzern Berlin-Gubener Hutfabrik AG an der Ufer- und der Winkelstraße (Abt. Lissner, heute abgetragen).

60 Bäckereien

Zahlreich vertreten waren Handel und Gewerbe. So gab es (Stand 1890) hier unter anderem über 60 Bäckereien, über 50 Kolonialwaren-Handlungen, 50 Fleischereien und 20 Weinhandlungen.

Besonders augenfällig waren die rund 70 Restaurationen und Ausflugslokale als Zentren der Geselligkeit, vor allem während der legendären Baumblüte. Beliebt waren dabei die Militärkonzerte, Bälle und Tanzkränzchen. Walzer, Foxtrott, „Schieber“ und Tango waren ebenso populär wie die Melodien der Wiener und der Berliner Operette.

33 000 Einwohner

Typisch für die Epoche war der Ausbau der Infrastruktur im Rahmen der anwachsenden Einwohnerschaft (1870 = 20 000 und 1900 über 33 000). Von 1871 bis 1914 entstanden in etwa zeitlicher Reihenfolge (Auswahl): neuer Bahnhof, Buchdruckerei König, Stadttheater, Reichspost, Naemi-Wilke-Stift, Schlachthof, Wasserwerk, Städtische Volksbibliothek, Straßenbahn, Volksschule V, Bismarckturm, Stadtmuseum, Lichtspielhaus und Gasstraße. Im Jahre 1907 waren in Guben unter anderem 11 360 Personen in Bergbau sowie Industrie und 2017 in Handel und Verkehr beschäftigt. Der traditionelle Weinbau war durch Obst- und Gemüsebau abgelöst worden.

Die aufkommenden Automobile (frz. „Selbstfahrer“ oder Motorwagen) bildeten noch eine Seltenheit. In der ul. Rozana (ehemals Breiter Steig) befindet sich das Wohnhaus des 1876 in der Königstraße geborenen Wilhelm Pieck, der dort bis 1890 lebte.

Infolge des Weltkrieges wurde die Monarchie gestürzt und im November 1918 die Republik ausgerufen. Darauf soll in der nächsten Folge dieser Serie eingegangen werden.