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Von 886 Häusern durften 172 Bier brauen

Guben. Die Technik des Stahlstichs war in Deutschland noch nicht lange bekannt, als sich im Jahr 1850 in München der Stahl- und Kupferstecher Johann Friedrich Poppel anschickte, eine Ansicht von Guben nach dem neuen Verfahren in Metall einzuarbeiten. Jetzt tauchte diese Rarität auf einem Antiktrödelmarkt in Aachen auf. Entdeckt hat sie dort der Journalist und Sammler Atze Schmidt, 77, der in seinem Privatarchiv auch noch einen Text über das alte Guben fand.

Der vielbeschäftigte Künstler Poppel bediente sich für den Gubener Stich einer Vorlage des aus Preußen stammenden Malers und Graphikers Julius Gottheil. Es war seinerzeit gang und gäbe, dass wanderfreudige Künstler über Land zogen und lohnende Motive vor Ort festhielten, die dann in Stahlstich- oder Lithographie-Ateliers für die Vervielfältigung bearbeitet wurden. Kupferstiche kamen damals aus der Mode, Stahlstiche waren weniger aufwendig herzustellen, und der Bedarf an reproduzierbarem Bildmaterial war groß. Denn in rascher Folge erschienen nun Bildungswerke und Souvenirhefte sowie die ersten Illustrierten.

Den Text über das alte Guben fand Atze Schmidt in dem Werk "Saxonia", das um die Mitte des vorvorigen Jahrhunderts in Dresden veröffentlicht wurde, herausgegeben von einem "Museum für Sächsische Vaterlandskunde".

"Guben liegt 6 Meilen südlich von Frankfurt a. d. Oder in einer angenehmen Gegend", steht dort zu lesen. "Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnet sich die am Markte gelegne Hauptkirche aus, welche eine der größten Kirchen in der Lausitz seyn möchte." Zur wirtschaftlichen Lage der Stadt heißt es: "Ein Hauptnahrungszweig der Einwohner Gubens ist der Wein- und Obstbau, und die vortrefflichen Obstarten werden weit versendet. Vor zwei Jahren sind Kirschen von hier sogar nach Kopenhagen verschickt worden." Sodann wird über die Bedeutung eines weiteren damals wichtigen Wirtschaftszweiges wie folgt informiert: "Die Bierbrauerei geht noch immer sehr stark und wird in 4 Brauhäusern betrieben. Außerdem sind von den 886 Privathäusern der Stadt immerhin 172 brauberechtigt. Noch behauptet hier der Bierzwang sein altes Recht, denn 72 Dörfer müssen ihren Bierbedarf aus der Stadt entnehmen."