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| 02:38 Uhr

Vom Bergbau bedrohte Dörfer protestieren am Sonntag gegen Abbaggerung

Der Ortsbürgermeister von Kerkwitz, Roland Lehmann, zeigt ein Transparent zur Energiewende.
Der Ortsbürgermeister von Kerkwitz, Roland Lehmann, zeigt ein Transparent zur Energiewende. FOTO: dpa
Kerkwitz. Drei vom Braunkohlebergbau bedrohte Dörfer wollen erneut ein Zeichen gegen ihre mögliche Abbaggerung setzen. Zum inzwischen zehnten Mal wird zum Sternmarsch in Südbrandenburg aufgerufen. Besuch bei einem Kerkwitzer, der schon beim ersten Mal dabei war. Anna Ringle

Einmal im Jahr gehen Bewohner aus drei Dörfern in Südbrandenburg an der Grenze zu Polen aufeinander zu und treffen schließlich auf einer Wiese zusammen. Der Protest gegen eine mögliche Abbaggerung der Ortschaften für die Braunkohle hat sich schon zu einer Art Tradition entwickelt. Es ist inzwischen der zehnte Sternmarsch, der an diesem Sonntag ansteht und zu dem wieder Hunderte Teilnehmer erwartet werden. Er fällt in eine Zeit, in der völlig unklar ist, ob der neue Tagebaubetreiber Leag die ehemaligen Vattenfall-Pläne für einen neuen Tagebau im Lausitzer Revier weiterverfolgen wird.

Roland Lehmann steht am Dorfplatz von Kerkwitz - es ist seine Heimat. Das Dorf mit 500 Einwohnern hat einen kleinen Dorfladen und viele gepflegte Grundstücke. Hier sei er geboren und zur Schule gegangen, erzählt der 58-jährige ehrenamtliche Ortsbürgermeister (parteilos). Seine Familie lebe hier in sechster Generation. Schon beim ersten Sternmarsch 2008 sei er dabeigewesen und seither jedes Jahr. Für Lehmann steht fest: Wenn das Dorf einmal abgebaggert werden sollte, dann wäre das für ihn eine Katastrophe. "Für mich würde eine Welt zusammenbrechen."

In Kerkwitz und den benachbarten Dörfern Atterwasch und Grabko in der Gemeinde Schenkendöbern (Spree-Neiße) gibt es Bewohner, die ihre Wut gegen die Braunkohle-Pläne unmissverständlich herauslassen. In Vorgärten hängen Plakate, und Transparente sind an Bäumen, Straßenlaternen und Zäunen befestigt.

Was den heimischen Energieträger anbetrifft, gehen die Meinungen vielerorts in der Lausitz auseinander. Die Braunkohlenindustrie gibt dort seit langer Zeit Tausenden Arbeit. Die Kohle gehört für viele zur Identität der Region, in der das zweitgrößte Braunkohlerevier Deutschlands liegt. Nach der Wende wurden viele Gruben geschlossen, und die Region erlebte einen Strukturbruch.

Heute arbeiten noch rund 8000 Menschen in den Gruben und Kraftwerken. Dazu kommen weitere Firmen, die zum Beispiel Dienstleistungsaufträge haben. Die Länder Brandenburg und Sachsen stehen zur Braunkohle und betonen immer wieder, dass der heimische Energieträger mindestens so lange gebraucht werde, bis die Speichertechnologien für erneuerbare Energien wirklich ausgereift seien.

Zugleich ist die Braunkohle als "Klimakiller" in den vergangenen Jahren in Deutschland stark unter Druck geraten. Nach langem Streit verabschiedete das Bundeskabinett im November den Klimaschutzplan 2050 zur Minderung von Kohlendioxid. Bei der Braunkohle verhinderte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) allerdings einen Fahrplan für einen Ausstieg.

Besonders die Abbaggerungen bewegen in der öffentlichen Debatte die Gemüter. In der Lausitz mussten während der vergangenen Jahrzehnte schon viele Ortschaften der Kohle weichen, Braunkohlegegner und Betroffene sprechen von Identitätsverlust. Und immer wieder betonen auch sorbische und wendische Vertreter, dass ein Teil der Kultur der Minderheit mit slawischen Wurzeln, die heute nur noch in der Lausitz siedelt, bedroht sei.

Bislang ist unklar, ob die einstigen Vattenfall-Pläne zu einem möglichen Tagebau Jänschwalde-Nord weiterverfolgt werden.

Die Leag kündigte unlängst an, dass es noch vor Sommer 2017 eine Entscheidung dazu geben werde. Die Landesplanung will diese abwarten und hält sich deshalb zurück.