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| 02:36 Uhr

Vielseitiges religiöses Leben in Guben

Pastor Michael Voigt übernahm zusätzlich die Krankenhausseelsorge.
Pastor Michael Voigt übernahm zusätzlich die Krankenhausseelsorge. FOTO: Anne Nicolay-Guckland
Guben. 15 Prozent der Gubener gehören einer Religion an. Auch die Kirchgemeinden haben immer weniger Mitglieder, seit Neuestem aber auch wieder Menschen, die sich für Glaube und Kirche interessieren, erklärt Pastor Michael Voigt.

Seit dreieinhalb Jahren ist Pastor Michael Voigt (57) Pastor der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Des Guten Hirten (SELK) in Guben. Vor zweieinhalb Jahren übernahm der studierte Theologe zusätzlich die Aufgabe des Krankenhausseelsorgers am Naemi-Wilke-Stift, nachdem sein Vorgänger Peter Wroblewski Ende April 2013 in den Ruhestand gegangen war.

Nach Ihrer über dreijährigen Tätigkeit in Guben: Ist Ihre Arbeit so, wie sie es sich vorgestellt haben?

Ich bin im September 2012 nach Guben gekommen, um neben der Gemeindearbeit die Krankenhausseelsorge zu übernehmen. Krankenhausseelsorge hat mich nach 20 Jahren im Gemeindepfarramt in Weigersdorf (bei Bautzen) gereizt, weil sie an einer Nahtstelle zwischen "Kirche" und "Gesellschaft" geschieht. Die Arbeit bereitet mir sehr viel Freude, auch wenn es oft schwer ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Aber positiver Stress soll ja nicht schädlich sein.

Sie haben als Krankenhausseelsorger oft mit Menschen ohne kirchlichen Hintergrund zu tun. Was bedeutet das für Sie?

Das genau wollte ich ja. Hier begleite ich Menschen in Krisensituationen, höre ihnen zu, nehme mir Zeit für sie. Was ich vorher nicht wusste, ist, wie häufig dabei religiöse Fragen auftauchen, zum Beispiel: "Warum geht es mir so schlecht, ich habe doch nichts Böses getan!"

Was ist an einer solchen Frage "religiös"?

Wir Menschen suchen alle nach tragfähigen Antworten in vier lebenswichtigen Bereichen, die ich als "religiös" bezeichne, weil allgemeingültige, "wissenschaftliche" Antworten nicht möglich sind. Das sind die Fragen nach dem Sinn unseres Lebens, nach Schuld und Verantwortung, nach dem "Warum?" des Leidens und wie wir trotz der ständigen Bedrohung durch den Tod fröhlich bleiben können. Wenn da jemand seine Krankheit mit möglicher Schuld in Verbindung bringt, dann ist er eindeutig auf diesem Feld unterwegs.

Und was antworten Sie da?

Zunächst nichts. Ich will und kann ja meine Antworten niemandem überstülpen. Zuhören - das ist die eigentliche Hilfe, die ein Krankenhausseelsorger zu geben hat.

Anfang Januar haben Sie zu einem "Einsteigerkurs für Neugierige" eingeladen, in dem Menschen den "Glauben entdecken" können. Wie kam es dazu?

Es gab einige, die sich dafür aus persönlichen Gründen interessierten. So brauchte es nur noch Einladung und Termin. Ähnliche Seminare habe ich schon kurz nach der Wende in Sangerhausen, meiner ersten Pfarrstelle, durchgeführt. Möglicherweise spürt jetzt mancher, 25 Jahre nach der Wende, dass materiell besser zu leben nicht heißt, besser mit dem Leben zurechtzukommen. Zumal uns zurzeit der "Boden unter den Füßen" spürbar wankt. Auch gab es wohl noch nie so viele Menschen, die an ihrer Einsamkeit leiden. . .

Wie kann man sich das Seminar vorstellen, wie läuft es ab?

Es geht darum, christliches Glaubenswissen weiterzugeben und zu Erfahrungen des Glaubens zu ermutigen. Beides gehört zusammen. Zunächst treffen wir uns an vier Abenden. Dann wissen die Leute in der Gruppe, worauf sie sich einlassen, wenn sie sagen, wir gehen weitere Schritte auf diesem Weg.

Was kann Glaube für Menschen bedeuten, welche Bedeutung kann dieser für Menschen im Alltag haben?

Glauben ist ein anderes Wort für Vertrauen. Leben kann grundsätzlich nur, wer anderen Menschen Vertrauen schenkt, sonst traute man sich nicht einmal mehr bei Grün über die Ampel. Glauben heißt, Menschen vertrauen zu lernen. Oft trägt mich aber auch mein Vertrauen zu Gott, wo Zukunftsangst und Sorge mir sonst schlaflose Nächte bereiten würden oder Menschen mich enttäuscht haben. Gottesdienst in der Gemeinde zu feiern und seine Kraft zu erleben, das entlastet und motiviert mich für den Alltag. Nicht zuletzt bewahren mich mein Beruf und die vielen wunderbaren Menschen, die ich kennenlerne, vor der Einsamkeit, an der heute viele leiden.

Mit Michael Voigt sprach

Anne Nicolay-Guckland