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| 17:37 Uhr

Cottbus/Guben
„Warum lebst Du noch? Stirb endlich!“

Der Angeklagte Toni W. (r.) im Prozess um den Totschlag an seiner Mutter. Am Mittwoch, 21. März, hat die Verhandlung gegen den Gubener vor dem Landgericht Cottbus begonnen.
Der Angeklagte Toni W. (r.) im Prozess um den Totschlag an seiner Mutter. Am Mittwoch, 21. März, hat die Verhandlung gegen den Gubener vor dem Landgericht Cottbus begonnen. FOTO: Daniel Friedrich / LR
Cottbus/Guben. Die Staatsanwaltschaft sieht im Totschlagsprozess gegen einen Gubener Anzeichen für eine schizophrene Erkrankung. Von Daniel Friedrich

In Handschellen wird Toni W. (Name von der Redaktion geändert) in den Gerichtsaal am Cottbuser Landgericht geführt. Der Angeklagte schaut unauffällig aus im grauen Anzug und Turnschuhen. Regungslos und ohne ein Wort verfolgt er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und die Zeugenvernehmung.

Der Mann muss sich wegen Totschlags verantworten. Im August 2017 soll der Gubener seine Mutter in der gemeinsamen Wohnung an der Frankfurter Straße mit einem Messer getötet haben. Nachbarn hatten an jenem späten Abend zunächst einen heftigen Streit in der darüber liegenden Wohnung bemerkt. Den Stimmen nach zu urteilen, sei dem Nachbarspärchen sofort klar gewesen, dass es sich um Toni W. und seine Mutter handeln müsse. Die Mieter kannten sich eher oberflächlich. Man grüßte sich, redete über das Wetter oder über Katzen.

Als die Schreie aus der oberen Etage aggressiver und das Poltern heftiger wurden, entschlossen sich die Nachbarn, die Polizei zu rufen. „Als ich im Hausflur nachhörte, schrie der Angeklagte: ‚Warum lebst du noch? Stirb endlich!’ Da war mir klar, dass es ernst ist“, führte der als Zeuge geladene Nachbar aus. Zudem seien Hilferufe der Mutter des Angeklagten zu hören gewesen. Dann sei es plötzlich still geworden.

Viel zu lange habe es jedoch gedauert, bis die Polizei kam und sich letztlich mit Hilfe der Feuerwehr Zugang zur Wohnung verschaffte, berichten die Nachbarn. Der Angeklagte öffnete die Tür nicht von selbst.

Prozessauftakt vor dem Landgericht Cottbus: Angeklagt ist ein heute 42-jähriger Gubener, der im August 2017 seine Mutter erstochen haben soll.
Prozessauftakt vor dem Landgericht Cottbus: Angeklagt ist ein heute 42-jähriger Gubener, der im August 2017 seine Mutter erstochen haben soll. FOTO: Daniel Friedrich / LR

In der Wohnung bot sich dem Polizeibeamten Torsten  K., der am Mittwoch ebenfalls als Zeuge aussagte, ein schauerliches Bild. Im Bad gleich neben dem Eingang lag die leblose 66-Jährige blutverschmiert in der Dusche. Hinter ihr stand der Sohn, in Jogginghose und mit nacktem Oberkörper. „Als wir ihn antrafen, hielt er die Hände an den Kopf, so als wolle er ausdrücken ‚Was habe ich hier nur gemacht?’“, schildert Torsten K. seinen Eindruck. Auf Ansprache habe der Angeklagte ruhig, aber etwas verwirrt reagiert. Der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch den Tod der Frau feststellen. Nach Angaben eines Rettungssanitäters habe sie einen tiefen Halsschnitt aufgewiesen.

Schon vor dem Einzug in das Mietshaus fiel dem Zeugenpaar der Angeklagte als aufbrausender Nachbar auf. So soll er sich während der Renovierungsarbeiten einmal heftig über zu laute Musik beschwert haben. Ansonsten habe Toni W. zuweilen „etwas daneben“ gewirkt, sei sonst aber unauffällig gewesen.

Staatsanwalt Martin Mache geht davon aus, dass der Angeklagte Toni W. unter einer paranoiden Schizophrenie leidet. Zu diesem Schluss sei das Gericht aus vorhergehenden Gesprächen und Vorgutachten gekommen.

Eine Schizophrenie schließt eine normale Inhaftierung in einem Gefängnis aus. „Deshalb ist der Angeklagte seit der Tat in einer Art Maßregelvollzug untergebracht“, erläutert Staatsanwalt Mache. Sollte sich die Erkrankung durch das psychologische Gutachten im Verfahren bestätigen, werde die betreute Unterbringung nicht befristet. In regelmäßigen Abständen müsse dann vielmehr überprüft werden, ob die dann festgestellte Krankheit austherapiert werden konnte.

Über seinen Anwalt lässt Toni W. im Verlauf der Verhandlung mitteilen, dass er sich gegenüber einem psychologischen Gutachter auf ein Gespräch einlassen werde. Der Prozess wird voraussichtlich am 9. April um 10 Uhr am Cottbuser Landgericht fortgesetzt.