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| 01:16 Uhr

Unterwegs nach Albertinenaue

Taubendorf.. In den frühen Stunden des Tages ist die Natur noch frisch und sauber. Der Radweg auf dem Neißedamm wird erst später belebt sein. Ein Storch stakt auf den Wiesen, ein Kuckuck meldet sich, die Feldlerchen jubilieren in der Luft. Hans-Joachim Bergmann

Die Landschaft zieht wie in einem Film an mir vorüber: Schlagsdorf auf der rechten Seite des Weges, die gesprengte Brücke mahnt, die alte Eiche, Klein Gastrose und gegenüber das „Heilige Land“ bei Niemitzsch. Auf den Feldern blüht der Raps, und funkelnde Sterne glitzern auf den Grashalmen. Auch Groß Gastrose ist schnell erreicht, wieder eine zersprengte Brücke, vorbei an der ehemaligen Mühle und dem Gutshaus, das Schule war und in dem Seitenbau noch ist.
Dann führt der Radweg in die freie Landschaft. Pohsen (Pozna) wird sichtbar, die kaputte Brücke über die Neiße duckt sich unter dunklen Wolken. Bald ist Albertinenaue erreicht. Zum Gutshaus führen weiß und rot blühende Kastanienalleen. Zwei Torsäulen und Reste einer Mauer grenzen das alte Gutshaus ein.
Albertinenaue wird in der Geschichte 1722 als „Loisen-Hoff“ erwähnt, ist „Vorwerk über der Neiß, worauf ein Hofmann oder Meyer wohnt nebst einem Hausmann“ . Später heißt es dann „Vorwerk Pohsen“ und wird 1867 vom Amtmann Albert Julius Kniehase in Albertinenaue zu Ehren seiner Braut Caroline Albertine Merten umbenannt. Zum Vorwerk gehören 1891 etwa 170 Hektar Land. Das Vorwerk gehörte zum Rittergut Pohsen.
Das Dorf wird bereits im Jahre 1000 als „Pozdicum“ erwähnt. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts soll Pohsen unter Markgraf Dedo II. mit dem Burgwerdium Niemitzsch nebst den Dörfern Göttern, Bösitz, Jetzschko, Leipe und Turno an das Jungfrauenkloster vor Guben gegangen sein. Doch die Reformation und die Türkensteuer machten dem Kloster später zu schaffen. Und so gelangte Pohsen in den Besitz von Peter von Radstock und im Laufe der Zeit an weitere adlige Familien. Das Rittergut wird zwischen 1867 und 1891 verkauft, das Land aufgeteilt. Heute ist das Gutshaus in Pozna verschwunden, einige stattliche Stallgebäude sind im Dorf vorhanden.
Albertinenaue aber bleibt bestehen. Ein zweistöckiges Gutshaus mit Park und Wirtschaftshof ist noch vorhanden. Im Jahre 1921 erwirbt der Fabrikbesitzer Emil Rumsch das Gut. Es hat zu der Zeit 85 Hektar Ackerland, 15 Hektar Wiesen und Weiden, vier Hektar Wald und vier Hektar Umland. 1929 umfasst das Gut von Emil Rumsch und seiner Frau noch 75 Hektar.
Emil Rumsch war ein Bauernsohn aus Eulo. Er erlernte den Beruf des Schlossers, ging auf Wanderschaft, wurde Meister und Erfinder. Er erfand eine Art Welle, die den Waschvorgang in Waschmaschinen ermöglichte, ließ sich seine Erfindung patentieren, gründete in Forst mit seinem Geldgeber die Fabrik „Rumsch und Hammer“ , hatte Zweigstellen in Berlin, Paris und London. Die Firma baute Waschmaschinen für Hotels und Krankenhäuser. Die letzte Waschmaschine arbeitete noch vor kurzer Zeit im Forster Krankenhaus und steht jetzt im Museum der Kreisstadt.
Nachfolger wird Paul Rumsch. Er übernimmt die Firma 1925, hat drei Kinder, die die Markersdorfer Schule, dann das Lyzeum in Guben besuchen. Anne Marie Kulick, geb. Rumsch, ist eine Tochter von Paul Rumsch, wohnt mit Schwiegersohn und Tochter sowie den Enkelkindern auf dem einstigen Sommersitz des Emil Rumsch. Denn in Forst hatte die Familie natürlich ein Stadthaus.
Emil Rumsch verunglückte bei einem Wildunfall mit dem Auto tödlich. Da er sich immer als Landwirt fühlte, erbaute er ein Wirtschaftshaus, das aber 1945 von einer Bombe getroffen wurde. Am 15. Februar 1945 gelang den Russen über Markersdorf der Durchbruch. Schwere Kämpfe entbrannten. Die Familie Rumsch weckte an diesem Tage um 7 Uhr die Taubendorfer. Im Wald kampierten die Bewohner von Albertinenaue und Taubendorf in Erdhöhlen.
Für einige Zeit konnten die Stellungen mit Hilfe deutscher Panzer gehalten werden. Albertinenaue wird mehrmals in Wehrmachtsberichten erwähnt, die Familie zieht sich nach Forst ins Stadthaus zurück.
Im Krieg musste die Fabrik „Rumsch und Hammer“ auch Granaten produzieren. Der Krieg hinterlässt auch in Albertinenaue seine Spuren. Das Haus ist kaputt, die große Scheune abgebrannt. Einschüsse sind noch heute sichtbar.
Mit dem Pferdegespann gelangt die Familie bis Bad Lauterberg und kehrt später nach Albertinenaue zurück. Bis 1953 bauen sie ihren Hof wieder auf, halten Pferde, Schweine und Kühe. In jedem Zimmer des Gutshauses leben Flüchtlinge aus Markersdorf, Neudörfel, Birkenberge. Die Flüchtlinge pachten Land, halten Ziegen, Kaninchen und Hühner, um zu überleben.
In dieser Zeit nach dem Kriege nutzen Anne Marie Rumsch, die spätere Frau Kulick, und die Taubendorfer Jugendlichen ihre Zeit und wandern zum Tanz nach Horno, Grießen, Groß und Klein Gastrose und Schlagsdorf - und dies zu Fuß, denn Räder haben sie keine.
Der Hof hat jetzt 80 Hektar, entgeht der Enteignung - aber nicht dem „Soll“ . Aus Cottbus kommt 1953 eine Warnung, dass die Familie in ein „Umerziehungslager“ nach Sembten kommen soll. In einer Nacht gelingt die Flucht über Berlin, das jüngste Kind ist 14 Tage alt.
In der Lüneburger Heide baut die Familie einen Bauernhof auf, den sie noch jetzt bewirtschaftet.
Nach der Wende gelingt die Rückgabe des Anwesens. Es umfasst jetzt etwa 60 Hektar. Die Tochter der Kulicks studierte in Göttingen Medienwissenschaften, Christina Marie Aldung ist mit einem Landwirt verheiratet. Der baut vorwiegend Erdbeeren und Getreide an.
Die Töchter des Ehepaares Christin Marie (sechs Jahre) und Franziska Sophie (2) verleben mit Eltern und Großeltern eine glückliche Zeit.
Als Frau Kulick vor einiger Zeit das Lyzeum in Gubin besuchte, freute sie sich über die Bänke und Schränke aus ihrer Schulzeit. Nur die Kritzeleien aus alter Zeit sind verschwunden, neue „zieren“ in Polnisch die Bänke.