Von Annett Igel-Allzeit

Barbara Matthias hält sich an den französischen Schriftsteller Marcel Proust. Denn er spricht ihr mit einem Gedanken aus dem Herzen: „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Länder zu suchen, sondern ein neues Sehen zu gewinnen.“ Seit 2013 begleitet die Bloischdorferin als Dozentin die Studienfahrten der Volkshochschule Spree-Neiße unter dem Motto „Veränderung und der Verwandlung der Lausitz“. Rund 25 Touren hat sie mit Klaus Piersig, viele Jahre Leiter der Spremberger Regionalstelle der Kreisvolkshochschule, entwickelt. Diesmal ging es an die Neiße.

Mit elf Gästeführern der Interessengemeinschaft Lausitzer Gästeführer, deren Freunden und Bekannten und vier Bundesfreiwilligendienstlern im Bus startete sie zur Grube „Babina“. Zu Fuß ging es auf gut ausgebauten Pfaden durch das frühere Braunkohle-Abbaugebiet der Grube nahe Lekniza.

Schon eine Stunde später absovierten sie den Rundgang im Park Brody (Pförten).  Die regelmäßigen Parkseminare mit Hacke, Spaten und guten Gesprächen in den Jahren des sich stärkenden Europäischen Lausitzer Parkverbundes zeigen Wirkung. Privat wird der Brühlschen Prunkbau nach und nach wieder aufgebaut. Der drohende Neuaufschluss des Braunkohlentagebaus Brody/Gubin brachte eine neue Unsicherheit. Doch nun habe der polnische Energiekonzern PGE mitgeteilt, die Braunkohlen-Tagebaupläne Gubin/Brody zu den Akten legen zu wollen. „Diese Information, die wir auf dem Himbeer- und Spargelhof in Wieletow  erzählt bekommen, beflügelt uns in unserem Ehrgeiz, uns selbst ein Bild von der Verwandlung der Lausitz zu machen“, sagt Barbara Matthias.

In Gubin erwartet Günter Quiel  die Gästeführer-Gruppe an der Ruine der Stadt- und Hauptkirche. Sie ist gesperrt wegen herabfallender Steine. Doch Quiel hat eine Idee: Er will der Gruppe das moderne Klärwerk zeigen. Das haben sich die Gubiner und Gubener gemeinsam geleistet. Neugierig fahren die Gästeführer und Botschafter der Lausitz im Bus hinter Quiels blauem Auto her und staunen in der Schaltzentrale des Klärwerkes. Die polnischen Mitarbeiter sprechen ein gutes Deutsch, weil sie die Technik in Deutschland vor 20 Jahren gekauft und erlernt haben. Günter Quiel:  „Eine Erfolgsgeschichte, von der wir noch viel mehr erzählen müssen, um weitere Erfolgsgeschichten anzuregen.“  Jetzt sucht er Menschen in der Bundesregierung, die ihm das Geld von nur einem Panzer geben. „Denn dann kann auch die Ruine der alten Haupt- und Stadtkirche ein sicheres Zentrum der Begegnung werden“, sagt er. Im Jahr 1945, so Barbara Matthias, war die Kirche von der  Waffen-SS mit Dokumenten vollgepackt und in Brand gesteckt worden.

Die Rückfahrt führt am Tagebau Jänschwalde vorbei und zum stillgelegten Tagebau Cottbus-Nord, der nun geflutet wird.  Am Aussichtspunkt Merzdorf geht es nicht nur um die schöne Visionen eines Ostsees, sondern auch um die menschliche Neigung zu Superlativen. Barbara Matthias: „Können oder wollen die Menschen und die Verantwortlichen angesichts der Vision die Sorgen ums Trinkwasser in Frankfurt (Oder) noch verstehen?  Nehmen sie die Sorge um die Standfestigkeit angesichts der unterirdischen um- und irregeleiteten Wasserströmungen noch wahr?“

Ein wenig können diese Bildungsfahrten zur Wahrnehmung auch der Probleme beitragen. Dass sie auf kritische Fragen bei ihren Touren durch die sich wandelnde Lausitz gefasst sein müssen, wissen die Gästeführer. Auch deshalb sind die gemeinsamen Weiterbildungen so wichtig.