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| 19:45 Uhr

Angebot für Hinterbliebene
Reden über die Trauer

Krankenhaus-Seelsorger Michael Voigt wird die Gesprächsrunden der Trauergruppe moderieren, die Ende September im Naemi-Wilke-Stift in Guben beginnen. In der Hand hält er Broschüren mit weiteren Informationen, die im Krankenhaus ausliegen.
Krankenhaus-Seelsorger Michael Voigt wird die Gesprächsrunden der Trauergruppe moderieren, die Ende September im Naemi-Wilke-Stift in Guben beginnen. In der Hand hält er Broschüren mit weiteren Informationen, die im Krankenhaus ausliegen. FOTO: LR / Silke Halpick
Guben. Krankenhaus-Seelsorger will Hinterbliebenen mit Gruppengesprächen weiterhelfen.

„Trauer ist die Kehrseite der Liebe“, sagt der Pastor Michael Voigt. Nach dem Tod eines nahen Angehörigen fällt es jedoch vielen Menschen schwer, die richtige Balance zu finden und mit den eigenen Gefühlen klarzukommen. Im Rahmen einer geschlossenen Trauergruppe will der Krankenhaus-Seelsorger Betroffene auf ihrem Weg begleiten.

„Je schwerer und unnatürlicher die Todesfälle sind, desto größer ist auch die Gefahr, dass die Hinterbliebenen nicht allein damit umgehen können“, erklärt Voigt. Der Verlust des eigenen Kindes oder der plötzliche Unfalltod eines Familienmitgliedes fallen für ihn in diese Kategorie. Aber auch die Psyche spiele eine Rolle. Vor allem empfindsame Menschen leiden.

Schon in der Abschiedssituation im Krankenhaus spüre der Seelsorger mitunter, ob die Menschen „gesund“ in die Trauer gehen, wie er sagt. Nach Schätzungen deutscher Trauerberater ist das bei einem Drittel der Betroffenen nicht der Fall. Die Zahl der Problemfälle steigt, insbesondere in den Städten. „Viele Menschen wollen sich vor dem Schmerz des Abschieds drücken, die Zeit der Trauer verkürzen, was aber meist nicht gelingt“, berichtet Voigt.

Eine „gesunde Trauer“ braucht Zeit, mindestens ein Jahr. „Das erste Weihnachtsfest allein, der erste Geburtstag ohne den Verstorbenen sind besonders schwer“, betont Voigt. Für ihn verschwindet Trauer „in Wellen“, deren Intensität mit der Zeit abnimmt. Hinterbliebene staunen im Erfahrungsaustausch in der Trauergruppe, dass es auch bei anderen so lange dauert. Erleichtert stellen sie fest, dass ihre Trauer ja „ganz normal“ ist.

 „Gesellschaftsfähig“ werden die Themen Tod und Trauer auch durch die mediale Berichterstattung. So hat beispielsweise das ARD im Rahmen eines gleichnamigen Themenjahres 2012 eigene Schwerpunkte gesetzt und über persönliche Schicksale berichtet. Pastor Voigt begrüßt dies ausdrücklich und hofft, dass auch die Trauer aus der Tabuzone herauskommt, ähnlich dem Thema Geburt in den 50er-Jahren. In vielen Großstädten gibt mittlerweile sogar schon Trauercafés, bei denen Psychologen oder Seelsorger mit den Betroffenen bei einer Tasse Kaffee offen ins Gespräch kommen.

Die Gubener Trauergruppe ist eine geschlossene Runde und zeitlich begrenzt. Das Angebot richtet sich an Menschen, die das Gefühl haben, in ihrer Trauer „festzustecken“ oder mit ihrem Kummer ganz allein zu sein. Sechs Gesprächsabende von je zwei Stunden sind eingeplant, die von Pastor Voigt moderiert werden. Die Teilnehmer geben nur so viel von sich preis, wie sie wollen. „Niemand wird zum Reden gezwungen“, betont Voigt.

Kirchenzugehörigkeit oder kirchliche Grundkenntnisse sind keine Bedingung für die Teilnahme. Vorausgesetzt wird allerdings Toleranz gegenüber Überzeugungen und Prägungen anderer Menschen sowie Vertraulichkeit über das Besprochene. Vor dem ersten Gruppentreffen gibt es ein Einzelgespräch mit Michael Voigt. Ziel dabei ist es einzuschätzen, ob die Trauergruppe tatsächlich helfen kann oder eine Einzelberatung durch einen Psychologen beziehungsweise Lebensberater geeigneter sind.

Die Gubener Trauergruppe erlebt bereits ihre Zweitauflage. Die Erfahrungen aus der ersten Runde bezeichnet Voigt als „rundum positiv“. Vier Frauen haben daran teilgenommen. Ihnen haben die Gespräche in der Gruppe „gut und weh zugleich“ getan. Entstanden sei eine „eingeschworene Gemeinschaft“, die sich jetzt  noch einmal im September wieder trifft. „Ich bin gespannt darauf“, sagt Voigt.