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Politik & Luther
Talk zu Gott und Politik in Guben

Gut gelaunt sitzt Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, neben der Gubener Stadtverordneten Berit Kreisig.
Gut gelaunt sitzt Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, neben der Gubener Stadtverordneten Berit Kreisig. FOTO: S. Halpick
Guben. Müssen sich Kirche und Staat wieder mehr um die "Abgehängten" in der Gesellschaft kümmern? Diese provokante Frage stellt Gottfried Hain, Verwaltungsdirektor des Naemi-Wilke-Stifts, drei Tage nach der Bundestagswahl. Auch in Guben hat die Alternative für Deutschland (AfD) mit 25,8 Prozent die meisten der Zweitstimmen erhalten. Silke Halpick

In der Gemeinde Schenkendöbern waren es sogar 29,6 Prozent.

Gerichtet ist die Frage an Pfarrer Ulrich Lilie. Der Präsident der Diakonie Deutschland hat gerade seinen Vortrag zu den Auswirkungen der Reformation auf das soziale Leben im Mittelalter beendet. Rund 80 Gäste haben ihm am Mittwochabend im Weiten Raum des Gubener Krankenhauses zugehört. Lilie nickt und sagt, dass Kirche und Diakonie tatsächlich "eine impulsgebende Rolle spielen" können, um diesen Menschen zu helfen.

Funktionieren könne dies allerdings nur im "Mix mit zivilgesellschaftlichem Engagement", räumt der Diakonie-Präsident ein. Die Kommunen selbst seien "klamm", haben zu wenige Einnahmen und zu hohe Ausgaben. Lilie verweist auf Mut machende Initiativen wie das Modellprojekt DORV in Nordrhein-Westfalen, bei dem Bürger ihre Nahversorgung im Dorf selbst organisiert haben. Einen Dorfladen, der vom ortsansässigen Kleintierzüchterverein betrieben wird, gibt es aber auch in Kerkwitz.

Hilfe zur Selbsthilfe - das war einer der Leitgedanken Martin Luthers. Mit der Reformation hat er auch das Armenwesen völlig neu geordnet und die Anfänge für die moderne Diakonie geschaffen, wie Lilie in seinem Vortrag erklärt. Armut gilt nicht länger aus gottgegeben. Statt auf Almosen setzt Luther auf den Gemeinen Kasten. In diesen fließen alle kirchlichen Einnahmen, die von Rat, Gemeinde und Predigern gemeinsam verwaltet werden. Der erste wird 1523 in der Stadt Leisnig aufgestellt. Mit dem Geld finanziert werden die Armen- und Krankenpflege. Die Sozialfürsorge wird immer mehr zur Aufgabe des Staates.

Vordergründig geht es Luther allerdings darum, Armut zu verhindern. Handwerker bekommen zinsgünstige Kredite und Kindern armer Eltern wird der Schulbesuch ermöglicht, wie der Diakonie-Präsident erzählt. Arbeit ist für den Reformator kein Fluch, sondern ein Segen im "Kampf gegen die Armut und gegen den Müßiggang". Für die Reformatoren wird der Beruf zur Berufung, bei dem jeder seine eigenen Talente zum Wohl des Ganzen und zum Dienst am Nächsten einsetzt.

Was Luther wohl heute den Menschen sagen würde, die sich überarbeiten, will der Gubener Pfarrer Dschin-u Oh wissen. "Einen Burnout kannte Luther nicht, obwohl auch er viel gearbeitet hat", sagt Lilie. Kraft habe ihm vermutlich sein "spirituelles Leben" gegeben, vermutet der Diakonie-Präsident. "Pflegt Eure Quellen, würde Luther wohl sagen", betont Lilie.

Zum Thema:
Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche von Wittenberg geschlagen haben. Die Fachwelt bezweifelt allerdings, dass Luther überhaupt einen Hammer dafür besaß. Damals wurde eher geklebt. Das berühmte Werkzeug soll erst 200 Jahre später zu den Thesen gekommen sein. Der 31. Oktober gilt als Beginn der Reformation. 2017 wird der Tag erstmals und einmalig bundeseinheitlich als gesetzlicher Feiertag begangen. In Lutherstadt Wittenberg gibt es Festgottesdienste, einen Festakt im Stadthaus sowie zahlreiche Veranstaltungen.