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Tagebuchaufzeichnungen lassen Herzen bluten

Winfried Töpler hat zahlreiche Gubener mit den Geschichten aus dem Buch "Wenn Herzen bluten" in den Bann gezogen.
Winfried Töpler hat zahlreiche Gubener mit den Geschichten aus dem Buch "Wenn Herzen bluten" in den Bann gezogen. FOTO: Richter/utr1
Guben. Der Bücherfrühling der Stadtbibliothek bietet im März und April ein abwechslungsreiches Programm. Einer der Höhepunkte war in dieser Woche die Lesung mit Dr. Winfried Töpler. Die Tagebuchaufzeichnungen einer Gemeindehelferin in Guben aus den Jahren 1945/46 hat der Görlitzer Bistumsarchivar in zwei Büchern verarbeitet. Ute Richter / utr1 utr1

Hildegard Becker, die in Jahren des Zweiten Weltkriegs und danach Gemeindehelferin in der Pfarrei in Guben war, ist es zu verdanken, dass der Leiter des Bistumsarchives Görlitz, Dr. Winfried Töpler, zwei Bücher über diese Zeit in Guben herausbringen konnte. "Unsere Herzen bluten" lautet der Titel, der über beiden Bänden steht. Aufgrund gesichteter Originalquellen mit Zeitzeugenberichten werden Erlebnisse lebendig, die zur Aufarbeitung von Geschichte beitragen sollen. Der Archivar stieß im Jahr 2000, als er das Bistumsarchiv aufbaute, beim Durcharbeiten und Ordnen von Materialien, die aus Beständen stammen, die unter anderem auch in Neuzelle gelagert waren, auf die Kopie des Tagebuches der Gubener Gemeindehelferin und Pfarrsekretärin Hildegard Becker. Ihr ist es zu verdanken, dass die Nachwelt Augenzeugenberichte über die "schwerste Katastrophe der jüngeren Zeit" erfahren kann.

Hildegard Becker beschreibt in ihrem Tagebuch die Zeit des Beschusses, als sich die Pfarrhausbesatzung über viele Wochen nur im Keller aufhielt. Es gab Zeiten der Not, wo nicht einmal Wasser vorhanden war. Es gab andere Zeiten, in denen das Militär Nahrungsmittel im Überfluss herbeischaffte. Und immer wieder liest man aus den Aufzeichnungen die Sorge heraus, nicht zu wissen, was der nächste Tag bringt.

Winfried Töpler hat die Tagebuchaufzeichnungen mit weiteren Texten aus anderen Quellen verglichen und die Bücher damit angereichert. "Die Autorin hat das Tagebuch auch geschrieben, um für die nachfolgenden Generationen das Erlebte festzuhalten und um es zu verarbeiten", meint der Archivar. Eigentlich sind die beiden Bände ein Buch. "Es ist nur mechanisch voneinander getrennt in zwei Teile", sagt er. Das Ziel ist es, "nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, was Krieg und Unmenschlichkeit anrichten und wodurch Menschen über Generationen geschädigt wurden, auf beiden Seiten der Front, in allen Völkern." Winfried Töpler möchte seinen Teil dazu beitragen, damit das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen immer besser wird, nach Zeiten, in denen man sich als Feinde gegenüberstehen sollte und schlecht miteinander auskam. "Es gab zu viele und zu große Verletzungen auf beiden Seiten", sagt Winfried Töpler.

Zum Thema:
Winfried Töpler wurde 1962 in Guben geboren. Er wuchs in Neuzelle auf und studierte von 1984 bis 1986 Theologie in Erfurt. Von 1991 bis 1995 folgte ein Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der FU Berlin. 1995 bekam Winfried Töpler eine Anstellung im Bistumsarchiv Görlitz. Seit 2005 ist er Leiter des Bistumsarchiv Görlitz und Vertreter des Bistums Görlitz im Stiftungsrat der Stiftung Stift Neuzelle. utr1